Von der heilenden Kraft eines Hausboots
Auf der Adamant gibt es viele Künstler. Dort wird gemalt, gesungen, fotografiert, getanzt. Ein Patient, der viel im Kino war und begeistert von Louis de Funès und Lino Ventura spricht, behauptet sogar: „Es gibt Schauspieler hier, die nicht wissen, dass sie Schauspieler sind. Die Leute sagen, es sei medizinisch. Das glaube ich nicht.“ Fest steht: An Bord der Adamant darf jeder sein, wer und was er ist.
In der Tagesklinik auf der Pariser Seine werden Menschen mit psychischen Problemen betreut. Seit 2010 schieben sich jeden Morgen die hölzernen Lamellen vor den Fenstern des gewichtigen, zweistöckigen Hausboots hoch, um die Patienten zu begrüßen, die sich heute für einen Besuch entschieden haben. Manche kommen regelmäßig, jeden Tag, andere einmal im Monat. Egal. Man wird dort nicht abgewiesen. Grenzen gibt es nicht – nur die üblichen Hürden wie mangelndes Budget und überlastetes Pflegepersonal.
Aber davon erzählt Nicolas Philibert in seiner Dokumentation nicht. Lieber konzentriert er sich ganz auf die Patienten, ohne zu kommentieren. Er lässt sie reden, hört ihnen zu. Immer wieder klingt durch, wie schwer einigen von ihnen das Sprechen fällt. Andererseits sind sie in bestimmten Dingen sehr klar. Sie sind direkt, kommen sofort auf den Punkt. Darin stecke, so Philibert, ein enormes Potential.
Der Regisseur, der für seinen Film bei der Berlinale 2023 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde, sagt, er hätte sich schon immer für psychiatrische Einrichtungen interessiert. Er hat die großen Philosophen studiert und viel zum Thema gelesen: „Vielleicht will ein Teil von mir durch diesen Film herausfinden, wer ich bin. Für mich sind die Patienten Menschen wie du und ich, von denen wir unheimlich viel lernen können. Sie legen die Messlatte für uns alle ziemlich hoch.“
Trotz sämtlicher Freiheiten und Möglichkeiten im Umgang mit den Patienten gibt es aber auch auf der Adamant Regeln und Routinen, Meetings und eine Agenda. Darauf legen die verschiedenen Krankenschwestern und Therapeuten viel Wert. Der größte Trubel herrscht stets im bootseigenen Café. Oft finden dort interessante Workshops statt. Einmal wird Marmelade eingekocht, demnächst ist eine Veranstaltung rund um den menschlichen Körper geplant.
Durch die Ausblendung von Konflikten und jeglicher Schwierigkeiten im öffentlichen Gesundheitssystem neigt Philiberts Perspektive zur Idealisierung, wo vielleicht an manchen Stellen mehr Sachlichkeit gut getan hätte. Andererseits liegen die Probleme ohnehin auf der Hand. Die Adamant ist Zufluchtsort, Heilstätte und Hafen – und der warme, wertfreie Blick des empathischen Dokumentaristen auf die Menschen dort ist zutiefst berührend und inspirierend.
