Juliette im Fruehling

Filmstart

Juliette im Frühling

| Ines Ingerle |
Charmante Komödie um die großen und kleinen Sorgen einer Familie

Juliette (Izïa Higelin) nimmt sich zwei Wochen Auszeit und besucht ihre Familie in einer französischen Kleinstadt. Beim Frühstück mit ihrem Vater gesteht sie, dass sie mit Depressionen kämpft und nachts nicht schlafen kann. Er nickt verständnisvoll, das Leben sei schließlich auch kein Zuckerschlecken. Auch für die anderen Familienmitglieder ist das Dasein nicht gerade leicht. Zumindest scheinen alle so sehr mit den Dingen, die eben so passieren, beschäftigt zu sein, dass niemand wirklich aufnahmefähig für die Gefühle und Bedürfnisse der Besucherin ist. Auf der Suche nach Halt findet sich Juliette in unterschiedlichen Settings wieder: In der Wohnung der Kindheit, in der ihr Vater seit der Trennung alleine lebt und wie seine Tochter mit Schlafproblemen kämpft; im Haus ihrer Schwester, die verzweifelt versucht, die Kontrolle über Ehe und Kinder zu behalten, während sie eine geheime Affäre hat; im Seniorenheim der geliebten Oma, deren Demenzerkrankung sie nicht vom Flirten abhält; im zu räumenden Haus eben jener, das unzählige Erinnerungen wach ruft; auf einer Vernissage, wo Juliette neben den abstrakten Gemälden nackter Frauenkörper auch den neuen Lover ihrer Mutter begutachtet. Juliette ist zwar einerseits aufgehoben im Kreise der Familie, andererseits aber dadurch, dass alle mit sich selbst zu kämpfen haben, erst recht wieder auf sich allein gestellt. Der Urlaub wird für sie zu einer emotionalen Forschungsreise, an deren Ende ein besseres Verständnis ihrer Selbst stehen wird.

Juliette im Frühling schafft etwas, das schwer zu bewerkstelligen ist: Blandine Lenoirs Komödie ist kurzweilig, leichtfüßig und humorvoll, dabei aber keineswegs oberflächlich. Dabei wird erst gar nicht versucht zu behaupten, dass alles immer einfach wäre, sondern die vielen diversen Charaktere sind mit einer großen Bandbreite an inneren Konflikten, Unsicherheiten und zu bewältigenden Problemen versehen. Große Themen werden aufgegriffen, tiefgründige Fragen gestellt, Zwischenmenschliches unter die Lupe genommen. Nur: Dabei kommt nie Schwere auf. Die entschiedensten und berührendsten Momente sind nonverbal und kommen ohne großes Pathos aus. Das Körpergedächtnis der Charaktere wird wachgerufen, wir können es an ihrer Haltung, Gestik und Mimik sehen und verstehen: Hier passiert gerade etwas Maßgebliches, Bewegendes, Bedeutsames. Aber kaum kullert uns eine Träne über die Backe, werden wir auch schon wieder vom nächsten Lachen überrumpelt. Denn zu viel Platz für Sentimentalität und Melancholie lässt Regisseurin Lenoir in keiner der Szenen. Das Leben ist schließlich leichter, wenn man es nicht ganz so ernst nimmt.