Viennale Blog 5

„The Man Who Shot Liberty Valence“ (John Ford, 1962)

| Samuel Seidl |

The Man Who Shot Liberty Valance ist ein politischer Western aus dem Jahr 1962, der auch heute noch überzeugt. James Stewart spielt darin Senator Ransom Stoddard, der mit seiner Frau Hallie in die kleine Stadt Shinbone zu einem Begräbnis reist. Die Reporter der lokalen Zeitung wollen wissen, wer der Verstorbene, ein Mann namens Tom Doniphon, war und warum der Senator, inzwischen eine Art Volksheld, zu dessen Begräbnis kommt. Also erzählt Ransom rückblickend, woher er ihn kennt. Als frisch gebackener Rechtsanwalt hatte er einst beschlossen, sein Glück frei nach dem Motto „Go West“ im (Wilden) Westen zu versuchen. Doch seine Vorstellungen kommen der Realität nicht nahe: Schnell muss er feststellen, dass im Westen Probleme mit Gewalt und Waffen und nicht mit dem Rechtsystem und Worten gelöst werden. Vor allem der berüchtigte Gauner Liberty Valance lebt nach dieser Einstellung und tyrannisiert die Gegend. Auch der faule Sheriff fürchtet sich vor Liberty und kann es nicht mit ihm aufnehmen. Der gebildete Ransom will Liberty nun mit dem Gesetz und auf intellektuelle Weise die Stirn bieten. Doch bald muss er erkennen, dass er so nicht weiterkommt und kann nicht anders als selbst – obwohl er dies verabscheut – zur Waffe zu greifen. Nachdem der Senator diese Geschichte erzählt hat, beschließen die Reporter, sie nicht zu drucken – zu sehr könnte sie der Legende, die man sich von dem Senator seither erzählt, schaden.

Das erste, das auffällt, ist das der „Böse“ den Namen Liberty, also Freiheit, trägt. Die Hauptfigur, der Anwalt, wiederum ist ein Vertreter der Demokratie, Liberty, sein Erzfeind, Anarchist. Will Ford mit der Namensgebung darauf anspielen, dass die Anarchie vielleicht freier als die Demokratie ist? Vielleicht ist es aber auch nur ein kleiner Scherz, um zu verwirren? Auf jeden Fall fällt die Ironie daran auf.

Auch könnte man sagen, dass der Film zeigt, dass Lügen im Leben manchmal besser sind als die Wahrheit. So wollen die Reporter die Wahrheit nicht drucken, da sie wissen, diese könnte dem „guten“ Senator und Volkshelden schaden, sie geben daher der Legende den Vorzug.

Auch wird ganz deutlich gezeigt, dass es oft egal ist, ob jemand Recht hat oder im Recht ist. Das Entscheidende ist, wer die Macht hat. So führt für den Protagonisten kein Weg daran vorbei, gegen Liberty Valance in einem gewaltsamen Duell anzutreten, obwohl er ein Mann von Bildung und Intellekt ist. Egal in welchem System: Offenbar entscheidet der, der die größere Macht besitzt und nicht der, der im Recht ist. Der Film thematisiert den Kampf Bildung gegen Macht und auch den Kampf Gewalt gegen Intellektualität. Fords Western wirft also philosophische Fragen auf und lässt den Zuschauer über Politik und Recht in einem Staat nachdenken. Gleichzeitig ist The Man Who Shot Liberty Valance auch sehr gut inszeniert, actionreich und einfach unterhaltsam.

Retrospektive der Viennale: John Ford

„The Man Who Shot Liberty Valence” (1962, 123 Min., mit James Stewart, John Wayne, Lee Marvin). Der Film wird am 15. November um 20.30 Uhr wiederholt.