Den Partner zu betrügen bedeutet oft den Anfang vom Ende monogamer Beziehungen, nicht so in La Chambre Bleue. Hier wird eine simple Affäre in 76 Minuten zu einer schicksalhaften Entscheidung für alle Beteiligten. In Rückblenden lernen wir Julien Gahyde kennen, einen Mann mittleren Alters, welcher erfolgreich in der Agrarwirtschaft tätig ist, zufrieden mit seiner Frau und Tochter zusammenlebt, aber am liebsten mit seiner Affäre Esther Despierre Zeit verbringt. Diesen Anschein erweckt zumindest die erste Szene des Films, in der man Julien und Esther eng umschlungen im Bett liegend kennenlernt. Esther Despierre ist Apothekerin in Juliens Heimatort geworden und der Raum, in welchem sie sich befinden, liegt direkt über dem Laden. Mathieu Amalric, der den zunehmend verwirrt wirkenden Julien perfekt zu spielen versteht, erzählt in seinem Auteur-Debüt eine Geschichte des Ungewissen. Den ganzen Film über wird der Zuschauer – mittels übellaunigen Beamten, einem Urlaub am Strand oder einem Marmeladeglas – auf falsche Fährten gelockt. Amalric adaptierte den aus dem Jahr 1964 stammenden gleichnamigen Krimi-Klassiker von Georges Simenon und porträtiert die Hauptperson Julien als Abhängigen und Getriebenen. Getrieben erlebt man den Protagonisten beispielsweise in seinem beschleunigten Auto, bei dem Versuch seinen Schuldgefühlen zu entkommen, nur um gleich darauf wieder in der Apotheke seiner Abhängigkeit zu landen.
In teils wunderschönen Bildern wird die Gefühlswelt unserer Hauptfigur verdeutlicht. An einer Stelle wird Julien etwa gefragt, ob er zu diesem und jenen Zeitpunkt noch Kontakt zu Esther Despierre pflegt. Er verneint. Daraufhin huscht dem Gefangenen eine der schönsten Aufnahmen des Films durch den Kopf: Esther und Julien lehnen nackt umschlungen an einer offenen Balkontür, während draußen vor dem Zimmer der Regen auf die Stadt niederprasselt und ein Blitz den Raum erhellt. In Amalrics Film braut sich dieser Sturm regelmäßig hinter dünnen Glasscheiben zusammen und scheint eine symbolhaft tragende Rolle zu spielen.
Die Darbietungen der Schauspieler funktionieren und lassen die Geschichte lebendig wirken, was allerdings ausgerechnet in der Schluss-Szene weniger gut gelingt. Drehbuch und Inszenierung verstehen es, den Zuschauer an die Leinwand zu heften, bis im letzten Viertel des Films dann, aufgrund fehlender Möglichkeiten zur Interpretation, das Interesse ein wenig nachlässt. Zwar wird die Zuschauererwartung dann ein letztes Mal gebrochen, aber bei diesem eher unbefriedigenden Ende bleibt es dann auch. Amalric malt das Bild eines tobenden Sturms, der sich zum Schluss jedoch in eine graue, ruhige Wolkendecke verwandelt.
