Das Internationale Film Festival Rotterdam (IFFR) findet vom 30. Januar bis 9. Februar statt. Unter der Leitung von Vanja Kaludjercic, die das Festival nun im fünften Jahr prägt, vereint es künstlerische Feinheit, mutige Experimente und politisches Kino. Ein Gespräch mit der Festivaldirektorin über das Programm, ihre persönlichen Highlights und die aktuellen Herausforderungen.
Der Januar wirkte dieses Jahr besonders grau und regnerisch, und die Welt scheint nicht in bester Verfassung. Können Besucher hoffen, dass das Festival in Rotterdam ihnen einen Ausgleich bietet?
Vanja Kaludjercic: Das ist unser Ziel. Mit einem Programm dieser Größe suchen wir stets nach Balance – oder streben sie zumindest an. Die Filme und Kunstwerke des IFFR sollen trösten, zum Dialog anregen, die Gegenwart spiegeln und manchmal auch unterhalten. Trost zu spenden ist wichtig, doch wir wollen auch herausfordern, irritieren und verstören. All das gehört untrennbar zu unserem Programm. Ein Festival wie Rotterdam, getragen von einem engagierten Publikum, das sich über fünfeinhalb Jahrzehnte entwickelt hat, hat das Privileg, mutig zu sein. Neben Nischen-Arthouse- und experimentellen Avantgarde-Filmen zeigen wir auch Klassiker, populäre Produktionen und Genre-Filme. Diese Mischung schafft überraschende Kontraste, eröffnet neue Gespräche und zeigt Verbindungen zwischen unterschiedlichen Ansätzen. Rotterdam, eine der vielfältigsten Städte Europas, inspiriert uns, diese Vielfalt in unserem Programm abzubilden. Dabei fragen wir uns stets, wie wir die Stadt, in der wir leben, repräsentieren können.
Was sind Ihre persönlichen Highlights in diesem Jahr?
Für mich stechen immer die Wettbewerbe heraus: der Tiger-, der Big-Screen- und der Tiger-Shorts-Wettbewerb. Besonders im Kurzfilm entdeckt man oft die originellsten und kreativsten Werke. Das kürzere Format erlaubt Filmemachern, die Grammatik des Kinos völlig zu durchbrechen – etwas, das selbst im avantgardistischen oder experimentellen Langfilm schwerer gelingt. In Kurzfilmen erlebt man Ideen, die absolut umwerfend sind, besonders im Wettbewerb.
Besonders gefreut hat mich die starke Präsenz von Filmen aus verschiedenen Regionen: historische Dramen aus Indonesien, LGBTQI-Geschichten aus Taiwan und Werke aus dem ehemaligen Jugoslawien. Ein Beispiel ist Fiume o Morte von Igor Bezinović, das eine faszinierende, wenig bekannte Episode der kroatischen Geschichte behandelt. Es erzählt von den Ereignissen des Jahres 1919, als der exzentrische italienische Dichter und Politiker Gabriele D’Annunzio die Stadt Rijeka (damals Fiume) besetzte und die „Regentschaft von Carnaro“ ausrief. Dieser skurrile 16-monatige „Staat“ zog über 5.000 junge faschistische Soldaten an und offenbarte extreme politische Visionen, die weltweit bis heute immer wieder auftauchen. Bezinović verknüpft diese historische Erzählung mit der Gegenwart, indem er Interviews mit Bewohnern Rijekas einfügt, von denen viele nichts über D’Annunzios Vermächtnis wussten. Er arbeitete zudem mit Einheimischen zusammen, um Szenen nachzustellen, und setzte Archivmaterial, Fotografien und Dokumentationen ein, um Vergangenheit und Gegenwart zu verbinden. Das Ergebnis ist eine eindringliche Erinnerung daran, wie sich Identitäten, Grenzen und extremistische Ideologien ständig wandeln und unser heutiges Selbstverständnis prägen. Es ist eine der exzentrischsten Episoden der jüngeren europäischen Geschichte, die jedoch kaum bekannt ist – Pasolini nannte sie einst eine „narzisstische Eskapade“.
Politik ist jedoch nicht das einzige Thema des Programms. Auch sehr persönliche und intime Filme sind im Wettbewerb vertreten. So behandelt etwa der deutsche Film Im Haus meiner Eltern von Tim Ellrich das tief berührende Thema der Pflege von Familienangehörigen mit schweren psychischen Erkrankungen. Er zeigt die emotionalen Lasten, die oft ungleich innerhalb von Familien verteilt werden – eine Realität, die viele Menschen erleben, aber selten thematisieren. Ellrich schöpft aus seiner eigenen Biografie: Er drehte in seinem Elternhaus mit Schauspielern, die seine Familie verkörpern, und schuf so eine zutiefst persönliche, aber universelle Erzählung. Es gibt nicht viel Dialog über dieses Thema. Und doch machen wir alle in irgendeiner Weise diese Erfahrung im Laufe unseres Lebens.
Ähnlich intim ist der chinesische Film Guo Ran von Li Dongmei, der die emotionalen Folgen einer Fehlgeburt thematisiert – ein in der chinesischen Gesellschaft selten angesprochenes Thema. Li erzählt ihre zutiefst persönliche Geschichte und zeigt, wie eine solche Tragödie Paare und Familien stark belastet, während sie zugleich die gesellschaftlichen Erwartungen und Tabus rund um Trauer beleuchtet. Sie macht sichtbar, dass es im heutigen China eigentlich keinen Raum und keinen Moment für Mütter gibt, um eine Fehlgeburt zu betrauern, sich darüber auszutauschen oder darüber zu sprechen.
Ein weiteres Highlight im Tiger-Wettbewerb ist Perla, der zweite Spielfilm der slowakischen Regisseurin Aleksandra Makarová. Der Film spielt in den 1980er-Jahren und folgt der Titelheldin Perla, einer talentierten Malerin und freien Geist, die mit ihrer Tochter und ihrem neuen Partner in Wien lebt. Plötzlich erhält sie einen Anruf von ihrem ehemaligen Freund, der ihr mitteilt, dass er unheilbar krank ist, und sie bittet, in ihre Heimat, die kommunistische Tschechoslowakei, zurückzukehren. Doch das bedeutet auch, in ein Land zurückzugehen, aus dem man geflohen ist – man kann nicht einfach „rein und raus spazieren“, denn der Eiserne Vorhang und die brutale Härte des Regimes gegenüber Andersdenkenden machen das unmöglich. Der Film behandelt die Themen Freiheit, Loyalität und die harten Realitäten des Lebens unter einem repressiven Regime – und das mit einer bemerkenswerten Reife und Klarheit für einen zweiten Spielfilm.
Auf der eher unkonventionellen Seite gibt es La Gran Historia de la Filosofía Oriental von der mexikanischen Animatorin Aria Covamonas. Mithilfe von Creative-Commons-Software, gemeinfreien Materialien und ohne Unterstützung eines externen Studios schuf Covamonas einen völlig einzigartigen Animationsfilm. Der Film ist auf Mandarin vertont, mit Untertiteln, die in keinem Zusammenhang mit dem Gesprochenen stehen, und verweist auf Figuren wie Mao Zedong, während er sich in absurde, surreale Gefilde bewegt. Es ist ein dadaistisches Meisterwerk – ein chaotisches, nicht kategorisierbares Werk, das populäre Bilder neu zusammensetzt und etwas völlig Eigenständiges erschafft.
Das sind nur einige Beispiele, aber sie zeigen die Mission des Festivals: eine breite Palette an Stimmen und Stilen zu präsentieren – von zutiefst persönlichen Erzählungen, bis hin zu bahnbrechenden experimentellen Arbeiten.
Sehen Sie ein übergreifendes Thema oder Motiv im diesjährigen Programm?
Wir überlassen es dem Publikum, solche Themen selbst zu entdecken – vor allem im allgemeinen Programm. Unser Ziel ist es, die Welt, in der wir leben, abzubilden: mit Filmen, Geschichten und Perspektiven, die bisher wenig Beachtung fanden, aber mehr Aufmerksamkeit verdienen. Dabei geht es nicht nur um Vielfalt in Themen und Inhalten, sondern auch darum, Regisseur*innen vorzustellen, die mehr Anerkennung verdienen. Das Programm ist so gestaltet, dass es ein breites Publikum anspricht und verbindet.
In bestimmten Sektionen setzen wir jedoch bewusst thematische Schwerpunkte, vor allem in unseren Focus-Programmen. Diese laden dazu ein, tiefer in ausgewählte Themen oder das Werk bestimmter Filmschaffender einzutauchen, die wir für besonders bemerkenswert halten. Ein Beispiel in diesem Jahr ist die Hommage an Katja Raganelli, eine kroatisch-deutsche Filmemacherin. Sie hat sich mit Porträts früher Filmemacherinnen des 20. Jahrhunderts einen Namen gemacht. Raganelli widmete ihr Schaffen übersehenen Persönlichkeiten wie Marjorie Wilson – deren Filme leider verloren gingen – sowie Alice Guy-Blaché, Delphine Seyrig, Agnès Varda und Valie Export. Besonders beeindruckend ist ihr konsequenter Einsatz des Fernsehens, um ein breites Publikum zu erreichen und diesen Pionierinnen Sichtbarkeit zu verschaffen. Ihre 45-minütigen Porträts ergänzen unser Programm, das auch Filme dieser Regisseurinnen zeigt – einige davon sind heute nur noch selten zu sehen.
Ein weiteres Focus-Programm widmet sich der Bandung-Konferenz von 1955 in Indonesien. Dieses historische Treffen schmiedete Allianzen zwischen asiatischen und afrikanischen Ländern, von denen viele noch um Unabhängigkeit kämpften. Es förderte politische und kulturelle Zusammenarbeit. Kino spielte dabei eine Schlüsselrolle, da es als universelle Sprache Grenzen überwand. In diesem Geist entstanden Filmfestivals in Taschkent, Kairo und Jakarta, die Werke präsentierten, die für Freiheit und Befreiung eintraten.
Unser Programm greift diese Festivals und ihre Filme auf, um zu zeigen, wie sie damals Ideen von Unabhängigkeit und Widerstand prägten. Gleichzeitig setzen wir sie in einen zeitgenössischen Kontext, um zu hinterfragen, wo neokoloniale Strukturen heute noch bestehen. Diskussionen mit Personen, die mit diesen Festivals verbunden waren sowie Panels beim IFFR schaffen einen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Dieser Ansatz hilft uns, die historische Bedeutung dieser Themen zu verstehen und ihre Relevanz für aktuelle Debatten zu beleuchten.
Der Fokus: Hold Video in Your Hands beleuchtet das Erbe der VHS-Kultur. Welcher Ansatz steckt dahinter?
Dieses Programm entstand durch eine wunderbare Fügung des Schicksals, bei der zwei Filmemacher zusammenkamen, die eng mit dem Thema verbunden sind und die uns sehr am Herzen liegen. Einer von ihnen ist Alex Ross Perry, ein amerikanischer Independent-Filmemacher, bekannt für sein bemerkenswertes Werk. Er widmete die letzten zehn Jahre einem Film über die VHS-Kultur in Hollywood. Glücklicherweise wurde dieser Film Videoheaven rechtzeitig zum IFFR fertig – was uns sehr freute. Gleichzeitig stellte der Rotterdamer Filmemacher Gyz la Rivière sein Projekt über Videotheken in den Niederlanden, besonders in Rotterdam, und auch in Belgien fertig. Sein Film Videotheek Marco ist das Ergebnis jahrelanger Dokumentation dieser Orte, begleitet von einem Buch und weiteren Kunstprojekten. Als wir feststellten, dass wir zwei Premieren zur VHS-Kultur hatten, sahen wir die Chance, ein umfassenderes Programm zu entwickeln. So konnten wir den Aufstieg der Videokultur auf eine bedeutungsvolle und vielschichtige Weise erkunden. Das Ergebnis ist eine reiche und nostalgische Auseinandersetzung mit der VHS-Kultur, den Gemeinschaften, die sie prägte, und ihrer bleibenden Wirkung. Viele von uns, die mit VHS aufwuchsen, fühlen eine tiefe Verbindung dazu. In Kroatien (damals Jugoslawien) zum Beispiel gab es wenige Kinos, und VHS eröffnete neue Welten. Es förderte Gemeinschaften, erweiterte unsere Neugier und ermöglichte den Zugang zu seltenen oder raubkopierten Filmen.
Dieses Programm weckt nicht nur die Freude und das Entdeckergefühl, das VHS vielen brachte, sondern untersucht auch seine kulturelle und archivische Bedeutung. Es ist eine Hommage an ein Format, das unser Verständnis von Kino und unsere Art, es zu teilen und zu erleben, nachhaltig prägte.
Welche Herausforderungen stellen sich dem IFFR und großen Festivals im Allgemeinen in einer sich wandelnden Welt?
Ich denke, wenn ein Festival über fünf Jahrzehnte existiert, erkennt man, wie jede Dekade gesellschaftliche Veränderungen, sich wandelnde Werte und die Entwicklung der Kunstformen widerspiegelen. Die Rolle eines Festivals muss sich anpassen, um relevant zu bleiben, während es gleichzeitig seiner Kernmission treu bleibt.
Für uns in Rotterdam bedeutet das, sich der Umwelt und Gesellschaft, in der wir uns befinden, bewusst zu sein und diese auf sinnvolle Weise zu reflektieren. Es geht darum, verschiedene Gemeinschaften zusammenzubringen und dem Gründungsgedanken von Hubert Bals treu zu bleiben: die enorme Fülle an produzierten Filmen zu navigieren und dem heute von großen Streaming-Plattformen auferlegten Monokulturalismus entgegenzuwirken. Unser Ziel ist es, den Horizont zu erweitern und eine differenzierte Diskussion zu ermöglichen, sodass Kinos und Stimmen aus aller Welt einen Raum finden, um sich zu entfalten. Gerade für westliche Festivals ist diese Mission entscheidend, da viele bemerkenswerte nationale Kinos oder diverse Produktionen oft aufgrund starrer Strukturen kaum Sichtbarkeit erhalten. Beim IFFR wollen wir uns noch stärker als inklusiver Ort für diese Stimmen positionieren.
Ein großartiges Beispiel dafür ist die langjährige Unterstützung des japanischen Kinos, insbesondere des Genre-Films. Miike Takashi kehrt nach über einem Jahrzehnt mit seinem neuesten Film Blazing Fists zum Festival zurück. Der Film feiert seine Premiere in Japan nur zwei Tage, bevor Miike und sein Produzent ihn hier in Rotterdam präsentieren werden. Miikes internationale Anerkennung wurde maßgeblich durch das IFFR gefördert, wo er als zentrale Figur der modernen Genrefilm-Ästhetik bekannt wurde.
Indonesien spielt in unserem Programm eine besondere Rolle. Aus historischen und kulturellen Gründen ist es wichtig, dass indonesisches Kino international mehr Aufmerksamkeit erhält. Indonesien ist ein riesiges Land mit einem beeindruckenden filmischen Erbe und einer bemerkenswerten Produktionslandschaft – dennoch sind seine Filme auf der internationalen Bühne unterrepräsentiert. Beim IFFR setzen wir gezielt Schritte, um dies zu ändern. Unser Programm reflektiert die lebendige Filmkultur Indonesiens und berücksichtigt zugleich die große indonesische Gemeinschaft in den Niederlanden. (…) Ihre Geschichten zu unterstützen und zu zeigen, ist ein integraler Bestandteil unserer Arbeit.
Ich verstehe die Kritik, dass Festivals mit lokalen Kinos und Streaming-Plattformen konkurrieren. Es stimmt auch, dass Fragen nach Ressourcen und Nachhaltigkeit geklärt werden müssen. Dies ist etwas, womit wir uns kontinuierlich auseinandersetzen – insbesondere in Bezug auf den Industry-Veranstaltungen von Festivals. Sind wir alle nur Teil eines endlosen Kreislaufs auf dem Festival-Circuit? Natürlich konkurrieren wir, besonders zu Beginn der Festivalsaison. Doch ich halte diesen Wettbewerb für gesund. Jedes Festival bewahrt seine eigene Identität, und wir pflegen enge Beziehungen zu anderen Festivals wie Sundance und der Berlinale.
Finanzielle Schwierigkeiten sind jedoch eine Realität für alle. Post-COVID gibt es weniger Möglichkeiten, staatliche oder kommunale Förderungen zu erhöhen. Während das IFFR immer noch gut finanziert ist, sind wir zunehmend auf philanthropische Stiftungen und private Spender angewiesen. Da die verfügbaren Ressourcen knapper werden, verteilen öffentliche und private Förderer ihre Mittel um, um das Überleben möglichst vieler kultureller Institutionen zu sichern.
Dieser Wandel erfordert Sensibilität, Proaktivität und eine Diversifizierung der Einnahmequellen, um die langfristige Nachhaltigkeit zu gewährleisten. Als öffentliches Festival ist das IFFR besonders darauf angewiesen, dass die Einnahmen aus dem Ticketverkauf während des Festivals stabil bleiben.
In Sachen Nachhaltigkeit ist das IFFR auch durch seine Industry-Aktivitäten besonders: Es ist kein Markt im klassischen Sinne, sondern ein Raum für sinnvolle Begegnungen und gezielte Unterstützung – insbesondere für aufstrebende Filmschaffende und Stimmen, die Unterdrückung oder Zensur erleben. Initiativen wie der Co-Production Market und das Rotterdam Lab fördern Zusammenarbeit und Wissensaustausch, was direkt mit unserer Festivalmission verbunden ist.
Der Hubert Bals Fund (HBF) ist ein Beispiel für diese Mission, denn er unterstützt Filmemacher und erzielt außergewöhnliche Ergebnisse. Vergangenes Jahr wurden sechs HBF-geförderte Filme in Cannes gezeigt, darunter der indische Wettbewerbsfilm All We Imagine is Light, der große Aufmerksamkeit und Anerkennung erhielt. (…) Diese gezielte Förderung von Talenten und die Sichtbarmachung vielfältiger Stimmen ist der Kern des IFFR und bleibt unsere Inspiration.
Wie blicken sie auf ihre ersten fünf Jahre als Festivaldirektorin zurück?
Ich gehöre zu einer Gruppe von Festivaldirektoren, die nicht die besten Karten hatten, da sie ihre Amtszeit zu Beginn der Pandemie antraten. Ich war erst seit zwei Wochen im Büro, als die Welt in einen globalen Lockdown ging. Das bedeutete, dass wir Wege finden mussten, um einfallsreich zu sein, um Filmemacher, die Branche und unser Publikum in einer Zeit zu unterstützen, in der so vieles nicht möglich schien. Diese Zeit war prägend und transformativ für uns alle, da wir Wege fanden, präsent und relevant zu bleiben, selbst wenn das Herz eines Festivals – die große Feier des Zusammenkommens – unmöglich war.
Natürlich gab es auch Schattenseiten. Das Schwierigste war, dass wir eines der wenigen Festivals waren, das zwei Jahre in Folge keine physische Veranstaltung abhalten konnte. Das war besonders herausfordernd für das IFFR, da ein großer Teil unseres Budgets aus selbst generierten Einnahmen stammt. Zwei Jahre ohne diese Einnahmen zwangen uns dazu, schwierige Entscheidungen zu treffen, einschließlich der Verkleinerung der Organisation. Dieser Prozess war einer der schwersten, die wir durchmachen mussten. Trotz dieser Herausforderungen war die Widerstandskraft des Festivalteams bemerkenswert. Im Laufe der Zeit haben wir hart daran gearbeitet, unser Programm, unsere Industrieaktivitäten und unsere langfristigen Ziele zu überdenken. Wir haben uns bemüht, tief mit der Gesellschaft und der Stadt verbunden zu bleiben, die wir bedienen, und sicherzustellen, dass das Festival ein Ort bleibt, an dem sich Menschen repräsentiert und eingebunden fühlen.
Die Unfähigkeit, in den frühen Tagen der Pandemie physisch mit Publikum und Partnern in Kontakt zu treten, machte es schwierig, unsere Ideen zu kommunizieren. Doch fünf Jahre später freut es mich zu sehen, wie das Publikum reagiert und wie sich die Besucherzahlen wieder erholen, die sich nun den Vor-Pandemie-Werten von 2020 annähern. Eine aufregende Entwicklung ist der Zustrom eines jüngeren Publikums. Durch unsere ganzjährigen Aktivitäten haben wir Brücken zu neuen Gruppen gebaut, die in der Vergangenheit möglicherweise weniger mit dem IFFR verbunden waren. Zum Beispiel haben wir Programme eingeführt, die über Filmvorführungen hinausgehen und die filmische Kunst in breiteren Formen erkunden, durch Initiativen wie Art Directions, das experimentelles und erweitertes Kino feiert.
Wir haben auch Initiativen wie den IFFR Film Club eingeführt, der letztes Jahr gestartet wurde. Dieses Programm organisiert Gemeinschaftsvorführungen in Zusammenarbeit mit verschiedenen kulturellen Organisationen, von Street-Culture-Gruppen bis hin zu Flüchtlingsorganisationen. Die Programmgestaltung erfolgt gemeinsam mit diesen Gemeinschaften, um sicherzustellen, dass sie mit ihren Interessen und Werten übereinstimmt. Diese Vorführungen finden fast wöchentlich statt, sodass wir mit verschiedenen Gruppen in Kontakt treten und ihre Beiträge in das Festival integrieren können.
Würden Sie sagen, dass die Pandemie auf unerwartete Weise dazu beigetragen hat, ein jüngeres Publikum für das Festival zu gewinnen?
Wenn man sich die Daten anschaut, denke ich, dass wir unser Publikum tatsächlich verjüngt haben. Als ich zum Festival kam, lag das Durchschnittsalter der Besucher bei über 55 Jahren. Es war klar, dass wir Schritte unternehmen mussten, um ein jüngeres Publikum einzubinden und die Nachhaltigkeit des Festivals zu sichern. Möglicherweise hat die Pandemie zu diesem Wandel beigetragen. Die Menschen sehnten sich nach Möglichkeiten, sich nach langer Isolation wieder zu verbinden und auszutauschen. Die Atmosphäre des IFFR – offen, einladend und demokratisch – war dabei schon immer eine unserer Stärken. Es gibt keinen roten Teppich und keine Hierarchie; jeder, vom Erstbesucher bis zum erfahrenen Branchenprofi, wird gleich behandelt. Das schafft einen Raum, in dem Menschen miteinander in Kontakt treten und das Kino gemeinsam feiern können.
Darüber hinaus haben wir erhebliche programmatische und kontextuelle Anstrengungen unternommen, um unsere Anziehungskraft zu erweitern. Zum Beispiel feiert RTM (eine Abkürzung für Rotterdam), eine unserer Festivalreihen, lokale Filmemacher aus der Stadt. Am ersten Freitag des Festivals wird ein ganzes Multiplex für einen Tag mit Filmen, Panels, Performances und Gesprächen bespielt, die von lokalen Kreativen kuratiert werden. Diese Initiative erzeugt eine einzigartige Energie und bringt ein jüngeres Publikum, Freunde und Familien zusammen, um das Talent ihrer Stadt zu feiern.
Mit Blick auf die Zukunft bin ich stolz auf die Arbeit, die wir geleistet haben, um vielfältige Gemeinschaften einzubinden und neue Verbindungen zu schaffen. Es war eine herausfordernde, aber lohnende Reise, und ich bin gespannt, wie sich das Festival in den nächsten fünf Jahren weiterentwickelt.
