Ein Porträt von Arbeit, das ein verborgenes Leben sichtbar macht.
Eine Familie, zusammengedrängt am Sofa, isst gemeinsam Pizza. Die Mutter weint, als die Tochter später das Haus verlässt. Doch die beschwichtigt: „So ist meine Arbeit eben.“ Danach Stille. Es ist noch dunkel vor dem Plattenbau, als Sadina Lungu sich am nächsten Morgen fertig macht. Der 50-jährigen Rumänin steht eine lange Reise bevor – dieselbe seit vierzehn Jahren. Erst tief in der Nacht kommt die ausgebildete Pflegekraft an ihrer Destination Bad Vöslau an. Dort trifft sie ihre Kollegin, die sie schon sehnlichst erwartet, ist es doch ihre Ablöse. Sie begrüßen sich herzlich. Lungu ist eine 24-Stunden-Pflegerin und teilt ihr Schicksal mit etwa 62.000 anderen Osteuropäerinnen. Sie sind drei bis fünf Monate im Dienst und dann einen Monat bei ihren Familien in Rumänien. Seit 2007 gibt es in Österreich legale Rahmenbedingungen für diese Arbeit, was sie jedoch nicht vor Ausbeutungsverhältnissen schützt. Die 24-Stunden-Betreuung ist ein Ausdruck der sozialen Schieflage in Europa. Harald Friedls Dokumentarfilm beleuchtet den Alltag von Sadina Lungu auf sensible Weise und gibt Einblicke in ein oft verborgenes (Arbeits-)Leben.
Lungu ist den ganzen Tag beschäftigt. Wenn sie nicht direkt mit ihrer Klientin arbeitet, geht sie einkaufen, räumt auf, kocht oder pflegt den Garten. Die 85-jährige Frau Pöschl wirkt dement und kann sich nicht mehr selbst bewegen. Sie bekommt Nahrung aus der Flasche, und außer einer Dusche alle paar Tage wird sie täglich mit feuchten, warmen Handtüchern abgerieben. Wenn sie auch nur leichte Fiebersymptome aufweist, ist die Sorge groß. Die zwei Stunden Pause, die ihre Pflegerin täglich hat, nutzt sie für Videoanrufe mit Familie und Freunden oder um Videos vom Paragleiten anzusehen – ein seltsamer Kontrast zur Enge ihrer Arbeitssituation. In Österreich fühlt sich Sadina Lungu einsam. Die einzige soziale Interaktion außerhalb von Handy und Arbeit hat sie nur mit dem Personal in Apotheken oder Supermärkten. Auch nach über zehn Jahren in Bad Vöslau kennt sie viele Ecken der Kleinstadt immer noch nicht. Dafür sei zu wenig Zeit. Trotzdem bleibt die Pflegerin bemüht und zeigt keine Bitterkeit, vor allem nicht gegenüber ihrer Klientin. Liebevoll schenkt sie ihr einen Pyjama zum Geburtstag. Friedls Film lebt von Kontrasten und bringt uns eine Welt nahe, die unbedingt sichtbar gemacht werden muss. Als Zuschauer hat man oft das Gefühl, man dürfte diese privaten Momente gar nicht sehen – doch genau das sollte Harald Friedls Dokumentarfilm bewirken.
