Die Internationalen Filmfestspiele von Cannes starten in diesem Jahr leichtfüßig und unterhaltsam mit „The Second Act“ von Quentin Dupieux.
Seit seinem Erstling Rubber (2010) hat sich der französische Autor und Regisseur Quentin Dupieux als Spezialist für absurde schwarze Komödien mit minimalistischen Vorgaben etabliert. Dass es in diesem Jahr das Festival eröffnen darf, macht Hoffnung auf ein zumindest in Ansätzen weniger konventionelles Programm, als Cannes in den letzten zu bieten Hatte. In seinem neuen Film The Second Act lässt der Regisseur Léa Seydoux, Vincent Lindon, Louis Garrel und Raphaël Quenard als Schauspieler auftreten, die ständig zwischen den ihnen zugeteilten Rollen und ihren Star-Identitäten hin- und herwechseln. Das raffiniert inszenierte „Spiel im Spiel“ ist über weite Strecken äußerst amüsant anzusehen.
Garrel verkörpert David, einen grüblerischen Pariser mit komplexer Persönlichkeit. Noch bevor der Film seine wahre Prämisse offenbart, hat er bereits eine komplizierte Dreiecksbeziehung in Gang gesetzt: Obwohl seine neue Liebschaft Florence (Seydoux) in ihn vernarrt ist, versucht David, sie stattdessen seinem Freund Christian (Quenard) aufzudrängen. Er nimmt ihn sogar mit zum ersten Mittagessen mit Guillaume (Lindon), dem Vater von Florence. Diverse wortreiche Verstrickungen und Komplikationen sind vorprogrammiert. Der zweite Akt thematisiert die vermeintlichen Schwierigkeiten und Vorurteile des Schauspielerberufs. Eifersucht, Sticheleien, Neid und Konkurrenzdenken nehmen in den Dialogen bald überhand. Doch im Finale seines leichtfüßigen Dramas deutet Dupieux an, dass letztlich weder der Regisseur noch die selbstgefälligen Schauspieler hinter dem Erfolg oder Misslingen einer Produktion stehen. Film ist Teamarbeit, und die eigentlichen Strippenzieher agieren im Hintergrund, so sein ernüchterndes Fazit.
Bis dahin lotet Dupieux genüsslich die Grenzen aus, wie grausam und gefühllos Schauspieler miteinander und mit anderen Menschen umgehen können, etwa wenn David und Christian über einen Kellner spotten, der mit einem zitternden Arm das Essen serviert. Oder wenn Florence droht, Christians Schauspielkarriere zu zerstören, als er versucht, sie zu küssen. Man weiß nur zu gut, wie einfach das in Zeiten von Social Media funktioniert. Wie nah Dupieux stets an der Realität bleibt, zeigt die Tatsache, dass der Film von einem KI-generierten Avatar inszeniert wird. Die Schauspieler müssen über ein virtuelles Meeting via Laptop erfahren, dass ihnen wegen zu hoher Ausgaben der Lohn gekürzt wird. Aber was in Dupieuxs Film am Ende tatsächlich Fakt und was Fiktion ist, liegt auch im Auge des Publikums.
Recht vielversprechend ging es bisher direkt weiter, mit Diamant brut von Agathe Riedinger, dem ersten Beitrag im Internationalen Wettbewerb. Der Film folgt dem Lebensweg einer aufmüpfigen 19-jährigen Französin, Liane, die mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester in prekären Verhältnissen lebt. In ihrer Freizeit ist Liane Gogo-Tänzerin, vor allem aber ist sie auf Social Media als Influencerin aktiv. Die junge Frau liebt das Posen vor der Kamera, nicht zuletzt, weil sie darüber die Anerkennung erfährt, die ihr zu Hause abgeht. Als Liane die Nachricht bekommt, dass sie gute Chancen hat, für die Reality-Show „Miracle Island“ gecastet zu werden, scheint ihr Traum, berühmt zu werden, endlich in Erfüllung zu gehen. Doch Riedingers Sozialdrama ist zu sehr an der Realität orientiert, um Lianes Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen. Ohne ihre Protagonistin jemals von oben herab zu betrachten, wirft die Regisseurin einen zärtlichen Blick auf ihre Figuren und die sozialen Umstände, in denen sie gefangen sind.
Interessant ist, dass auch Andrea Arnold ihren neuen Film im Wettbewerb präsentieren wird. Denn die britische Filmemacherin kommt einem bei Diamant brut immer wieder als Referenz in den Sinn. Arnolds neues Werk soll dagegen mehr in Richtung Magischer Realismus gehen. Man darf gespannt sein. Zunächst bestimmen aber noch zwei andere Premieren das Gerede an der Croisette: Furiosa: A Mad Max Saga von George Miller sowie Francis Ford Coppolas Megalopolis.
