Eine Frau muss sich den Schatten der Vergangenheit stellen.
Auf den ersten Blick erscheint das Leben, das die kleine Helena führt, ziemlich wildromantisch zu sein. Sie wächst in den endlos erscheinenden Wäldern, die im Norden Michigans gelegen sind, inmitten einer weitgehend unberührten Natur auf. Mit ihren Eltern verbringt sie in einer abgelegenen Waldhütte ihre Kindheit. Ihr Vater Jacob macht sie mit allen Notwendigkeiten – von Jagd- bis Orientierungstechniken –, die man für das Leben in der Wildnis braucht, vertraut. Mit ihren zehn Jahren verfügt Helena über Kenntnisse, um die sie James Fenimore Coopers „Lederstrumpf“ beneiden würde. Dass Jacob diese ohnehin etwas eigenwillige Form des Heimunterrichts mit manchmal etwas drastischen Methoden betreibt, wirft erste Schatten auf die vermeintliche Idylle im Forst. Ein Verdacht, der sich bald bestätigen soll, als Helenas Mutter die erste sich bietende Gelegenheit ergreift, um mit ihrer Tochter zu fliehen. Denn Jacob hatte sie vor zwölf Jahren entführt, missbraucht und sie die ganze Zeit gefangen gehalten – ein Schreckensszenario, das er vor der gemeinsamen Tochter durch Täuschung und Manipulation jedoch zu verbergen wusste.
Eine fulminante Ouvertüre, die die Basis für einen soliden Thriller legen würde und an die Regisseur Neal Burger mittels eines Zeitsprungs von knapp zwei Jahrzehnten anknüpft. Helena (Daisy Ridley) hat nun selbst eine Familie, mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter verbringt sie ein ruhiges und glückliches Leben. Das wird jedoch erheblich gestört, als Jacob, der seit ihrer Flucht aus dem Wald im Gefängnis sitzt, der Ausbruch gelingt. Zwar findet man wenig später die nach einem Autounfall verkohlten Leichen von ihm und anderen Ausbrechern, doch Helena hat den starken Verdacht, dass dies nur eines seiner Täuschungsmanöver ist und der „Marsh King“ – so der Spitzname des zu zweifelhaftem Ruhm gekommenen Jacob – es nun auf sie und ihre Tochter abgesehen hat.
Alles steuert somit den Regeln des Genres entsprechend auf den Showdown hin. Doch – und das wird zu einem zentralen dramaturgischen Problem – dauert es endlos lange, bis The Marsh King’s Daughter nach dem erwähnten Auftakt wieder Fahrt aufnimmt. Zudem bleibt das psychologische Duell zwischen Helena und Jacob merkwürdigerweise eine zu kurz gekommene Angelegenheit. Daisy Ridley versteht es zwar durchaus, mit einer intensiven Darstellung das ambivalente Verhältnis, das Helena zu ihrem Vater und Peiniger hat, sichtbar zu machen. Doch Jacob kommt kaum über den Typus des kauzigen Zausels hinaus, dem Charakter fehlt jene sinistre Komponente, die es für einen griffigen Thriller gebraucht hätte.
