Dahomey
Dahomey

Berlinale

Politisch? Ja, schon, aber …

| Alexandra Seitz |
Einige der Preisträgerinnen und Preisträger lassen es während der Abschlussgala der Internationalen Filmfestspiele Berlin in ihren Äußerungen gar nicht mal so sehr krachen und verursachen einen Skandal. Zurück bleibt, als Zeichen der überhitzten Zeit, eine leerdrehende Debatte und keine Kultur.

Neuer Trend bei der Dankesrede: vom Mobilfon die zuvor gemachten Notizen ablesen. Wenigstens drei der frisch gekürten Preisträgerinnen und Preisträger der diesjährigen Internationalen Filmfestspiele Berlin ließen sich diese unhöfliche Stillosigkeit zuschulden kommen; darunter Mati Diop, die Gewinnerin des Goldenen Bären. Kaum jemand hatte ihren Dokumentar-Essay Dahomey zum Thema Rückgabe von Raubkunst in den Senegal auf dem Schirm und kaum jemand war mit der Wahl dieses Films, der filmisch nicht viel zu bieten hatte, so wirklich richtig zufrieden. Aber wann ist man schon mal rundum zufrieden mit einer Preisvergabe?

Dass allerdings der Ausgezeichnete selbst gegen seine Auszeichnung Klage führt, das überrascht dann doch. So geschehen, als Hong Sangsoo für Yeohaengjaui pilyo (A Traveler’s Needs), ein luftiges Nichts von einem Film, den Silbernen Bären Großer Preis der Jury in Empfang nahm und an die Jury gewandt meinte: „I don’t know what you saw in this picture.“ Das ist eine Art der Koketterie, die die Grenze zur Arroganz dann doch deutlich überschreitet. Es war übrigens das vierte Mal, dass Hong einen Berlinale-Bären erhielt und offenbar werden sie dem südkoreanischen Autorenfilmer langweilig.

Diese Chose ist umso ärgerlicher, als Matthias Glasners Sterben mit dem Silberbären Bestes Drehbuch etwas unter Wert prämiert wurde. In dem hochkarätig besetzten, dreistündigen Klopper, der sich autobiografisch inspiriert mit dem Siechtum von Familienmitgliedern und Freunden beschäftigt, geht es derart schmerzhaft wahr zu, dass die Tränen in den Augen mitunter sogar dem Lachen zu verdanken sind. Ein Film aus tiefstem Herzen, dem gebührt hätte womit Hong Sangsoo so offenbar so wenig anzufangen wusste. Und wenn wir schon dabei sind, Corinna Harfouch und Lars Eidinger, die als Mutter-Sohn-Gespann in Sterben die ganz hohe Kunst vorführen, wären würdige Kandidaten für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle (ex aequo) gewesen. Dieser Preis ging stattdessen an Sebastian Stan für seine Darstellung in Aaron Schimbergs Identitätsverwirrspiel A Different Man. Den Silbernen Bären für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle bekam Emily Watson, die in Small Things Like These von Tim Mielants die Oberin des Magdalenenheims in einer irischen Kleinstadt Mitte der 1980er spielt. Es ist eine Studie in subtilem Sadismus, die den kalten Schrecken verdichtet, die diesem überraschend starken Eröffnungsfilm – allzuoft schon kam zum Auftakt peinlich-sentimentale, massenkompatible Durchschnittsware zum Einsatz – innewohnt. Und Cillian Murphy als Kohlenhändler, der sich mit dem Mißbrauchstreiben nicht länger abfinden mag, stellt darin seinen eh schon brillianten Oppenheimer noch in den Schatten. Ein ganz stiller, künstlerisch sorgsam gestalteter und außerordentlich eindrücklicher Film zum Thema Terrorherrschaft des Katholizismus und seiner rigiden Sexualmoral, dem sich Des Teufels Bad von Veronika Franz und Severin Fiala als ein flankierendes oder Komplementärstück beigesellte. Das starke, im Jahre 1750 in Oberösterreich angesiedelte Tragödientrumm beschäftigt sich mit dem historischen Phänomen des sogenannten „mittelbaren Selbstmords“, dessen Wurzel hier in einer Depression über fehlgegangene Rollenerwartungen steckt. In der Hauptrolle glänzt Anja Plaschg – die in ihrer Musikerinnen-Identität als Soap&Skin auch für die aufwühlende Filmmusik sorgt – und fotografiert werden sie und das ganze bedrückende Drumherum von Martin Gschlacht, der hochverdient für seine glänzende Kameraarbeit mit dem Silbernen Bären für eine Herausragende Künstlerische Leistung ausgezeichnet wurde.

Nun aber zum Skandal. Der entwickelte sich im Anschluss an die Preisverleihung und führt im politischen Berlin mittlerweile zu einer völlig überhitzten Debatte zum Thema Antisemitismus; der Regierende Bürgermeister zeigte sich empört, die Kulturstaatsministerin zog nach und kündigte an, „die Vorgänge untersuchen“ zu wollen, der Berliner Kultursenator möchte eine Regelung einführen, derzufolge nur mehr finanziell gefördert wird, wer eine einwandfreie Gesinnung vorweisen kann (kommt einem das nicht von irgendwoher bekannt vor?), sogar der sonst eher maulfaule Bundeskanzler hat sein Missfallen kundgetan während die Berlinale-Leitung sich von den bei öffentlicher Gelegenheit geäußerten Privatmeinungen der ausgezeichneten Kunstschaffenden distanzierte. Was war geschehen?

Zum einen waren Filmemacher:innen mit Palästinensertüchern um den Hals über den roten Teppich und auf die Bühne marschiert. Einige trugen Sticker und Schilder, auf denen zu lesen stand „Cease Fire Now“, wogegen eigentlich nichts einzuwenden sein sollte. Dann aber wurde der von einem palästinensisch-israelischen Kollektiv realisierte No Other Land, der von der Vertreibung von Palästinenserinnen und Palästinensern aus den Dörfern im Westjordanland berichtet aus den Dörfern im Westjordanland berichtet, von der aus Thomas Heise, Véréna Paravel und Abbas Fahdel gebildeten Jury des Berlinale Dokumentarfilmpreises mit eben diesem ausgezeichnet. Wobei Heise es sich nicht nehmen liess, ausführlich den Gehalt des Films zu schildern, und anschließend einer der aus Israel stammenden Filmemacher in seiner Danksagung das von seinem Heimatland errichtete „Apartheid-System“ anprangerte. Getoppt wurde dieses Statement wenig später vom US-Amerikaner Ben Russell – gemeinsam mit Guillaume Cailleau für Direct Action, die vierstündige Beobachtung einer autonomen Kommune in Frankreich, mit dem Preis für den Besten Film der (nachwievor sinnlosen) Sektion Encounters ausgezeichnet -, der vom „Genozid Israels am palästinensischen Volk“ sprach. Schließlich meinte auch noch Mati Diop, den Goldenen Bären in der einen und das Mobilfon in der anderen Hand, abschließend: „I stand with Palestine!“ Und allesamt hatten sie es in ihren Statements versäumt, AUCH die Hamas zu verurteilen und AUCH die Herausgabe der Geiseln zu fordern; weil wegen der Ausgewogenheit und weil ja nie einer alleine schuld ist ist. So war das. Hm.

Daran an schließen sich unmittelbar zwei Fragen. Erstens: Was ist eigentlich aus der Meinungsfreiheit geworden? Und zweitens: Muss nicht gerade ein Festival, das sich als ach so politisches alle Jahre wieder selbstlobt, politische Äußerungen aushalten auch und gerade dann, wenn sie unbequem, unpassend oder meinethalben schlicht dumm sind? Allgemeinplatz ist, dass eine starke künstlerische Leistung, mag sie auch gesellschaftlich noch so relevant sein, einen noch nicht dazu befähigt, unter allen Umständen und allerorts fundierte politische Statements abzugeben. Doch die treibende Kraft der Kunst ist die Leidenschaft und die Leidenschaft hat sich noch nie an die Stränge gehalten, sondern ist über sie hinweggeschlagen. Das liegt in ihrer Natur, das ist ihre Aufgabe.

In diesem Sinne: Können jetzt bitte alle mal wieder auf den Teppich zurückkehren, auch wenn der nicht mehr rot am grausligen Potsdamer Platz liegt, und sich um den Weltfrieden und die Klimakatastrophe kümmern?!