Les Misérables

Les Misérables

| Oliver Stangl |

Musicalverfilmung mit starkem Ensemble und großem Elendsfaktor: das Gegengift zu „Mamma Mia!“

„Klotzen, nicht kleckern“ scheint das Motto von Regisseur Tom Hooper zu sein, der bereits in seinem Oscarerfolg The King’s Speech (2010) nicht mit Emotionen geizte. Doch mit der Adaption des Hit-Musicals „Les Misérables“ von Claude-Michel Schönberg und Alain Boubil dreht Hooper die Gefühlsschraube noch einmal gehörig weiter. Die Geschichte eignet sich gut dafür: Weil er Brot stahl, verbringt Jean Valjean (Hugh Jackman) zwei Jahrzehnte im Gefängnis, taucht nach seiner Entlassung unter, weil er von der Gesellschaft keine Gnade erwarten kann, und widmet sich, von einem Priester auf den richtigen Weg gebracht, unter falschem Namen wohltätigen Unternehmungen. Ohne Valjeans Wissen wird Fantine (Anne Hathaway) aus seiner Manufaktur entlassen und muss sich, um ihre Tochter Cosette zu ernähren, prostituieren. Nach Fantines Tod kümmert sich Valjean um Cosette (Amanda Seyfried), doch Inspektor Javert (Russell Crowe), der hinter Valjeans wahre Identität gekommen ist und nicht daran glaubt, dass Menschen sich ändern können, macht Jagd auf die beiden …

Dass Hooper auf schiere Überwältigung des Zusehers setzt, ist zunächst gut so. In der ersten Stunde wird die Musik (zumindest für jene, die nicht zu den Fans des Genres zählen) durch starkes Schauspiel und die Wucht der Bilder überdeckt. Dabei verbindet Hooper artifizielle Sets mit sozialkritischen Elementen aus dem Roman: Fantines Abrutschen in die Prostitution ist eine grausame Nummernrevue des Verfalls, die von der Gestaltung her an Brecht/Weill erinnert, und Valjean gleicht nach seiner Entlassung einem verwilderten Tier, das überall abgewiesen und gedemütigt wird. Spätestens nach Fantines Tod aber, als sich die Liebesgeschichte zwischen Cosette und einem Revolutionär anbahnt, nimmt der Kitsch – vor allem in musikalischer Hinsicht – überhand. Zwar ist das Revolutionsgetümmel stellenweise packend inszeniert und hat das Musical durchaus einige eingängige Nummern zu bieten, doch nicht jede ist ein Meisterwerk.

Es kommt dem Film zugute, dass die Schauspieler live (und in Einzelszenen kaum von Schnitten unterbrochen) vor der Kamera singen. Besonders Jackman und Hathaway überzeugen hier, für misanthrope Komik sorgen Sacha Baron Cohen und Helena Bonham-Carter als Ganovenpaar. Crowe mag nicht der beste Sänger sein, aber er macht dies durch schiere, eiskalte Präsenz wett. Alles in allem ist Les Misérables eine interessante Abwechslung im Genre des Muscialfilms, doch wer weiß: Hätte Hooper gleich Victor Hugos Roman verfilmt, hätte ein Meisterwerk entstehen können.