Viennale Blog 19

| Noah Albrecht |

Manchmal etwas verstörend ist das 64-minütige Kurzfilmprogramm „A Million Dreams“. Obwohl ihnen nicht immer leicht zu folgen ist, sind die sieben Kurzfilme, zwischen zwei und 16 Minuten lang, sehr interessant anzusehen. Gezeigt wird ein Kino der „anderen“ Art, welches mit weniger Zeit arbeitet, zuweilen Vorwissen voraussetzt, manchmal einfach nur eine bestimmte Stimmung vermitteln soll. In Abigail Childs Elsa Merdelamerdelamer ist beispielsweise in überlappenden Bildern eine Frau zu sehen, die sich die Schamhaare rasiert. Wer die Geschichte der feministischen Elsa von Freytag-Loringhoven nicht kennt, ist von dem Vierminüter zunächst einmal verwirrt. La Nuit (12 min) von Robert Fenz hingegen arbeitet mit starren Kameraeinstellungen und ohne jeglichen Ton. 16mm-Ektachrome-7250 von Kodak ermöglicht hier leicht flimmernde Bilder der Stadt Marseille bei Nacht. Die auf den Zuschauer hypnotisierend wirkenden Bilder sind einfach zu verstehen und man wähnt sich schnell selbst auf den menschenleeren Straßen der Stadt.

Im Rahmen eines Stipendiums am Center for Book and Paper Arts in Chicago entstanden ist Two Weeks – Two Minutes von Judith Poirier. Unter anderem Schriftarten wie Antique Condensed Ornamented, Joanna Italic oder Gothic Shaded spielen darin die Hauptrollen. Eine unglaublich schnelle Abfolge von Zeichen läuft über die Leinwand und vermittelt einem den Eindruck, den ständigen Informationsaustausch der Welt vorgeführt zu bekommen. Lee Anne Schmitt hat für womannightfilm ihre nächtliche Heimfahrt mit dem Auto immer wieder fotografiert und so bearbeitet, dass das Endprodukt vollkommen entfremdet wirkt. Ohne zusätzliche Informationen bekommt man das Gefühl, einer losen Bilderabfolge zuteil zu werden. Das 16-minütige Kurzfilmporträt Alan Vega, Just a Million Dreams von Marie Losier hingegen ist zugänglicher: Es zeigt den frechen Minimal Rock Elektronikpionier Alan Vega in seinem Familienleben und bei der Arbeit. Neben seiner Musik, seiner Gattin Liz Lamere und seinem Sohn Dante lernen wir auch Alans Tagesrhythmus und seine Gedanken kennen. An einer Stelle wird Alan von seiner Frau gefragt, wie er Elvis fände; er meint darauf, er wisse es nicht, er habe ihn ja nie getroffen.

Abgeschlossen wird der Kurzfilmblock mit Strawberries in the Summertime von Jennifer Reeves. Man folgt in 16 Minuten einem kleinen Jungen durch die Natur, begleitet von den Stimmen seiner Eltern. Unterlegt von reduzierter, mal anschwellender, mal in den Hintergrund tretender Musik wirken die teils beschleunigten Bilder von Bäumen, Pflanzen und Gräsern mal friedlich, mal richtig bedrohlich. Der Film arbeitet mit Negativbildern und „Solarize“-Effekten, was eine verfremdende Wirkung hat. Das kleine Kind, das gerade gehen gelernt hat, wirkt in dieser verkehrten Welt ein wenig verloren – was dadurch verstärkt wird, dass man die Eltern fast nie im Bild sieht, sondern nur über ihre Stimmen wahrnimmt. Das Kurzfilmprogramm in Spiefilmlänge ist eine hervorragende Möglichkeit, um sich verwirren zu lassen, zu staunen, aber vor allem auch, um sich dem Film als Kunstform zu nähern.