Soundtrack to a Coup d’état

Das Land als Beute

| Gerhard Midding |
Beinahe wäre aus dem Kalten Krieg ein Cool War geworden: Johan Gimonprez erzählt in seinem dokumentarischen Verschwörungsthriller „Soundtrack to a Coup d’état“, wie der Jazz zur Waffe im Kampf der Großmächte USA und Sowjetunion wurde.

Am 29. Juni 1960 geschieht auf den Straßen von Léopoldville etwas Unglaubliches. Es ist der Tag vor dem großen Staatsakt, bei dem der belgische König Baudouin die Kolonie Kongo in die Unabhängigkeit entlassen wird. Als der Monarch in seiner Limousine durch die Hauptstadt fährt und huldvoll die Menge grüßt, gelingt es plötzlich einem Einheimischen, seinen Paradedegen zu rauben. Der unauffällig in Anzug, Krawatte und weißem Hemd gekleidete Mann reckt stolz eine vorwitzige Beute in die Höhe und fuchtelt vergnügt mit ihr herum. Seine Landsleute sind zuerst viel zu überrascht, um ihm zuzujubeln. Sofort wird der Dieb von den Sicherheitskräften wie ein wildes Tier gejagt, entwischt seinen Häschern aber behände: ein Springteufel, berauscht von der Freiheit, die nun zum Greifen nahe ist.

Bisher schien der Vorfall nur in einem Bild dokumentiert, mit dem der deutsche Fotograf Robert Lebeck schlagartig berühmt wurde. Aber Regisseur Johan Gimonprez hat für Soundtrack to a Coup d’état historisches Filmmaterial gefunden, auf dem die triumphale Flucht des Degendiebs ausführlich festgehalten ist. Es dauert tatsächlich aberwitzig lang, bis er gefasst wird. Der Mann, der den König für einen Moment seiner Würde beraubt, wird später als Ambroise Boimbo identifiziert. Ist er sich der Symbolkraft seines Streiches bewusst? Auf jeden Fall greift er mit ihm die Stimmung auf, die in Léopoldville an diesen Tagen in der Luft liegt. Auch ohne den Auftritt dieses Störenfrieds wäre die feierliche Zeremonie am 30. Juni nicht harmonisch verlaufen. Der neugewählte Premierminister Patrice Lumumba ist dem Monarchen keine Höflichkeiten schuldig. Baudouin besitzt die Arroganz und Schamlosigkeit, die Unabhängigkeit des Kongo in seiner Rede die Krönung der Wünsche und Anstrengungen seines Ahnen Léopold II. zu nennen – ausgerechnet jenes Kolonialherren, der das Land über 20 Jahre lang als seinen Privatbesitz behandelte und dort ein Schreckensregime führte, das die einheimische Bevölkerung mit unvorstellbarer Grausamkeit unterdrückte. Dieser Zynismus ist für Lumumba unerträglich. Der ehemalige Postbeamte und Biervertreter entlarvt die Lüge kraft jener Redegewandtheit, die seine Wähler schätzen und seine Gegner fürchten. Sieben Monate später wird er unter ungeklärten Umständen ermordet. Verdächtige gibt es viele; in Léopoldville tummeln sich Auftragskiller aus aller Herren Länder. Ambroise Boimbo überlebt sein Idol um zwei
Jahrzehnte. 

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Unfreiwillige Agenten  

Damit sind die Voraussetzungen für den Staatsstreich umrissen, auf den der Film des aus Flandern stammenden Installationskünstlers und Regisseurs Gimonprez hinausläuft. Die Übergabe des Landes in die Selbstbestimmung wird in ein einzigartiges Chaos münden. Der spätere Diktator Mobutu hält sich während der Zeremonie noch im Wartestand. Belgien hat noch rechtzeitig die Minengesellschaften privatisiert, die das Rückgrat der Wirtschaft sind. Eine Provinz, die besonders reich an Bodenschätzen ist, spaltet sich ab und nennt sich fortan Katanga. Die Vereinten Nationen, die lange lavieren, werden 20.000 Soldaten in den Kongo schicken, um der Unruhen einigermaßen Herr zu werden. Lumumba, der an der Gründung der blockfreien Vereinigten Staaten Afrikas mitwirken will und die Überzeugung vertritt, das Schicksal seines Landes dürfe weder in Brüssel noch in Washington entschieden werden, ist mächtigen Interessenten ein Dorn im Auge. Der Kongo wird zum Brennpunkt der Begehrlichkeiten von USA, Sowjetunion und China, die ihren Einfluss auf den Kontinent sichern wollen. 

Nun wird es höchste Zeit, zum Soundtrack zu kommen, den der Film im Titel führt und der seinem Rundumschlag gegen den Kolonialismus enormen Schwung verleiht. Gimonprez wirft ein Schlaglicht auf ein wenig bekanntes Kapitel des Kalten Kriegs: eine Geheimoperation der CIA, deren Ziel es war, die „hearts and minds“ der Afrikaner mithilfe  berühmter Jazzmusiker zu erobern. Louis Armstrong, Nina Simone und andere Größen gingen Anfang der 1960er-Jahre auf ausgedehnte Tourneen durch den Kontinent. Sie traten als Botschafter des guten Willens auf und hatten keine Ahnung, dass sie mitnichten vom State Department bezahlt wurden. 

In Gimonprez’ fulminantem Essayfilm erscheint das zunächst als ein smarter Schlachtplan. Während Nikita Chruschtschow vor den Vereinten Nationen flammende Reden hält und ein mühsames Programm (all diese Umarmungen!) von Staatsbesuchen absolviert, werden die Jazz-Emissäre der USA in Afrika frenetisch begrüßt. Gimonprez hat einen Heidenspaß daran, diese ungleichen diplomatischen Strategien in Parallelmontagen aufzufächern. Sein Stilprinzip ist die Assoziation. Von der CIA zum Museum Of Modern Art und René Magritte ist es jeweils nur ein Schnitt; zurück findet er ebenso schnell, wenn er von Magrittes Pfeife, die keine ist, verschmitzt auf den rauchenden CIA-Chef Dulles schneidet. Er improvisiert virtuos über vertraute und unbekannte Themen. Sein Film kommt ganz ohne Erzählkommentar aus, er entwickelt seine Argumente aus der Kollision der Bilder. Zusammen mit seinem Editor Rik Chaubet muss er Monate, wenn nicht Jahre im Schneideraum verbracht haben, um all das dokumentarische Material zu sichten und ordnen. Gemeinsam bieten sie jedes Instrument auf, das dem Dokumentarfilm zu Gebote steht und erfinden neue hinzu: die rasant eingeblendeten Zwischentitel zitieren nicht nur aus Zeitungsartikeln, Geheimdokumenten und Geschichtsbüchern, sondern auch aus Fußnoten. Ihre Grafik und ihr Lettering lehnen sich an das Design zeitgenössischer Albencover an, zumal an den Stil, den Francis Wolff seinem Label „Blue Note“ gab. Der Jazz ist derweil Gimonprez’ zuverlässiger Bündnispartner. Er ist nicht nur der spektakuläre Aufhänger des Films. Das Timbre der Stimmen, das Charisma der Interpretinnen und die Synkopen der Schlagzeuger rhythmisieren Soundtrack to a Coup d’état und bringen seine Argumentation auf den Punkt. 

Herausgekommen ist dabei ein beschwingter Paranoia-Thriller, für den alles mit allem zusammenhängt. Geht das mitunter zu glatt auf? Das Tempo lässt kein Innehalten zu. Die Gesichter von Politikern und Musikern rauschen in Windeseile am Auge vorbei, ihre Worte und Klänge jagen einander. Die Gemengelage der anti-kolonialistischen Bestrebungen, die mit Nassers Verstaatlichung des Suezkanals 1956 Fahrt auf nehmen, wird dennoch übersichtlich. Und die Interessen der Weltmächte gewinnen scharfe Konturen. Sie sind nicht nur strategischer Art, sondern vor allem ökonomischer. Die belgische Kolonie lieferte 3310 Tonnen Uran an die USA. In der Shinkolobwe-Mine wurde das radioaktive Material für die Bomben abgebaut, die auf Hiroshima und Nagasaki fielen. Das Atomium, Wahrzeichen der Brüsseler Weltausstellung, sieht man nun mit anderen Augen, 

Kalter Krieg und Eingeborenendörfer 

Die Pläne für die Expo 58 reichen, angestoßen vom damaligen Premierminister Paul-Henri Spaak, ein Jahrzehnt zurück. Er ist übrigens der Bruder von Charles, dem Drehbuchautor von La grande illusion, zahlreicher Filme von Julien Duvivier und Philippe de Brocas tollkühnem Cartouche. Gimonprez’ Archivmaterial zeigt den Staatsmann als Patriarchen mit Dichterseele, den die Kolonie viel Sorgen und Mühen kostet (laut Selbstauskunft) und der sein Bier noch selbst im Supermarkt kauft. 

Dem Planungskomitee stellt sich auch eine Frage, die heftig diskutiert wird: Soll der Kongo unabhängig werden? Der Widerstand ist massiv. Das Land ist noch nicht bereit dazu, genauso wenig wie zur Zeit der drei Weltausstellungen, die Brüssel vor dem Krieg ausgerichtet hat. Das 50. Jubiläum der staatlichen Übernahme der Kolonie aus dem Besitz von Léopold II. böte einen würdigen Anlass. Ein folgenreiches Versäumnis: Hätten sich die Befürworter der Unabhängigkeit durchgesetzt, wäre die Übergabe vielleicht nicht so fahrlässig überstürzt verlaufen.

Die Expo steht im Zeichen der Humanität, ihr offizielles Motto lautet „Für eine menschliche Welt“. 13 Jahre nach Kriegsende will sie einen Geist der Einheit propagieren. Letztlich dient sie dem Gastgeberland dazu, den Status als Kolonialmacht zu legitimieren. Die Kolonialschauen, insbesondere indigene Dörfer aus dem Kongo und Ruanda, gehören zu den meistbesuchten Attraktionen. Erstaunlich, dass Gimonprez diese Zusammenhänge unerwähnt lässt. Er schlägt die Gelegenheit aus, die politischen Verhältnisse wie unter einem Brennglas zu bündeln – national wie international, denn die Rivalität der Weltmächte bei der Entwicklung der Nukleartechnik sowie dem Wettrennen ins Weltall prägten die Ausstellung maßgeblich. Gimonprez‘ satirischer Elan wird anderswo fündig, er präsentiert Wochenschaumaterial, in dem Belgien zurück katapultiert scheint ins Mittelalter: ein Land der zünftigen Biertrinker, auf dessen Straßen Kreuzungsprozessionen und archaischer Karnevalsjux zelebriert werden. 

Freedom Now! 

Den Jazz hingegen beschwört Gimonprez als die Musik des Fortschritts. Er begehrt auf, macht sich ästhetisch unabhängig von Traditionen. In den USA wird er zum Soundtrack der Bürgerrechtsbewegung. Malcolm X ist ein verlässlicher Stichwortgeber des Films. Dizzy Gillespie wiederum kündigt, nur halb im Scherz, seine Präsidentschaftskandidatur an. Die Reisen seiner Kollegen nach Afrika begrüßt er: „This is what you might call a cool war.“ Satchmo spielt in Ghana Trompete vor 500.000 Menschen und widmet „Black and Blue“ dem neugewählten Präsidenten. Der Song handelt von Polizeigewalt gegen Schwarze. Die Botschaft kommt an. Das Kalkül der CIA geht nicht auf. Afrikanische Musiker entdecken, welch subversive Ausdrucksmöglichkeiten der Jazz auch ihnen bietet. 

„We Insist: Fredow Now Suite“ von Abbey Lincoln und Max Roach zieht sich als Leitmotiv durch Soundtrack to a Coup d’état. Immer wieder kehrt Gimonprez’ zu dem epochalen, programmatischen Stück zurück. Als er es zum letzten Mal einspielt, finden Politik und Jazz endgültig zusammen. Lincoln besucht, zusammen mit der Schriftstellerin Maya Angelou und 60 anderen, eine Sitzung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen. Die Karten für die Zuschauertribüne hat ihnen Fidel Castro besorgt. Sie stürmen die Versammlung, um gegen die Ermordung Lumunbas zu protestieren. Ihre wütenden Zwischenrufe verschmelzen mit den verzweifelten Schreien, auf denen sie die Suite ausklingen lässt.