Radiofreccia, 1998
Radiofreccia, 1998

100 Jahre Radio in Österreich

Radio Days

| Oliver Stangl |
Vor 100 Jahren wurde in Österreich der Hörfunk eingeführt. Ein kurzer Blick auf die Darstellung des Radios im Film und ein Hinweis auf ein Radiofilmfestival.

Es mussten viele Dinge zusammenkommen, damit das Radio das Licht der Welt erblicken und zum Massenmedium werden konnte. Seine Wurzeln hat es im späten 19. Jahrhundert, als mehrere Genies in verschiedenen Ländern zeitgleich an Methoden der Tonaufzeichnung arbeiteten – die Erfindung lag also im Wortsinn in der Luft. Während in Sachen Tonkonservierung etwa Edisons mechanischer Phonograph berühmt wurde, gelang u. a. Alexander Graham Bell, einem der (Mit-)Erfinder des Telefons, die Umwandlung von Schallwellen in elektrische Impulse. Die Entdeckung der elektromagnetischen Wellen – Grundlage des drahtlosen Rundfunks – war dem Physiker Heinrich Hertz vorbehalten. Einige der Männer, denen heute die technische Basis des Rundfunks zugeschrieben wird, waren seinerzeit vergessen und mussten erst von der Nachwelt wiederentdeckt werden: Nikola Tesla etwa oder Alexander Popow. Schon zu Lebzeiten die Lorbeeren ernten konnte Guglielmo Marconi – er funkte 1901 über den Atlantik, wobei ihm in Sachen Reichweite ein von Ferdinand Braun entwickelter Antennenkreis zupass kam. Beide erhielten dafür 1909 den Nobelpreis für Physik. 

Nachdem die Grundlagen für Aufnahme, Übertragung und Empfang gelegt worden waren, begann man allmählich mit der ökonomischen Nutzung des Mediums: 1920 ging in Pittsburgh der erste kommerzielle Radiosender „on air“. In Deutschland wurde im Oktober 1923 die erste Unterhaltungssendung ausgestrahlt, und in Österreich gründete sich 1924 auf Bestreben der Republik die Radio-Verkehrs-AG, kurz RAVAG. Am 1. Oktober 1924 schließlich nahm Radio Wien den Sendebetrieb mit einem Festkonzert auf – hierzulande die Geburtsstunde eines jahrzehntelangen Rundfunkmonopols.

 

Spätestens ab den dreißiger Jahren wurde Radio wurde zu einem weltweiten Massenmedium: Es diente der Unterhaltung und der Information ebenso wie der Propaganda (was Letzteres betrifft, galt etwa der von Joseph Goebbels in Auftrag gegebene und 1933 eingeführte Volksempfänger als besonders effektiv). Es wurde  bewusst gehört, wie (u. a. in der Gastronomie) als Hintergrundberieselung eingesetzt, gliederte den Tagesablauf vieler Menschen, überwand Grenzen und ließ so manchen Hörer neue Musikstile entdecken. Konkurrenz kam zwar vom Tonfilm und nach Kriegsende vom Fernsehen, doch hielt nicht zuletzt das Automobil bzw. die darin verbauten Autoradios das Funkwellen-Medium überaus gut im Geschäft. Aus den großen und schweren Kästen, die einst zum Empfang dienten, wurden immer kleinere, leicht zu transportierende Geräte, Nachrichten und Musik konnten praktisch überall konsumiert werden. Heute lässt sich das Programm der meisten Radiosender unkompliziert und unabhängig von offiziellen Beginnzeiten am Computer oder am Smartphone streamen. Das Aufkommen von Podcasts führte schließlich dazu, dass im Prinzip jeder ein Online-Radiostar werden kann. 

Video hat, um einen berühmten Song zu zitieren, den Radio Star also gar nicht nachhaltig gekillt. Vielleicht könnte man heute sagen: „Internet Supports the Radio Star“. Auch wenn das nicht so locker von der Zunge geht.

NOSTALGIE & ABGRÜNDE

Während das Radio (u. a. mit dem Medium Hörspiel, das im deutschsprachigen Raum hochqualitativ und immer noch sehr präsent ist) für allerlei Kopfkino sorgen kann, sich die Hörerschaft also eigene Bilder zum Gehörten imaginiert, hat sich das Kino diesem rein akustischen Medium immer wieder visuell angenähert. Dabei kam es nicht selten zu nostalgischen Annäherungen, in denen das Radio als Symbol einer guten alten, manchmal verklärten Zeit diente. In Woody Allens Radio Days (1987) etwa trösten Hörfunksendungen eine in Armut lebende Familie über die triste Realität hinweg und verhelfen zur Weltflucht im Kleinen. Ebenfalls in eine nostalgische Kerbe, allerdings deutlich unkonventioneller und mit wunderbar verschrobenem Humor, schlägt Jon Amiels leider vergessener Film Tune in Tomorrow … (1990): In der Vargas-Llosa-Adaption brilliert Peter Falk als ebenso genialer wie wahnwitziger Autor, der sich für eine Radio-Seifenoper von den Liebeleien und Skandälchen seiner Umgebung inspirieren lässt. Eine herrliche Hommage an das Medium Hörspiel und das Triviale, mit u. a. Barbara Hershey und Keanu Reeves in weiteren Rollen. Auch der letzte Film des nicht selten bitterbösen Robert Altman, A Prairie Home Companion (2006), ist eine warmherzig-nostalgische Hommage an das Medium Live-Radio geworden.

Als völligen Kontrast zu den erwähnten Werken könnte man etwa Oliver Stones (gesellschafts-)politisches, düsteres Drama Talk Radio (1988) heranziehen: Der Film kreist um einen provokanten Moderator, der Anrufer zunächst unzensiert zu Wort kommen lässt, um sich sodann mit ihnen anzulegen – und sich durch Bloßstellung bzw. Entlarvung der Anrufer auch einer stärkeren Bedrohung durch Extremisten ausgesetzt sieht. Gesellschaftliche Abgründe und der Sensationalismus solcher Formate werden hier ebenso thematisiert wie die Psyche des von Eric Bogosian dargestellten Hosts (in Österreich wurde ein an US-Vorbildern orientiertes Format namens „Talk Radio“ übrigens Ende der achtziger Jahre auf Ö3 eingeführt). Der Film basiert dabei zum Teil auf der Ermordung des realen Moderators Alan Berg. In Terry Gilliams The Fisher King (1991) lösen die unbedachten Bemerkungen eines Radio-DJs (Jeff Bridges) einen Amoklauf aus, die Radiosendung ist hier allerdings nur der Ausgangspunkt für die weitere Handlung. Für provokante Sendungen, allerdings ohne Amoklauf, war immer auch der US-Radiomoderator Howard Stern gut, der sich in Private Parts (1997, R: Betty Thomas), der Verfilmung seiner Autobiografie gleich selbst spielte. Das mit ebenso skurrilem wie unkorrektem Humor gepflasterte Werk gehört wohl zu den bekanntesten Filmen über eine reale Radiopersönlichkeit. 

Oft diente das Radio auch zur dramaturgischen Gliederung von Filmen, etwa in George Lucas’ nostalgischer Sixties-Hommage American Graffiti (1973), in dem die Erzählungen des legendären DJs „Wolfman Jack“ im Verbund mit zeitgenössischer Musik die Handlung zusammenhalten. In Walter Hills Actiondrama The Warriors (1979) informiert ein Piratensender verschiedene New Yorker Banden darüber, dass die titelgebende Gang sozusagen Freiwild ist – ein Prinzip, dem in der aktuellen Actionreihe John Wick (per Radiostation im Eiffelturm werden Kopfgelder ausgesetzt) Reverenz erwiesen wird. Apropos Piratensender: Im deutschsprachigen Raum war Piratensender Powerplay (1982, R: Siggi Götz, P: Karl Spiehs) mit Thomas Gottschalk und Mike Krüger ein Kassenhit, der das Phänomen der illegalen, in ihrer Reichweite begrenzten Sender (teilweise eine Folge des jahrzehntelangen Monopols) klamaukig verarbeitete. Zum Kultfilm wurde der kanadisch-amerikanische Coming-of-Age-Film Pump Up the Volume, (1990, R: Allan Moyle) in dem Christian Slater als Jugendlicher Piratensender-Betreiber seinen Ängsten, Sehnsüchten und Hoffnungen Ausdruck verleiht. In Fassbinders Die dritte Generation (1979) – einer schwarzhumorige Annäherung an den Terrorismus in der BRD – sind bewusst alle Szenen mit diegetischen Klängen aus dem Rundfunk (Musik und Nachrichten aus Radio und TV) unterlegt, die Handlungsabläufe werden regelrecht zugedudelt: Berieselung und Informationswert sind im gesellschaftspolitischen Klima, das der Film entwirft, nicht mehr zu unterscheiden.

RADIOFILMFESTIVAL

Angesichts der Breite des Themas können an dieser Stelle natürlich nur Schlaglichter auf die filmische Darstellung des Radios geworfen werden. Im November kann man sich aber gleich drei Tage lang auf ein filmisches Programm zum Thema einlassen: Das „Radiofilmfestival. Eine cineastische Liebeserklärung zu 100 Jahre Radio“ basiert auf Vorschlägen von Mitarbeitern des Radiosenders Ö1. Dazu passend wird auch ein Film von Kurator Jakob Brossmann gezeigt, der sich Ö1 dokumentarisch annähert: Gehört, gesehen – Ein Radiofilm (2019, R: J. Brossmann, David Paede) ist ein Porträt des öffentlich-rechtlichen Senders zwischen Kultur und Information. Ein anderer österreichischer Beitrag ist Die Geträumten (R: Ruth Beckermann, 2016), ein Hybrid aus Dokumentar- und Spielfilm, in dem Anja Plaschg und Laurence Rupp in einem Tonstudio den Briefverkehr Paul Celans und Ingeborg Bachmanns zum Leben erwecken. Mit Good Morning, Vietnam! (R: Barry Levinson, 1987) läuft auch einer der berühmtesten Radiofilme überhaupt: Lose an wahren Begebenheiten orientiert, brilliert Robin Williams als Moderator eines US-Truppensenders während des Vietnamkriegs. Humor, Subversion und die Wandlung des Moderators Adrian Cronauer, der immer mehr sein Gewissen entdeckt, sind dabei die Hauptzutaten. Ebenfalls nicht ganz unbekannt: Charlie Chaplins Satire The Great Dictator (1940), in der das Medium Radio verschiedene Funktionen erfüllt und am Ende eine viel zitierte humane Botschaft verbreitet. Weitere Filme sind u. a. die italienische Kleinstadtradio-Hommage Radiofreccia (R: Luciano Ligabue, 1998), Talk to Me (R: Kasi Lemmons), das Spielfilm-Porträt eines Black-Broadcasting-Pioniers, Hate Radio (R: Milo Rau, 2014), der die Rolle einer Radiostation beim Genozid in Ruanda thematisiert, La maison de la radio (2012), Nicolas Philiberts Dokumentarfilm über Radio France oder der Essayfilm Dreams Rewired (R: Manu Luksch, Martin Reinhart, Thomas Tode), der sich den Auswirkungen von medialer Vernetzung auf die Menschheit widmet. Einige der gezeigten Filme werden von Rahmenprogrammen begleitet, zudem gibt es Moderationen von Ö1-Mitarbeiterinnen und -mitarbeitern. Radio zum Hörsehen.