"Inside the Yellow Cocoon Shell" von Pham Thien An
„Inside the Yellow Cocoon Shell“ von Pham Thien An

Filmfestival

Langsam, aber eindrucksvoll

| Andreas Ungerböck |
Der vietnamesische Regisseur Pham Thien An gewann mit „Inside the Yellow Cocoon Shell“ den Silver Screen Award für den besten Film beim 34. Singapore International Film Festival.

Das Singapore International Film Festival (SGIFF), 1987 gegründet, legt seit jeher den Fokus auf wegweisendes asiatisches Kino und war und ist maßgeblich an der Entwicklung einer lebendigen lokalen und regionalen Filmkultur beteiligt. Fast vier Jahrzehnte später, bei seiner 34. Ausgabe, die von 30. November bis 10. Dezember stattfand, ist das Festival seiner Mission immer noch treu, asiatische Talente zu fördern und zu unterstützen sowie eine Plattform für neue Stimmen zu sein. Das Publikum erschien zahlreich, und das Festival schloss laut den Veranstaltern mit den höchsten Ticketverkäufen seit 2014 ab und brachte einen Anstieg von 64 Prozent gegenüber der allerdings noch von den Covid-Nachwirkungen beeinträchtigen Vorjahres-Edition.

Preisregen
Den Höhepunkt des Festivals bildet alljährlich die Verleihung der Silver Screen Awards, diesmal mit 15 Auszeichnungen und vier besonderen Erwähnungen. Die Silver Screen Awards wurden 1991 eingeführt und waren der erste internationale Wettbewerb mit einer Kategorie, die ausschließlich dem asiatischen Kino gewidmet ist. Viele Preisträger und Nominierte der Silver Screen Awards haben sich seither als prominente Filmemacher auch weltweit etabliert. 2023 wurden zwölf Spielfilme und 18 Kurzfilme in zwei Kategorien – Asian Feature Film Competition und Southeast Asian Short Film Competition – nominiert. Darüber hinaus wurden zahlreiche andere Preise vergeben, u.a. der Cinema Icon Award an die chinesische Schauspielerin Fan Bingbing, die auch im mehrheitlich chinesisch geprägten Singapur eine große Fangemeinde hat. Auch der Internationale Filmkritik-Verband FIPRESCI entsandte eine Jury.

Der renommierteste Preis, der für den besten Film der Asian Feature Film Competition, ging an Inside the Yellow Cocoon Shell von Pham Thien An, eine Ko-Produktion von Vietnam, Singapore, Frankreich und Spanien. Das 178 Minuten lange Epos, das im Oktober auch bei der Viennale zu sehen gewesen war, ist ein Musterbeispiel dessen, was als „Slow Cinema“ seit Jahren bei Festivals gefeiert wird, geprägt von asiatischen Meistern wie Apichatpong Weerasethakul, Tsai Ming-liang oder Lav Diaz. Minutenlange Einstellungen, in denen „nichts passiert“, außer dass jemand mit einem Moped durch eine nebelverhangene Landschaft fährt, sind das eine und stellen einen Teil des Publikums auf eine harte Probe. Entschädigt wird man im Fall von Inside the Yellow Cocoon Shell jedoch durch eine ungemein vielschichtige und hoch emotionale Geschichte über den Verlust von familiären Beziehungen und lokalen Traditionen. Für einen ersten Spielfilm ist der Dreistünder wirklich ein beeindruckendes Unterfangen, und man darf in dem 34-jährigen Pham Thien An, der (auch) in den USA lebt, einen würdigen Nachfolger der genannten Filmemacher sehen.

Als beste Regisseurin wurde die Koreanerin Yoon Eun-kyung für The Tenants ausgezeichnet. Auch der FIPRESCI-Preis ging an Yoons zweiten Langfilm, eine bizarre Mischung aus Science Fiction, Horror und Schwarzer Komödie, dargeboten mit einem Hauch von Kafka in schlanken 90 Minuten und in Schwarzweiß. Eine besondere Erwähnung der Jury gab es für die phantasievolle Dreiecksgeschichte Dreaming & Dying des aus Singapore stammenden Regisseurs Nelson Yeo. Für das beste Drehbuch wurde Yu Yi-hsun, Autor von A Journey In Spring (Taiwan), ausgezeichnet. Die renommierte taiwanesische Schauspielerin Yang Kuei-mei, bekannt unter anderem aus Ang Lees Eat Drink Man Woman (1994) sowie für ihre kontinuierliche Zusammenarbeit mit Tsai Ming-liang – erhielt für diesen von leiser Trauer, aber auch aufkeimender Hoffnung getragenen Film den Preis für die beste Darstellung.

Der Wettbewerb um den besten südostasiatischen Kurzfilm, eine Art Leistungsschau für die zukünftige Filmszene der Region, war hart umkämpft. Nicht weniger als sieben Arbeiten feierten beim Singapore Festival ihre Weltpremiere. Der Hauptpreis für den besten Kurzfilm wurde schließlich an den philippinischen Film The River That Never Ends von JT Trinidad verliehen. Ebenfalls an die Philippinen ging der Preis für die beste Regie, nämlich an Sam Manacsa für Cross My Heart and Hope to Die. Giselle Lin erhielt für I Look Into the Mirror and Repeat to Myself den Preis für den besten Singapore-Kurzfilm.

Den unter reger Beteiligung des Publikums vergebenen Audience Choice Award beim 34. SGIFF erhielt schließlich, etwas überraschend, ein afrikanischer Film. Goodbye Julia von Mohamed Kordofani ist in Khartum in den Jahren vor der Unabhängigkeit des Südsudans angesiedelt und drückt mit sanfter Wärme und Authentizität das persönliche Dilemma zweier Frauen und das psychologische Trauma einer zerrissenen Nation aus.

www.sgiff.com