Krisen und existenzielle Momente prägen das Kino des J. C. Chandor. Ein Blick auf die Filmografie des Regisseurs und Drehbuchautors zum Start der Comicverfilmung „Kraven the Hunter“.
J. C. Chandor erblickte 1973 in Morristown, Jew Jersey, das Licht der Welt. Seine Eltern hatten nichts mit Film zu tun, allerdings spielte der Umstand, dass der Vater Investmentbanker bei Merrill Lynch war, bei Chandors Durchbruchsfilm Margin Call (2011) eine nicht ganz unwichtige Rolle. Doch der Reihe nach: Jeffrey McDonald Chandor studierte Filmwissenschaft am College of Wooster in Ohio und Filmproduktion an der New York University. 2004 drehte er den Kurzfilm Despacito (Regie, Drehbuch, Produktion), danach folgten … erst einmal länger keine Spielfilme. Bis zum Ende des Jahrzehnts war Chandor nämlich fast ausschließlich mit Werbespots beschäftigt. Ein Business, das Rechnungen bezahlte, ihn das praktische Handwerk in einem kommerziell geprägten Umfeld erlernen ließ und durchaus Kreativität verlangte (eine Geschichte musste innerhalb weniger Sekunden erzählt werden). Chandor war nicht der erste Regisseur, der über den Umweg der Werbung die Aufmerksamkeit Hollywoods auf sich zog: Filmemacher wie Ridley Scott oder David Fincher, um nur zwei besonders prominente Beispiele zu nennen, begannen ebenfalls mit Werbespots. Jedenfalls hatte Chandor niemand auf der Rechnung, als im Jahr 2011 Margin Call in die Kinos anlief: Viele Kritiker waren regelrecht verblüfft, dass der brillante Debütfilm quasi aus dem Nichts zu kommen schien.
Es geht um die Existenz
Chandor führte in diesem Film detailliertes Finanzwissen (über den schon erwähnten Vater lernte er das Milieu und gewisse Marktmechanismen kennen) mit großem Talent für Schauspielführung und Dialoge zusammen; das Genre Ensemblefilm lud er auf ähnliche Weise mit Spannung und dramatischen Akzenten auf wie Sidney Lumet dies 1957 im Kammerspiel 12 Angry Men vorexerziert hatte (ein Film, der seine Handlung ebenfalls auf einen engen Zeitraum komprimiert und fast ausschließlich in einem Zimmer spielt). Chandor erzeugte mit simplen Mitteln Spannung und Dynamik, und als Debütant gelang es ihm obendrein, erfahrene Kaliber (und Egos) wie Kevin Spacey, Jeremy Irons, Paul Bettany, Stanley Tuci oder Demi Moore virtuos durch die Handlung zu dirigieren. Zentrale Themen wie Krisen, Überlebenskämpfe und Materialismus, die sich fortan durch Chandors Werk ziehen sollten, sind hier schon angelegt.
Margin Call spielt kurz vor Beginn der globalen Finanzkrise 2007: Eine New Yorker Großbank baut in ihrer Abteilung für Aktienhandel massiv Stellen ab, wobei es einem frisch gefeuerten Risikomanager gerade noch gelingt, einen USB-Stick mit brisanten Daten an einen jungen Mitarbeiter zu übergeben. Es stellt sich heraus, dass die Bank eine Unmenge falsch bewerteter Wertpapiere in ihren Beständen hat – die „Bombe“ kann jeden Moment platzen und die Bank vernichten. Es kommt zur Krisensitzung: Die bald wertlosen Papiere sollen auf Geheiß des CEOs schnellstmöglich abgestoßen werden, bevor andere Marktteilnehmer Lunte riechen. Die Teilnehmer der Sitzung werden mit hohen Geldbeträgen dazu „motiviert“, diesem Plan zuzustimmen, bei einigen meldet sich allerdings das Gewissen. Handelt es sich um Betrug reinster Sorte oder ist es legitim, sich ohne Rücksicht auf andere selbst zu retten? Für manche geht es letzten Endes schlicht darum, die eigene Existenz zu erhalten.
Der Film umkreist Fragen der Moral und der Käuflichkeit; hier gibt es keine kapitalistische Überfigur à la Gordon Gekko wie in Oliver Stones Wall Street (1987): Die komplexen Verflechtungen des kapitalistischen Finanzsystems selbst – für die Masse und für das Indiviuduum – stehen im Mittelpunkt. Für Margin Call war Chandor u. a. für den Oscar in der Kategorie Bestes Drehbuch und für den Silbernen Bären der Berlinale nominiert, prämiert wurde er unter anderem mit dem Robert Altman Award im Rahmen der Independent Spirit Awards (ein durchaus passender Preis, kann man sich doch gut vorstellen, dass Ensemblefilmer Altman Margin Call gefallen hätte).
Für seinen nächsten Film ließ Chandor den Ensemble-Aspekt allerdings radikal hinter sich: In All is Lost gibt es mit Robert Redford nur einen einzigen Darsteller. Der auf acht Tage angelegte Überlebenskampf eines Seglers im Indischen Ozean erscheint sowohl recht konkret als auch ungemein symbolisch. Gleich zu Beginn wird die Yacht des Protagonisten von einem treibenden Container beschädigt und droht zu sinken. Der alte Mann tut alles, um seine „Virginia Jean“ über Wasser zu halten, doch ein gewaltiger Sturm verschärft die Bedrohung nochmals enorm. Mit All is Lost gelang Chandor ein grandios minimalistischer Film, der Robert Redford einfach nur beim Kampf gegen die Elemente zeigt – eine Art moderne „The Old Man and the Sea“-Variante, die aber ganz auf eigenen Beinen steht. Als „Our Man“ wird Redford im Abspann bezeichnet: Er steht für uns alle, für unsere Kämpfe, egal, wie diese auch aussehen mögen. Der Titel bezieht sich dabei auf eine Sentenz des britischen Dichters E. W. Hornung, wonach alles verloren sei, wenn man die Hoffnung verliere. Das Ende des Films ist in diesem Kontext Emotion pur. Der Film erhielt gute Kritiken, war für diverse Preise nominiert und erhielt auch mehrere Auszeichnungen; nicht wenige hielten Robert Redfords Leistung gar für die beste seiner Karriere.
Dem Thema Gefahr blieb J. C. Chandor jedenfalls treu, was sich schon im Titel des nächsten Films widerspiegelt: A Most Violent Year (2014). Die Inspiration bildete ein trauriger Anlass – der Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School im Jahr 2012, dem 28 Menschen zum Opfer fielen. Als daraufhin bewaffnete Wächter vor der Schule seiner Tochter patrouillierten, kam der Regisseur ins Grübeln, suchte nach dem gewalttätigsten Jahr in der Geschichte New Yorks und fand heraus, dass es sich um 1981 handelte. Und so hatte er das zeitliche Setting für den Film gefunden, in dem Heizölhändler Abel Morales und seine Frau Anna (Oscar Isaac, Jessica Chastain) im Mittelpunkt stehen: Migrant Morales muss mit aller Kraft um das Überleben seiner Firma kämpfen, die sowohl von bewaffneten Überfällen als auch von der Staatsananwaltschaft, die ihm finanzielle Machinationen vorwirft, bedroht wird. Der dramatische Thriller, der moralische und politische Fragen stellt, baut seine Spannung ganz allmählich auf; wie schon bei Margin Call zogen auch hier manche Kritiker Vergleiche mit Sidney Lumet, in diesem Fall etwa mit Prince of the City (der passenderweise 1981 erschien). Darauf angesprochen, betonte Chandor in Interviews gern, dass solcherlei Einflüsse relativ zu sehen seien: Seine Filme gingen von konkreten Ideen aus, die er dann weiterentwickle; er würde sich nicht, wie das viele Kollegen täten, Dutzende Genrefilme zu Recherchezwecken ansehen. Stattdessen zeige er die Drehbücher Freunden und frage diese, ob sich darin keine allzu großen Nachahmungen anderer Werke erkennen lassen würden. A Most Violent Year erhielt wieder sehr gute Besprechungen und einige Preise, spielte allerdings kaum Geld an den Kassen ein. Hierzulande wurde der Kinostart gar im letzten Moment abgeblasen.
Mit dem nächsten Film, der Netflix-Produktion Triple Frontier, wagte sich Chandor dafür in kommerziellere Gefilde vor und drehte einen Action-Thriller mit Starbesetzung, zu der u. a. Oscar Isaac, Ben Affleck und Charlie Hunnam zählen. Der Film – für dessen Skript Chandor mit Oscarpreisträger Mark Boal (The Hurt Locker) zusammenarbeite – handelt von einer Gruppe Söldner, deren Leben nach der Army von Erfolglosigkeit geprägt ist. Um das zu ändern, überfallen sie in Kolumbien einen Drogenbaron und erbeuten dabei rund 250 Millionen Dollar. Die Flucht über die Anden gestaltet sich schwierig – äußere Bedrohungen und interne Konflikte sorgen dafür, dass immer weniger von der Beute übrigbleibt. Geld oder Leben: Das ist in diesem Film wörtlich zu nehmen. Auch wenn der spannende und unterhaltsame Film stellenweise weniger Plausibilität aufweist als Chandors frühere Arbeiten, ist es doch schön zu sehen, dass er auch hier seinen Stammthemen treu geblieben ist.
Nun darf man gespannt sein, ob dies auch in seinem neuen Film der Fall sein wird, für den der Regisseur den bislang radikalsten Genrewechsel vollzieht: Bei Kraven the Hunter handelt es sich um eine Comicverfilmung. Atmosphärisch gesehen stehen die Vorzeichen nicht unbedingt zum Besten, sind Superheldenfilme doch schon seit einer Weile keine automatischen Hits mehr. Zwar hält Sony eigentlich die Filmrechte am Marvel-Helden Spider-Man, und die in Kooperation mit Disney/Marvel entstandene Trilogie, in der Tom Holland Spidey spielte, war ein Mega-Erfolg; allerdings scheint es abgesehen davon nicht möglich zu sein, den Netzschwinger im Sony-eigenen Superhelden-Universum (SSU – Sony’s Spider-Man Universe) auftreten zu lassen. „Ein Spider-Man-Universum ohne Spider-Man“, unken nicht wenige Fans. Dieser Umstand fällt deshalb ins Gewicht, weil die Figur des Kraven eigentlich ein Erzfeind von Spider-Man ist – vor Kino-start sieht es allerdings so aus, als würde der populäre Super-held auch hier nicht auftauchen (dafür hat mit Rhino ein Marvel-Bösewicht eine Nebenrolle übernommen). Dazu kommt, dass die Qualität der letzten Comicverfilmungen Sonys nicht gut war: Sowohl Morbius (2022) als auch Madame Web (2024) waren katastrophale künstlerische und kommerzielle Flops, und auch der dritte Venom-Film ging jüngst an der Kinokasse unter.
In den Comics ist Kraven (bürgerlicher Name: Sergei Kravinoff) ein russischer Jäger, der Spider-Man erlegen will, um sich so zum größten Waidmann aller Zeiten zu küren. Im Film scheint, wenn es nach den Trailern geht, die Beziehung zu seinem dubiosen Vater Nikolai (Russell Crowe) eine wichtige Rolle zu spielen. Aaron Taylor-Johnson, Darsteller der Titelfigur, ist prinzipiell ein fähiger Schauspieler und hat bereits Superhelden-Erfahrung, gab er doch etwa in Avengers: Age of Ultron (2014) die Rolle der Marvel-Figur Quicksilver. Die Trailer sind sehr actionlastig, daher lässt sich zum Zeitpunkt, zu dem dieser Text entsteht, nur über die Details spekulieren. Es sieht jedenfalls so aus, als müsse der durchtrainierte Anti-Held Kraven einen mächtigen Feind besiegen – und als würden ihn die moralischen Konsequenzen durchaus beschäftigen. Könnte J. C. Chandor, der diesmal nur als Regisseur und nicht als Drehbuchautor gelistet wird, das Ruder herumreißen und Sonys Spider-Man-Universum den benötigten Qualitätsschub verpassen? Die Jagd-Thematik an sich ist jedenfalls eine sehr existenzielle: Potenzielle Beute kämpft ja bekanntlich ums Überleben, versucht, dem drohenden Exitus zu entkommen. Und dies würde genau jenen Motiven entsprechen, die Chandor schon mehrmals virtuos in Szene zu setzen vermochte. Wir drücken die Daumen. Sollte es dennoch danebengehen, wird die Karriere des J. C. Chandor sicherlich auch mal einen Fehlschlag überleben.
