The Bikeriders

The Bikeriders

Born to be …

| Alexandra Seitz |
Wilde Männer auf rappelnden Kisten: „The Bikeriders“ von Jeff Nichols.

 

Wenn die Motoren angeworfen werden und dieses satte Dröhnen ertönt, das den Solarplexus erbeben lässt ì wenn im Kino das Wummern der Boxen die Schrauben in ihren Verankerungen lockert ì wenn die Maschinen über die Landstraße knattern und die Bärte im Wind wehen ì dann sitzen wir in einem Bikerfilm. Und da biegt auch schon Johnny „The Wild One“ um die Ecke und murmelt Marlon-Brando-Style: „Nobody tells me what to do. You keep needlin’ me, if I want to, I’m gonna take this joint apart and you’re not gonna know what hit you.“

Im vorliegenden Fall – The Bikeriders – heißt der freiheitsliebende, bockige Junge Benny. Er steht am Tresen einer Bar und weigert sich, seine „Colors“ auszuziehen – seine Kutte, die ihn als Mitglied des in Chicago beheimateten Motorradclubs „Vandals“ ausweist – und bescheidet die beiden Normalos, die ihn mit diesem Ansuchen behelligen: „You’d have to kill me to get this jacket off.“ Die Strafe folgt buchstäblich auf dem Fuß. Was letztlich weder den beiden Normalos noch der Bar wohl bekommt. Denn Johnny, der Chef der Vandals, die nicht umsonst so heißen, nimmt die Verletzung seines Lieblingsmitglieds und erhofften Nachfolgers nicht so ohne weiteres hin und holt zum Vergeltungsschlag aus. Polizei und Feuerwehr schauen dabei zu, womit Regisseur Jeff Nichols zweierlei veranschaulicht: Erstens die konsequente Entschlossenheit der Motorrad fahrenden Männer, die eine recht beträchtliche Gewaltbereitschaft miteinschließt. Zweitens die mit nicht wenig Furcht gemischte Ratlosigkeit, mit der die gesellschaftlichen Institutionen, die Hüter von Recht und Ordnung, auf die Herausforderung durch die Biker reagieren.

SUBKULTUR

Nichols siedelt The Bikeriders 1965 an, zwölf Jahre nachdem László Benedek mit The Wild One dem Phänomen der Motorradgangs einen Film widmete, der sowohl laufbildgeschichtlich wie jugendkulturell von einiger Bedeutung werden sollte – so durfte er wegen seines angeblich aufwiegelnden Charakters in Großbritannien bis 1968 nicht öffentlich vorgeführt werden und in Deutschland machte man ihn für die damaligen sogenannten „Halbstarken-Krawalle“ mitverantwortlich. Benedek verarbeitet darin einen Vorfall – ein zweitägiges Besäufnis plus Randale am Rande eines Bikertreffens –, der sich 1947 in der kalifornischen Kleinstadt Hollister zugetragen hatte und zum Gründungsmythos der Rocker-Subkultur zählt, wie die Biker im deutschsprachigen Raum allgemein genannt werden. Und weil wir gerade bei der historischen Verortung sind: 1966 lässt der kürzlich verstorbene Roger Corman (Gott hab’ ihn selig!) The Wild Angels von der Leine, ein reichlich desillusionierendes Exploitation-Perlchen, in dem der rebellische Gestus der Biker im Zeitvertreibs-Dreiklang „Saufen – Ficken – Prügeln“ leerläuft. Die respektlose Darstellung brachte Corman eine Verleumdungsklage wegen Rufschädigung seitens der Hells Angels ein. Da hatte er noch Glück, Hunter S. Thompson nämlich, der in seinem im selben Jahr erschienenen Reportage-Buch „Hell’s Angels: The Strange and Terrible Saga of the Outlaw Motorcycle Gangs“ auch kein schöneres Bild vom unheiligen Treiben der fraglichen Gang malte, wurde von deren Mitgliedern kurzerhand verprügelt. Dann vergingen drei Jahre, bis Dennis Hopper Peter Fonda – der bei Corman den schönen Rollennamen Heavenly Blues trug – zum Captain America beförderte und in Easy Rider auf dem Rücken einer Harley einen psychedelischen Traum von der Freiheit träumen ließ. Ein paar Monate bevor im Dezember 1969 während des Auftritts der Rolling Stones beim Altamont Free Concert ein Schwarzer Jugendlicher von einem der als Ordner eingesetzten – Sie ahnen es – Hells Angels erstochen wurde, das ganze Hippie-Getue ein Ende nahm und die Gesellschaft es mit noch ganz anderen Dimensionen von Banden-Kriminalität zu tun bekam.

Die Nichols’schen Bikeriders fahren haarscharf an dieser Kante entlang. Zu Beginn wohnt den Dingen noch eine gewisse aufmüpfige Unschuld inne, dann allmählich schleicht sich das Verderben ein – unter anderem in Gestalt von Veteranen, die drogensüchtig und traumatisiert aus dem Krieg zurückkehren – und Ernüchterung macht sich breit. Der Film beschreibt diese Phase, in der die Dinge sich ändern, das heißt, er malt sie eher, als dass er sie beschreibt. In Sachen Plot tut sich nicht wahnsinnig viel; die Typen fahren mal hierhin, mal dorthin, sie trinken Bier und grillen, sie schrauben an Motorrädern und klopfen Sprüche, sie prügeln sich. Dann fahren sie wieder herum. Das sieht toll aus und hört sich großartig an. Stimmung und Atmosphäre sind das A und O der ganzen Sache.

Dies hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass die Vorlage eine Sammlung von Fotografien ist. Es gibt Literaturverfilmungen und Adaptionen von Graphic Novels, ganze Marketing-Imperien fußen auf Comicstrips, warum also soll einer kein Fotobuch verfilmen? Die Bilder sind ja schon da, sie müssen nur noch das Laufen lernen. The Bikeriders ist also die filmische Fantasie, die Jeff Nichols an Danny Lyons wegweisendes, 1968 erschienenes Fotobuch gleichen Titels anknüpft. Wobei „Fantasie“ den Sachverhalt nicht ganz trifft, insofern Lyon seine Fotos mit Ausschnitten aus Interviews flankiert, die er mit den darauf Abgebildeten geführt hat, und die nun von Nichols nicht selten eins zu eins in sein Drehbuch übernommen werden.(*)

Lyon, der wie Hunter S. Thompson zu den Vertretern des New Journalism zählt, wurde 1942 in New York City geboren und studierte in Chicago Geschichte und Philosophie. Zu Beginn der Sechziger arbeitete er als Fotograf für das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC, eine der bedeutendsten Organisationen der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung), in den Siebzigern fotografierte er für die Environmental Protection Agency sowie im Auftrag des Texas Department of Corrections in dortigen Gefängnissen. Er drehte außerdem zahlreiche kurze und mittellange Dokumentarfilme. Die Fotografien und Interviews für das ikonische Buch entstanden in den Jahren 1963 bis 1967, als Lyon als zeitweises Mitglied des Chicago Chapters mit dem Outlaws Motorcycle Club unterwegs war.

Was Nichols an der von Lyon porträtierten Subkultur gereizt hat, lässt sich unschwer erraten, kreist doch das Werk des 1978 in Little Rock, Arkansas, geborenen Autorenfilmers hartnäckig immer auch um die Frage, wie ein modernes, gegenwärtiges Männerbild aussehen kann und welche Traditionen (insbesondere welches gewalttätige Erbe) es mehr oder minder notgedrungen mit sich herumschleppt. In dem Zusammenhang kommen die Archetypen des motorisierten Herumgegurkes wie gerufen, als Gegenentwurf zum domestizierten Männchen, das als Rädchen im kapitalistischen System brav seinen Dienst versieht. Dann schon lieber auf einem Krad von Triumph unter lautstarkem Geknatter mit erhobenem Mittelfinger davonbrausen. Schauspieler, die sich ihrer annehmen, um diese Propagandisten männlicher Freiheit zu Menschen aus Fleisch und Blut werden zu lassen, lassen auch nicht lange auf sich warten.

SPANNUNGSVERHÄLTNISSE

In der Rolle von Vandals-Gründer Johnny, der abseits des Clubs ein „normales“ Leben als Trucker und Familienvater führt, pfeift Tom Hardy, wie wir es von ihm gewohnt sind, einmal mehr weitgehend auf die Verständlichkeit seiner Dialogsätze und setzt stattdessen auf die Ausdruckskraft seiner Physis. Bedenkt man es recht, dann verfahren die neben und mit ihm agierenden Mannsbilder mit viel Mut zur Hässlichkeit auch nicht viel anders. Besondere Verdienste erwerben sich hierbei Michael Shannon und Norman Reedus, die als Zipco und Funny Sonny direkt aus der Steinzeit zugewandert scheinen. Regelrechte Viecher, die man förmlich riechen kann – eine stinkende Mischung aus Schweiß und Bier und Tabak, ungewaschenen Klamotten, Schmieröl und Benzin – und die obendrein noch einen schwer fasslichen urtümlichen Charme verströmen.

Als Frau hat man in einer solchen Horde natürlich einen schweren Stand. Sehr zu preisen ist daher die Wahl der britischen Schauspielerin Jodie Comer für die Figur der Kathy, Bennys Ehefrau und die einzige unter all den Kerlen, die (im Film) tatsächlich was zu sagen hat. Comer hat es 2021 in Ridley Scotts The Last Duel als Marguerite de Carrouges mit einer mittelalterlichen Ordnung aufgenommen, die ihr gerade einmal den Status eines Besitztums ihres Mannes einräumte. Und so wesentlich anders ist die Situation diesmal auch nicht, wenngleich sie den Spieß gerne umdrehen würde.

Die Zentralstellung der Kathy hängt nun nicht nur damit zusammen, dass Lyons Interviews mit ihr besonders fruchtbar waren, sondern auch damit, dass die erzählerische Ökonomie lediglich eine einzige Frauenfigur braucht, um jenen Konflikt darzulegen, der in The Bikeriders notwendigerweise mitverhandelt werden muss und der im Herzen der Geschlechterspannung steckt. Drei Mal dürfen Sie raten.

Freiheitsgedöns mit den Kumpels verträgt sich nun einmal schlecht mit einer Frau, die die Familie im Sinn hat. Also rauscht Kathy in die Kneipe, in der Johnny Hof zu halten pflegt, und zischt: „You can’t have him, he’s mine!“ Womit sie natürlich Benny meint, der nicht „vernünftig“ werden und weiterhin diesen kindischen Biker-Unfug treiben will. Woraufhin Johnny nur die Augenbrauen hebt und Benny schließlich die Reißleine zieht. Was ihm langfristig aber auch nichts nutzt und dann noch nicht einmal Kathys Schuld ist. Ob der leise wissende Anflug von Lächeln in Bennys Gesicht am Ende als das zufriedene Lächeln eines domestizierten Mannes interpretiert werden kann, der sich mit wochenendlichen Dosenbiergelagen vor der Garage allmählich eine Plautze ansaufen und auch sonst aus dem Leim gehen wird?

Unwahrscheinlich, weil ì und damit wären wir endlich bei Austin Butler angelangt, der in der Rolle Bennys agiert. Butler – wunderbarer Titelheld in Baz Luhrmanns verschwenderischem Elvis und schneidiger Pilot in der aufwändigen Mini-Serie Masters of the Air – ist der derzeit herrschende Golden Boy, den es zu jedem Zeitpunkt im US-amerikanischen Kino geben muss. Eine Schönheit, in der die erotischen Träume des „Land of the free and home of the brave“ verkörpert sind und die obendrein noch schauspielen kann. Ein würdiger Erbe von Brad Pitt, der auf Robert Redford folgte. Mit seiner instinktiven Präsenz ist Butler für diese Rolle wie geboren und hingebungsvoll ergibt er sich der Inszenierung von Nichols als Sexsymbol. Wenn er auf seiner Maschin’ dahinbraust, eine Hand auf dem Oberschenkel, die andere am Lenker, und sich umdreht, um zu schauen, ob die anderen eh hinterher kommen, dann ist das keine leichtsinnige Aktion, sondern eine schamlose Feier cooler, animalischer Virilität.

Im Sinne des Backlash ist The Bikeriders also ein voller Erfolg: Die Domestizierung des Machos ist unmöglich, solange noch irgendwo eine Triumph röhrt, Bier gebraut wird und Austin Butler mitspielt.

(*) Fotos und Ausschnitte aus den Interviews: https://bleakbeauty.com/picture-essays/the-bikeriders-original-audio-recordings