The Village Next to Paradise

Filmstart

The Village Next to Paradise

| Jakob Dibold |
Ein Langfilmdebüt über Fragen unserer Zeit als internationales Projekt

Fernsehbild: Channel 4 berichtet über die Tötung eines hochrangigen Mitglieds der Terrororganisation al-Shabaab per Drohne im Süden Somalias. Schnitt. Direkt am Ort des Geschehens nimmt man das Ereignis als alltäglich wahr. Mamargade, der erste Protagonist dieses Films, findet in den nicht ungewöhnlichen Angriffen aus der Luft gar oftmals wichtige Aufträge als Totengräber. Nicht sein einziger Gelegenheitsjob, mehr Sorgen als die unterschiedlich erfolgreichen und mitunter dubiosen Formen der Geldbeschaffung macht dem Witwer aber die Erziehung seines Sohnes Cigaal: Aus Mangel an finanziellen Mitteln und Lehrkräften schließt die einzige nahe Schule, und Mamargade muss einen Weg finden, Cigaal weiterhin Chancen auf Bildung zu ermöglichen. Mit den beiden gemeinsam im kleinen Dorf am Meer wohnt Schwester und Tante Araweelo, die wiederum nach der Eröffnung einer eigenen Schneiderei strebt. Als geschiedene, noch dazu nicht in der Stadt wohnende Frau ein schwieriges Unterfangen. Eigentlich alle Charaktere, nicht nur jene dieses „übriggebliebenen“ familiären Trios, scheinen, es ist nachvollziehbar, große Erschöpfung auszustrahlen – doch tatsächlich liegt Gefasstheit in ihnen, ein Wissen um den Ernst der Lage, das erforderlich ist, um doch wieder tagein, tagaus für eine möglichst lebenswerte Existenz auf dieser Erde zu kämpfen. 

Und paradiesisch wäre es hier allemal, am langen Ufer des Indischen Ozeans, Regisseur Mo Harawe findet zudem ebenfalls an den menschengemachten Schauplätzen wundervolle Blickwinkel, Farbräume, Momente von nie als aufgesetzt aufstoßendem Mut zur Schönheit und zur Freude. Schon seinen preisgekrönten letzten Kurzfilm Will My Parents Come to See Me? (2022) wollte Harawe, in Mogadischu geboren und 2009 nach Österreich gezogen, mit dem ägyptischen Kameramann Mostafa El Kashef drehen. Sehr gut, dass es nun gelang. Mehr als nur erfrischende visuelle Attraktion, überzeugt The Village Next to Paradise als Familiendrama, das für die Darstellung der Härte des Daseins gekonnt einen glaubhaften, besonnenen Mittelweg geht. Ohne Verklärung und ohne Verelendung, dafür mit schließlich drei Hauptfiguren und einem nur vermeintlich beiläufigen Sidekick namens Mandela. Ein anspruchsvolles und trotzdem zugängliches Porträt von Individuen, denen in der unaufhörlichen Drehung der modernen Weltpolitik Schleudersitze in instabilen Staaten zugewiesen worden sind. Diesem Schicksal erwehren sie sich jedoch, sie sind Menschen mit Willen und Träumen, die sich daraus erheben. Dass manche dabei, genötigt, nur auf schiefen Bahnen Halt finden, ist wohl unvermeidbar.