Zwei Zu Eins

Filmstart

Zwei zu Eins

| Alexandra Seitz |
„Ihr wolltet Kohl, jetzt habt Ihr den Salat!“

Die mentalitätsgeschichtliche Gemengelage im Deutschland des Jahres 1990, vor deren Hintergrund Natja Brunckhorsts Drama mit komödiantischen Einsprengseln angesiedelt ist, stellt sich in etwa dar wie folgt: Nachdem die Mauer gefallen ist, herrscht im Wilden Osten Goldgräberstimmung. Gebrauchtwagenhandel und Sexshops sprießen wie Pilze aus dem Boden, die Heuschrecken der Treuhand fallen über die volkseigenen Betriebe her, Vertriebene und Enteignete verlangen ihren Besitz zurück. Die Ossis wollen, was die Wessis haben, und verlieren ihre Arbeit, zum Ausgleich werden (mal wieder) Autobahnen (aus)gebaut, denn irgendwie muss man ja hinkommen zu den vom Einheitskanzler versprochenen „blühenden Landschaften“. Die Chose wird Wiedervereinigung genannt, obwohl es sich um die Übernahme eines maroden totalitären Systems durch den Kapitalismus handelt, der daraufhin den Turbo einlegt. Wohin also mit dem Ostgeld, das keiner mehr braucht? Und was tun, wenn man das Verräumte zufällig findet? Noch dazu, bevor es seinen Wert endgültig verliert. Zwei zu Eins gegen Westmark tauschen natürlich.

Das ist zwar kriminell, macht aber Spaß – zumindest eine Weile. Dann tauchen die moralischen Fragen auf, entstehen Verteilungskämpfe, frisst – wie es einer der Beteiligten ausdrückt – die Gier das Hirn und ein schlauer Plan muss her: Man könnte ja vielleicht den VEB kaufen, in dem bis vor kurzem noch alle Arbeit hatten? Zugetragen hat sich das Ganze in Halberstadt und beruht im Übrigen auf Tatsachen.

Zwei zu Eins hätte auch ein ermüdender Klamauk werden können, in dem ein doofer Ossi-Wessi-Witz den anderen jagt, oder, schlimmer noch, die Ostalgie fröhliche Urständ’ feiert. Doch nicht nur lässt Brunckhorsts kluges und vielschichtiges Drehbuch das nicht zu, auch den in den zentralen Rollen agierenden Schauspielern und Schauspielerinnen fiele dergleichen wohl nicht einmal im Traum ein, sind sie doch allesamt in der DDR geboren und aufgewachsen. Das kommt vor allem der Darstellung der emotionalen Verfasstheit des sozialen Gefüges zugute, das sich hier ans (semi-)illegale Handwerk macht. Dergestalt, dass dieses lesbar wird als unternehmerische Eigeninitiative, die eigentlich ganz hervorragend in das neue Wirtschaftssystem passt. Die Bewohner der kleinen Plattenbausiedlung am Stadtrand, sie sind Helden der Arbeitslosigkeit, denen unterwegs aufs Abstellgleis manch bittere Erkenntnis blüht; von der Würde, die sie dabei zeigen, lässt sich etwas lernen. Beispielsweise, wie man zuletzt am Besten lacht.