Filmstart

Madame Sidonie in Japan

| Alexandra Seitz |
Charmant gemeint, aber zu unbeteiligt inszeniert, um das Gefühl tatsächlich zu erreichen

Sidonie Perceval, pausierende Schriftstellerin, reist nach Japan. Ihr dortiger Verleger hat anlässlich der Neuauflage ihres Debütromans eine Lesereise und Interviews organisiert. Außerdem wird er sie auf allen ihren Wegen begleiten; diese Ansage duldet keinen Widerspruch. Zwischen der Besichtigung der Sehenswürdigkeiten und offiziellen Terminen in Buchhandlungen und mit Journalisten sitzen die beiden dann auf dem Rücksitz eines Autos und reden mal mehr und mal weniger, während hinter ihnen eindeutig rückprojizierte Prospekte von Stadt und Land wechseln. Es ist Kirschblütenzeit und ganz Japan berauscht sich an der Schönheit.

Ins Auge sticht, dass die Spezialeffekte, die in Élise Girards Sidonie au Japon zum Einsatz kommen, keine Illusion erzeugen wollen, sondern ihre Künstlichkeit geradezu ausstellen. Das gilt für die via Dia-Show zurückgelegten räumlichen Distanzen ebenso wie für den plötzlich erscheinenden Geist von Sidonies verstorbenem Mann Antoine. Der sieht aus, als wäre er aus einem Foto ausgeschnitten und in den Film hineingeklebt worden. Er britzelt leicht, wenn Sidonie, nachdem sie den ersten Schrecken überwunden hat, durch ihn hindurch fasst; eigentlich hatte sie ihn umarmen wollen. Aber warum sitzt ihr Mann da überhaupt? Japan sei schließlich das Land der Geister, so die ebenso einhellig gegebene wie allgemein akzeptierte Erklärung, und Antoine führt aus, dass er eigentlich immer da sei, Sidonie ihn nur nicht sähe, gefangen in ihrer Trauer und in ihrem Nichtstun. Denn ebenso wie Sidonie aufgrund eines tragischen Unglücks mit dem Schreiben begonnen hat, hat sie aufgrund eines tragischen Unglücks mit dem Schreiben auch wieder aufgehört. Der Tod ihres Mannes lässt sie nicht los und sie lässt den toten Mann nicht los – und der ist das allmählich leid. Da bietet Japan nicht nur die Gelegenheit, sich bemerkbar zu machen, sondern auch jene, darauf hinzuweisen, dass der melancholische Verleger wegen seiner Melancholie soeben von seiner Frau verlassen wurde.

Und so nehmen die Dinge ihren absehbaren Verlauf. Würde nicht Isabelle Huppert aus Sidonie eine dieser Miniaturen schaffen, die sie so meisterlich beherrscht, eine zierliche Frau mit großem Eigensinn und (noch) ungeklärter Sehnsucht, deren versuchsweiser Erkundung unbekannten Terrains man gerne folgt; wäre also die große Huppert nicht, diese zweifellos charmant gemeinte Geisterromanze würde ebenso glatt an einem vorüberrauschen wie die spektakulär blühenden Kirschbäume im Rückfenster des Autos.