All of Us Strangers

Filmstart

All of Us Strangers

| Pamela Jahn |
Vom Schmerz des Lebens

 

Etwas stimmt nicht, von Anfang an. Unheimlich wirken die Bilder. Das leere Hochhaus, mitten in London, im Dunkel der Nacht. Adam (Andrew Scott) steht davor, weil jemand den Feueralarm ausgelöst hat. Als er hinaufschaut, entdeckt er Harry (Paul Mescal), den einzigen anderen Mieter im Haus. Sie tauschen Blicke aus. Zwei fremde Seelen, jeder für sich. Das ändert sich, als Harry kurze Zeit später an Adams Haustür klopft, weil er nach einer Affäre sucht. Doch Adam weist ihn zurück, obwohl er im Grunde genauso einsam ist. Er muss arbeiten, ein Drehbuch schreiben, und kommt so schon nicht mit der Arbeit voran. Auch diese erste Begegnung wirkt irgendwie seltsam. Etwas Rätselhaftes liegt in der Luft. Die Nacht verbringen sie noch getrennt. Aber Adam beginnt, sich Harry gegenüber zu öffnen. Langsam bahnt sich eine Beziehung zwischen ihnen an.

Parallel dazu sucht Adam kreative Inspiration in seiner eigenen Vergangenheit. Bei einem Ausflug in die Vorstadt, wo er aufgewachsen ist, begegnet er unverhofft seinen Eltern (Jamie Bell und Claire Foy) wieder, die vor 30 Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Sie sind nicht gealtert, freuen sich über den Besuch. Das muss ein Traum sein, denkt man, aber es ist eher eine geheimnisvolle Fantasie, die der britische Regisseur Andrew Haigh in seinem neuen Drama in den Mittelpunkt stellt.

Die Idee zu seiner Geschichte, die auf einer Romanvorlage von Taichi Yamada basiert, ist so simpel wie gespenstisch: Wie wäre es, wenn man als Erwachsener mit den Eltern auf Augenhöhe über sein Leben reden könnte? Seine Kindheitsängste, die fehlende Akzeptanz des Vaters, das Schwulsein und sein Verhältnis zu Harry, all das spricht Adam jetzt an. Nicht alles verstehen die Eltern, vor allem die Mutter hat Probleme mit dem Outing ihres Sohnes. Aber sie hören ihm zu, geben ihm Raum und Zeit, sich zu befreien von dem Ballast, der schon viel zu lange auf seinen schmalen Schultern liegt.

All of Us Strangers erzählt von Geistern und Menschen, Verlust und Einsamkeit, Leben und Tod. Was tatsächlich real ist und was Fiktion, spielt keine Rolle, denn Haigh ist viel mehr an der gefühlten Wahrheit interessiert, die unter der Oberfläche schwelt. Es ist diese zutiefst emotionale Ebene, auf der die vier Schauspieler agieren. Jeder für sich haben sie ihre Figuren so sehr verinnerlicht, dass man für einen Moment selbst jeden Bezug zur Wirklichkeit verliert. Andrew Scott wird dabei die schwerste Aufgabe zu teil, weil Adam die Fäden in der Hand hat, das Geschehen zu lenken – zumindest bis zu einem gewissen Grad. In seinem Spiel liegt eine große Verletzlichkeit, die bestürzt, weil sie bedingungslos und ehrlich ist.