horizon

Horizon

Zurück im Sattel

| Andreas Ungerböck |
Kevin Costner und der Western: Das erste Kapitel seines auf vier Teile angelegten Western-Epos „Horizon: An American Saga“ ist da. Dass er damit „good old Hollywood“ wird retten können, ist eher unwahrscheinlich. Plus: ein Streifzug durch eine bewegte Karriere.

Kevin Costners doch sehr stattliche Schauspieler-Laufbahn begann, wie man weiß, eher unglamourös: In Lawrence Kasdans The Big Chill (1983) verkörperte er die Leiche, den Toten, dessentwegen sich sieben Freunde aus ihrer Studentenzeit nach Jahren wieder versammelten. Doch der 1955 in Lynwood, Kalifornien, geborene Costner, der eigentlich Wirtschaft studiert hatte und der Legende nach von Richard Burton höchstpersönlich dazu motiviert worden war, sich ganz der Schauspielerei zu widmen, beeindruckte Kasdan offenbar genug, um zwei Jahre später in dessen Western Silverado bereits zur Top-Besetzung zu zählen. Befreundet sind Costner und die Familie Kasdan bis heute – unter anderem hat er mit Mark Kasdan, dem Bruder des Regisseurs, die zugrundeliegende Story zu Horizon geschrieben.

TOTGESAGTE LEBEN LÄNGER

Danach ging es sportlich weiter. In den späten achtziger Jahren war Costner gleich dreimal hintereinander in Filmen zu sehen, die mit Baseball zu tun hatten. Mindestens genauso ur-amerikanisch wie Baseball ist der Western im Kino, und Silverado war wohl so etwas wie die Initialzündung für Kevin Costners „Liebesbeziehung“ zu diesem Genre, die nun schon seit fast 40 Jahren anhält – gegen alle Widerstände und zum Teil auch wider jede Vernunft. Bekanntlich wird der Western ja alle paar Jahre totgesagt, eine Einschätzung, die Costner jedenfalls dezidiert nicht teilt. Im Jahr 1991 war der Western gerade wieder einmal überhaupt nicht tot. Es war ein Jahr, in dem sich die Academy of Motion Picture Arts and Sciences bei der Oscar-Verleihung so manchen schlechten Scherz erlaubte, dennoch gab es einen großen und nach allgemeinem Dafürhalten verdienten Gewinner: Kevin Costner. Sein 181-minütiges Western-Epos Dances with Wolves – sein Regiedebüt – räumte sieben Preise ab, Costner selbst zwei der wichtigsten (als Produzent und als Regisseur, während er als Hauptdarsteller leer ausging).

Es lohnt sich angesichts von Costners neuem Projekt Horizon, noch einmal einen Blick auf Dances with Wolves zu werfen, der ganz offenkundig die Blaupause für das ehrgeizige Unterfangen war. Trotz manch seltsamer Entscheidung beim Casting (Mary McDonnell war in etwa gleich alt wie Graham Greene und Tantoo Cardinal, die im Film ihre indianischen Adoptiveltern spielen) und einer Vielzahl von historischen Ungenauigkeiten, die man als Normalzuschauer ohnehin nicht bemerkte, war der Film doch in vieler Hinsicht bemerkenswert. Immerhin war er einer der ersten großen Western, in dem die indigenen Rollen allesamt mit Natives besetzt waren – und das nach fast hundert Jahren Filmgeschichte. Mehrheitlich waren diese aber keine Lakota, um die es im Film eigentlich geht, was die Freude darüber, dass Natives endlich einmal in ihrer eigenen Sprache sprechen durften, etwas trübte. Der Aktivist Russell Means monierte laut Wikipedia später: „The odd thing (ì) is that they had a woman teaching the actors the Lakota language, but Lakota has a male-gendered language and a female-gendered language. Some of the Natives and Kevin Costner were speaking in the feminine way. When I went to see it with a bunch of Lakota guys, we were laughing.“ Der weiße Blick auf die Geschichte der US-amerikanischen Landnahme, auch wenn er immerhin ein gänzlich anderer war als in hunderten herkömmlichen Western bis dahin, sorgte ebenfalls nicht nur für Freude. Means sprach, in Anlehnung an David Leans Lawrence of Arabia, von „Lawrence of the Plains“.

Wie auch immer: Trotz seiner Mängel, trotz (oder wegen) seiner teils rührenden Naivität, trotz seiner gewaltigen Länge und seines damals nicht gerade hippen Themas spielte der Film bei einem – von heute aus gesehen – geradezu lächerlichen Budget von 22 Millionen Dollar allein in den USA an die 190 Millionen Dollar ein. Er brach alle Rekorde, als er auf Video veröffentlicht wurde, und ist bis heute ein Publikumsfavorit, wenn nicht gar ein Klassiker der jüngeren Filmgeschichte.

TOP UND FLOP

Nur wenig später war Kevin Costner wieder im (Süd-)Westen unterwegs: Die unsterbliche, mythisch überhöhte, vielfach literarisch und filmisch bearbeitete Geschichte vom „Gunfight at the O.K. Corral“ in der legendären Stadt Tombstone, Arizona, wurde binnen sechs Monaten gleich in zwei epischen Filmen abgehandelt. Zu Weihnachten 1993 kam George Pan Cosmatos’ 130-minütiger Tombstone in die Kinos, Ende Juni 1994 Wyatt Earp von Costner-Freund Lawrence Kasdan mit dem Star in der Hauptrolle und als Produzent – eine ganze Stunde länger als und mehr als doppelt so teuer wie der „Vorgänger“. Beide Filme waren üppig mit männlichen Stars besetzt: Konnte Cosmatos mit Kurt Russell, Val Kilmer, Sam Elliott und Charlton Heston aufwarten, so hatte Kasdan neben Costner unter anderem Dennis Quaid, Gene Hackman und Bill Pullman zu bieten. Der kommerzielle Erfolg war solide (Tombstone) bzw. desaströs (Wyatt Earp), und auch die Kritik konnte sich eher für ersteren Film erwärmen.

Wärend er als Schauspieler zumindest lange Zeit ungemein populär war und sowohl in breitenwirksamen Filmen wie Kevin Reynolds’ Robin Hood: Prince of Thieves und Mick Jacksons The Bodyguard (an der Seite von Whitney Houston), aber auch in hochwertigerer Ware wie Oliver Stones JFK, Clint Eastwoods Perfect World oder Roger Donaldsons Thirteen Days erfolgreich war, hatte er als Produzent ein wesentlich weniger glückliches Händchen. Legendär schief lief sein Engagement beim post-apokalyptischen Epos Waterworld (1995) seines Kumpels Kevin Reynolds, wenngleich sich die während der Herstellung enorm ausufernden Kosten und das Einspielergebnis des Films letztlich annähernd die Waage hielten. Mit Postman (1997) hingegen, den Costner – wenn schon Postapokalpyse, dann aber richtig – auch gleich selbst inszenierte, wurde es finanziell richtig schmerzhaft. Bei einem Budget von 80 Millionen, was damals noch wirklich viel Geld war, spielte der zu Weihnachten 1997 gestartete und 177 Minuten lange Film weltweit nur 30 Millionen Dollar ein, in den USA gar nur 17 Millionen. Damit nicht genug: Postman wurde von der Kritik in der Luft zerrissen und unter anderem mit fünf Goldenen Himbeeren, dem Schmähpreis für die schlechtesten Leistungen in der Filmindustrie, „ausgezeichnet“. Das konnte Costner allerdings nicht davon abhalten, sein Herzensprojekt in Interviews immer wieder zu verteidigen; er sprach oft von „Missverständnissen“ und davon, den Film wohl falsch vermarktet zu haben.

Nach der Jahrtausendwende wurden die Brötchen, die Kevin Costner als Schauspieler und als Produzent backen konnte, merklich kleiner. Aber auch in dieser Phase seiner Karriere spielten Western eine entscheidende Rolle. Mit Open Range (2003), bei dem er Regie führte und in dem er neben Robert Duvall, für den er den Film eigentlich geschrieben hatte, die Hauptrolle spielte, erntete er einen überraschenden Erfolg. Open Range war eher klein dimensioniert und erzählt eine überschaubare klassische Western-Geschichte, angesiedelt in Montana in den 1880er Jahren. Ein Überraschungserfolg war auch der insgesamt nur 97 Minuten lange Western-Fernseh-Dreiteiler Hatfield & McCoys (2012), bei dem erneut Kevin Reynolds Regie führte und Costner und Bill Paxton als Antagonisten die Hauptrollen spielten.

BIS ZUM HORIZONT

Horizon, sein Mega-Epos, das in seiner endgültigen Fassung zumindest zwölf Stunden haben und nicht mehr und nicht weniger als den Gründungsmythos der Besiedlung des nordamerikanischen Kontinents neu erzählen soll, soll(te) wohl die Krönung seines Schaffens und seiner Liebe zum Western werden. Gänzlich gegen den Zeitgeist hat sich Kevin Costner, und das ehrt ihn in gewisser Weise, gegen das Fernsehen und für das Kino entschieden. „I’ll see you at the movies“, lautete erst kürzlich seine aufmunterende Instagram-Botschaft an die vielen enttäuschten Yellowstone-Fans, denn aus der buchstäblich epochalen Serie, die von Schauspieler und Regisseur Taylor Sheridan zusammen mit John Linson konzipiert worden war und sich seit ihrem Start 2018 für das Paramount Network langsam, aber stetig zu einem Publikumsfavoriten erster Güte entwickelt hatte, stieg der Hollywood-Star aus, nachdem er darin gut 50 Episoden lang die Hauptrolle des Ranchers John Dutton verkörpert hatte. Daran konnte auch der Preisregen für Yellowstone nichts ändern, und auch nicht, dass Costner 2023 dafür seinen zweiten Golden Globe entgegennehmen konnte. Über die Hintergründe des Yellowstone-Ausstiegs gibt es, wie immer, unterschiedliche Angaben. Tatsache ist wohl, dass der Drehplan der zweiten Hälfte der fünften Staffel der Serie letztlich mit jenem von Horizon kollidierte.

Das Projekt Horizon trägt Costner jedenfalls schon gut dreißig Jahre mit sich herum, und noch 2014 meinte er in einem Interview sinngemäß, dass es jetzt bald soweit sein werde – eine optimistisch verfrühte Prognose. Nachdem die Dreharbeiten im Jahr 2022 endlich begonnen werden konnten, war es dann bei den Filmfestspielen in Cannes im Mai 2024 soweit, und „Chapter 1“ der Saga, wie Dances with Wolves genau 181 Minuten lang, konnte seine Premiere feiern. Nach sieben Minuten Ovationen, die wohl mehr der Hollywood-Ikone Kevin Costner galten als dem aktuellen Film, waren die Reaktionen, um es vorsichtig zu sagen, eher gemischt und die Begeisterung enden wollend. Noch weniger enthusiastisch als die internationale Kritik war allerdings das US-amerikanische Publikum, denn den kolportierten Produktionskosten von 100 Millionen Dollar (wohl inklusive Marketing-Budget und ähnlichem), von denen Costner – Francis Ford Coppola lässt grüßen – angeblich 38 Millionen selbst gestemmt haben soll, stehen derzeit (Mitte August, Anm.) weltweit (!) Einnahmen von rund 33 Millionen Dollar gegenüber.

Das Startwochenende, bekanntlich immer der Gradmesser für den künftigen Erfolg eines Films, spülte Ende Juni nur magere elf Millionen Dollar in die Kassen, und bereits zwei Wochen später folgte der Paukenschlag: Entgegen dem ursprünglichen Plan, Teil 2, der zeitgleich mit dem ersten gedreht worden war, schon sieben Wochen später in die Kinos zu bringen, zogen Costners Firma Territory Pictures und der US-Vertriebspartner New Line Cinema die Notbremse. Nach aktuellem Stand wird das zweite Kapitel der Saga nicht in die US-amerikanischen Kinos kommen, auch wenn die Formulierung „to give audiences a greater opportunity to discover the first installment of Horizon over the coming weeks“ mehr nach Verschiebung und somit nach Beschwichtigung klingt. Inzwischen läuft der Film, der weiterhin in den Kinos zu sehen ist, schon auf Video-on-Demand, wo man ihm bessere Chancen gibt, und demnächst wohl auch im Streaming.

Kevin Costner hat in einer Stellungnahme betont, es sei ihm klar gewesen, dass der Film letztlich im Fernsehen landen werde: „They’re going to break this up into a hundred pieces, you know what I mean? After four of these, they’re going to have 13, 14 hours of film and they’re going to turn into 25 hours of TV, and they’re going to do whatever they’re going to do. That’s just the way we live in our life but they’ll also exist in this form. And that was important for me, to make sure that happened. And I was the one who paid for it.“ Auch das allerdings klingt weniger nach Überzeugung, sondern mehr nach Einsicht ins Unvermeidliche. Und wie immer die Sache ausgehen mag: Auch Kapitel 2 feiert dieser Tage eine glanzvolle Premiere bei den Filmfestspielen in Venedig. Und Teil 3, für den es übrigens noch keinen US-Kinoverleih gibt, wird gerade gedreht.

FERNSEHEN AUF DER LEINWAND

Soweit der für Costner unerfreuliche Business-Teil des Ganzen, der in seiner Dimension an den Postman-Flop erinnert. Wie sieht es nun aber mit der künstlerischen Seite aus? Kann man eine Kritik über einen Film schreiben, der bestenfalls zu einem Viertel vorliegt? Nein, kann man nicht, aber leider kann man, bei aller Sympathie für einen verdienten Hollywood-Veteranen und selbst wenn man bei den bloßen Fakten bleibt, nicht viel Positives erkennen – und das schmälert die Vorfreude auf die weiteren Kapitel doch erheblich. Was sofort verblüfft, ist, dass Costner sich gegen das CinemaScope-Format entschieden hat – insofern überraschend, als er immer wieder panoramaartige Totalen der großartigen Landschaften des amerikanischen Nord- und Südwestens ins Bild rückt, auch wenn der Film zum Großteil in Utah gedreht wurde. Wie nicht anders zu erwarten, ist das komplette Western-Personal, wie es seit filmischen Urzeiten bekannt ist, vollständig vertreten: Menschen, meistens Männer, mit Pioniergeist, Abenteurer und weniger angenehme Gesellen, die indianische Frauen und Kinder abschlachten, weil sich mit deren Skalps gutes Geld verdienen lässt, reaktionäre Armeeangehörige und der prototypische „edle“ Offizier, der Verständnis für die Native Americans hat, die Hure mit Herz, die patente blonde Siedlerfrau mit ihrer ebenso blonden Tochter, dekadente Neuankömmlinge, die im Wasser baden, das dem ganzen Siedlertreck eigentlich zum Trinken dienen soll, Indigene, die sich brutal gegen die Invasion der Weißen zur Wehr setzen und solche, die zur Besonnenheit mahnen, eine übellaunige Redneck-Familie mit missratenen Söhnen, und viele mehr. Unser Held Hayes Ellison (Costner) tritt erst spät in Erscheinung und ist offenbar eine Art „Händler“.

Das Geschehen spielt sich in etwa zwischen 1859 und 1863 ab (Zeitangaben sind spärlich), was unter anderem dadurch manifest wird, dass die Armeeangehörigen zum Dienst im Bürgerkrieg (1861–1865) abkommandiert werden. Das Ziel von diversen Gruppen von Siedlern ist offensichtlich eine Stadt mit dem idyllischen Namen Horizon, die in Arizona erst vor einigen Jahren gegründet, von wütenden Apachen niedergebrannt, von toughen Siedlern rasch wieder aufgebaut wurde und für die mittels Flugblatt allerorten geworben wird. Vier, fünf Erzählstränge werden alternierend und zum Teil überlappend vorangetrieben, was die Orientierung einigermaßen schwierig macht, zumal ständig neue Personen eingeführt werden. Was leider auch auffällt, ist, dass neben den bekannteren Darstellerinnen und Darstellern (Costner, Sienna Miller, Sam Worthington, Will Patton, Luke Wilson, Michael Rooker, Jena Malone, Danny Huston und andere) auch einige Menschen mitspielen, die mit ihren Aufgaben sichtlich überfordert sind.

Die Kameraarbeit stammt von J. Michael Muro, der schon bei Dances with Wolves im Team von Kameramann Dean Semler tätig war und später bei Open Range (2003) seine erste Arbeit als Director of Photography ablieferte (Costner ist bekannt dafür, Cast- und Crewmitgliedern die Treue zu halten.). Die Bilder wirken oft befremdlich flach, ohne Tiefe, zudem ist sehr viel Gegenlicht, wohl als Stilmittel, im Spiel. Insgesamt erinnert das alles – gerade im Kontrast mit den überwältigenden Landschaften – sehr an Fernsehen. Dieser Aspekt wird noch verstärkt durch eine Entscheidung Kevin Costners, die er sich wirklich verkneifen hätte sollen: Zum Schluss des ersten Teils gibt es einen trailerartigen Zusammenschnitt von Szenen aus dem zweiten Teil, unter anderem mit Giovanni Ribisi. Spätestens da fragt man sich, ob es nicht doch klüger und angemessener gewesen wäre, das ganze Unterfangen als Serie oder Mehrteiler im Fernsehen/Streaming zu realisieren. Wie das alles weitergehen soll, ob im Kino oder nicht – man wagt es kaum einzuschätzen.