Bluish - Film

Filmstart

bluish

| Jakob Dibold |
Den Künstlerinnen ihre Freiheit!

Ein Mosaik, zerlegt und aufgefädelt, Stück für Stück. Abwechselnd zeigen diese vor allem zwei junge Frauen bei Handlungen des Alltags, des Suchens und des Regenerierens. Errol studiert, schwimmt, möchte daten. Sasha scheint neu in Wien, sammelt Einrichtungsgegenstände und soziale Erstkontakte. Vorantasten in die semidurchlässige Blase namens Kunst, auch ein Vorantasten in die eigenständige Existenz. Gesten und Blicke: Worten ebenbürtig. Muttermalkontrolle und Baumarktkäufe: als einnehmende Ereignisse inszeniert. Die Protagonistinnen treiben in sanften Wellen blauen Lichts, das keine Kühle, sondern die unmessbare Klarheit knisternder Lebensenergie ausstrahlt. 

Konkret tauchen Lilith Kraxner und Milena Czernovsky in ihrem zweiten Kinoprojekt nämlich zum einen in diverse Screens und deren Unterräume ein, arbeiten so auf 16mm-Film heraus (treffender das englische Verb: to flesh out), wie Menschenkörper zurzeit so circa mit ihren vielen digitalen Erweiterungen zusammenwachsen. Zum anderen, nicht minder erfinderisch, spüren sie im von ihnen verwendeten Medium Kinofilm ungewöhnliche Möglichkeiten physischer Präsenz auf, einmal sogar mittels bildloser Spoken-Word-Meditationsanleitung. Während die Filmemacherinnen dabei durchgehend gekonnt die essenzielle Praxis des feministischen Zitats mitschreiben, Künstlerinnen und Wegbegleiterinnen an ihrem Film beteiligen, schaffen sie auch fernab akademischer Zugangsbeschränkungen scheinbar simple, in ihrer Einfachheit magische Situationen, die mitunter pure Komödie sind – zusätzlich zum Chantal-Akerman-Bezug, der in der fachlichen Rezeption bereits Konsens scheint, ließe sich im Speziellen dieser Humor als queere Renaissance von Tatis Monsieur Hulot charakterisieren. 

War Beatrix (2021) noch eine – ebenfalls bereits verblüffende – One-Woman-Show in vier Hauswänden plus Garten, lässt das Regieduo nun einen quicklebendigen Stadtfilm, Milieufilm, zudem einen Zeitgeistfilm aufploppen, sinnlich vielleicht gemäß einem aus dem Zylinder gezauberten Seidenblumenstrauß mit Fake-perlenblüten. Kollektive Kräfte sind am Werk, den Hauptfiguren begegnen u. a. das Zentrum für antidisziplinäre Kunst und die drei mysteriösen Damen der Band Les Reines Prochaines (bekanntes ehemaliges Mitglied: Pipilotti Rist), die bluish mit einem Song eröffnen: „Bist du normal? / Bist du verrückt?“, tönt es über einen Straßenverkehrsstrom im Dunkeln. Achtzig Minuten später geht der zärtlich schöne Spuk auf einmal zu Ende, wie der letzte Flügelschlag eines seltenen Insekts. Unvergesslich für die Zukunft des österreichischen Films, mindestens.