La Chimera

Filmstart

La Chimera

| Jakob Dibold |
Ein elegantes, gleichzeitig verspieltes Filmwunder über das Diesseits und Jenseits des Jetzt

Denn Grabbeigaben für das Wohl der Lebenden sorgen: Eine fidele Gruppe „Tombaroli“ entleert im Mittelitalien der Achtziger letzte etruskische Ruhestätten, Brauchbares verkaufen sie an einen undurchsichtigen Händler, der damit Profit einfährt. Fraglich, ob sie nur ein einziges der Gräber ohne ihren Mann mit dem besonderen Talent gefunden hätten, den Engländer, von manchen schlicht „il inglese“ gerufen, John. Dem für sein Filmpublikum selbst vergangenheitslosen Eigenbrötler scheint eine magische Verbindung ins Toten- oder zumindest Erdreich in den Körper gelegt, die ihm präzise spürbar den richtigen Ort zum Ausgraben mitteilt. John ist nun wieder da, war im Gefängnis, liebt immer noch Beniamina und besucht gleich deren Mama, Signora Flora. Beniamina verweilt nicht länger unter ihnen, die alt gewordene Flora glaubt fest an auch ihre Rückkehr, darin ist die Mutter vieler Töchter, die sie bald in ein Heim stecken wollen, jedoch allein. Die ganze Würde und Strahlkraft der Isabella Rossellini steckt in dieser Matriarchin, eine wunderbare Rolle für die Schauspielgröße; durch sie lernt der Engländer schließlich Italia kennen, die bei Signora als Gesangs-Studentin, eigentlich aber mehr als Haushaltshilfe wohnt und heimlich ihre zwei Kinder im riesigen, heruntergekommenen Haus mit unterbringt. Just als sich die beiden endlich näherkommen, wird John von der Präsenz des Unterirdischen erfasst und die Tombaroli, auf die zwischendrin sogar Heldenlieder der Arbeit gesungen werden, finden einen wahren Schatz.

Die Schimären sind sowohl das Tagträumen wie auch das Herbeiwünschen in diesem zauberhaften cineastischen Gedicht, Alice Rohrwacher jongliert nach Le meraviglie (2014) und Lazzaro Felice (2018) im dritten Film der thematisch verknüpften Trilogie noch ausgelassener denn bisher mit dem Wirken romantischer Trugbilder italienischer Historie. In La Chimera verläuft ihre besondere, bewusst zwiespältige Nostalgie oft wirklich heiter, etwa wenn die Gegenstandsraub- in Interaktion mit fotografierenden Tourismus-Betreibenden treten, oder sich die Tarnmechanismen des Schwarzmarkts herausstellen. Ebenso alte Stilmittel des Kinos integriert Rohrwacher, trotzdem ist La Chimera in seinen leuchtenden 16- und 35mm-Bildern zeitgenössisch in seiner federleicht-suggestiven Erzählform, die einen Anschnitt von Abenteuerfilmhandlung mit den Gespenstern des Vergangenen und zart entworfenen Zusammenlebensformen der Zukunft kombiniert. Eine Sage, so wirksam nicht nur in Worten, weil zu großen Teilen dank Hélène Louvart – Stammkraft bei Rohrwacher und eine der spannendsten DoPs der letzten Jahre – visuell ein Vergnügen.