Kneecap

Filmstart

Kneecap

| Pamela Jahn |
Energiegeladenes Fake-Biopic des irischen Rapper-Trios

„Was hat er gesagt?“ Der Satz fällt mehr als einmal. Die Polizistin versteht kein Wort. Denn Liam spricht nur Gälisch, als er von ihr verhört wird. Englisch kann er zwar auch, aber das gibt er nicht zu. Es ist seine Strategie, um die Handschellen wieder loszuwerden – und sie funktioniert: Sein irischer Landsmann JJ Ó Dochartaigh, der eigentlich als Musiklehrer arbeitet und bei den Ermittlungen als Übersetzer dient, ist sofort von der Schlagfertigkeit des jungen Rappers fasziniert. Ehe er es sich versieht, wird JJ zum Dolmetscher des Widerstands und hilft Liam, seinen Kopf aus der Schlinge der Behörden zu ziehen. 

Allein diese kleine Szene hat so viel Charme, Witz und Energie, dass man Kneecap kaum widerstehen kann. Der Film erzählt die Geschichte der beiden Drogendealer Liam (Liam Óg ÓHannaidh) und Naoise (Naoise Ó Cairealláin) aus West Belfast, die laut Liams rasant-ironischem Voice-Over zur „Waffenstillstandsgeneration“ gehören. Seit ihrer frühen Kindheit wurde ihnen von Naoises republikanischem Vater (Michael Fassbender) eingebläut, dass „jedes gesprochene irische Wort eine Kugel für die irische Freiheit ist“. Diese Botschaft haben sich die Jungs zu Herzen genommen und in drastische, Sex und Drogen verherrlichende irische Verse übersetzt. Ihre Sprache, ihre Musik, das ist jetzt ihre Munition.

JJ erkennt das Potenzial der gekritzelten irischen Verse in Liams Notizbuch, und schon bald schließt er sich dem Duo an. Mit einer Sturmhaube, die in den Farben der irischen Flagge gestrickt ist, wird er nachts zu D.J. Provai, und das Trio trinkt, raucht und schnupft vor jeder immer besser besuchten Show wie verrückt. Damit ist die fiktive Entstehungsgeschichte der echten irischsprachigen Rap-Gruppe Kneecap (die sich hier selbst spielt) aber längst nicht komplett. Der britische Regisseur Rich Peppiatt zeigt ausgiebig, wie die Band den Kampf für die irische Unabhängigkeit mit ihren Mitteln fortsetzen: Egal wie drogenvernebelt ihre Eskapaden sind, immer geht es um die Lebenssituation in Nordirland und die Rückeroberung der irischen Sprache, die aktiv unterdrückt wurde und erst seit Kurzem vom Vereinigten Königreich als Amtssprache in Nordirland anerkannt wird.

Dynamisch, chaotisch, surreal und oft witzig ist das alles. Peppiatt verleiht seinem Spielfilmdebüt eine manische, respektlose Energie, indem er gekritzelte Animationen einfügt, die wie zum Leben erwecktes Graffiti aussehen. Auch Danny Boyles Trainspotting ist eine klare Referenz. Die treibende Kraft des Films ist jedoch die Band selbst. Ihre Auftritte zeugen von einem ungenierten Bad-Boy-Charme, der einen mitreißt, ob man am Ende Fan ihrer Musik ist oder nicht.