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Unsere Zeit wird kommen

Diagonale 2025

Zwischen Nähe und Neuerfindung

| Gabriela Seidel-Hollaender |
Die „Positionen“ der Diagonale 2025

Die Diagonale, das Festival des österreichischen Films, bleibt ihrem Anspruch treu, nicht nur das aktuelle Filmschaffen des Landes zu präsentieren, sondern auch über dessen Grenzen hinauszublicken. In diesem Jahr setzten die „Positionen“ mit zwei Werkschauen besondere Akzente: Sie waren der österreichischen Dokumentarfilmerin Ivette Löcker sowie der griechischen Filmemacherin Athina Rachel Tsangaris gewidmet – zwei Künstlerinnen mit sehr unterschiedlichen Handschriften, die aber beide auf eindringliche Weise den Blick auf das Persönliche als Spiegel größerer Zusammenhänge lenken.

 Ivette Löcker, bekannt für ihre feinfühligen Dokumentarfilme, versteht es, intime Momente des Zusammenlebens so einzufangen, dass sie über das Individuelle hinaus eine allgemeingültige Aussage treffen. Ihr Film Was uns bindet, eine berührende Studie über ihre Eltern, die trotz ihrer De-facto-Trennung weiterhin unter einem Dach leben, wurde 2017 mit dem Hauptpreis für den besten Dokumentarfilm der Diagonale ausgezeichnet. In dem Film nimmt Löcker das Beziehungsgefüge ihrer eigenen Familie behutsam und vorwurfslos auseinander und erzählt wie nebenbei die Geschichte einer ganzen Generation von Kindern, die auf dem Land aufwuchsen, gut ausgebildet sind und nun mit der Diskrepanz der unterschiedlichen Lebensentwürfe der Generationen dastehen.

Mit ihrem neuesten Werk, Unsere Zeit wird kommen, bleibt Löcker ihrer präzisen Beobachtung treu, führt sie jedoch in eine neue Richtung. Der Film basiert auf der Idee der Protagonistin Victoria Preuer, ihre eigene Beziehung zu dem aus Gambia stammenden Siaka Touray in einen offenen Dialog mit der Kamera zu bringen. Dabei entsteht eine filmische Reflexion, die nicht nur die emotionale Dynamik der Beziehung selbst erkundet, sondern auch größere gesellschaftliche Themen berührt – etwa die Herausforderungen interkultureller Partnerschaften und den Umgang mit Rassismus. Trotz der unmittelbaren Nähe zum teilweise offen inszenierten Geschehen bewahrt die Kamera eine diskrete Distanz und schafft es so, eine intime, fast therapeutische Atmosphäre herzustellen, ohne je voyeuristisch zu wirken.

Der poetische Titel Unsere Zeit wird kommen verweist auf eine optimistische Perspektive: Die Hoffnung, dass Paare wie die Protagonisten des Films in Zukunft weniger Hürden zu überwinden haben und sich unbeschwerter über äußere Differenzen hinwegsetzen können. In einer Zeit, die in vielen Bereichen gesellschaftlich eher rückwärtsgewandt erscheint, ist diese Haltung umso notwendiger. Löckers Werk wird so nicht nur zur persönlichen Reflexion, sondern zu einem Plädoyer für Offenheit, Dialog und Verständnis.

 Während Löcker mit dokumentarischer Feinfühligkeit arbeitet, steht das Schaffen der griechischen Regisseurin Athina Rahel Tsangaris für eine radikale Formsuche und die kompromisslose Liebe zum Medium Film mit all seinen Möglichkeiten. Ihr ebenso eigenwilliges wie ungewöhnliches Werk, das im Rahmen der Diagonale erstmals in seiner Gesamtheit präsentiert wurde, zeigt eine Filmemacherin, die sich mit Rigorosität und Experimentierfreude über erzählerische Konventionen hinwegsetzt. Eine Besonderheit ist ihre kollektive Art des Filmens, die die Protagonisten oft in abgegrenzte Räume führt, ähnlich wie im Theater. Auch sind lange Proben ein wiederkehrendes Element ihrer Arbeit.

Ihr Film Harvest, der bei den Filmfestspielen in Venedig Premiere feierte, basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jim Crace und erzählt von einem abgelegenen englischen Dorf im 18. Jahrhundert. Nach der Ernte zerstört ein Feuer die Nebengebäude des Gutsherrn – ein Ereignis, das Misstrauen und Schuldzuweisungen auslöst. Drei Fremde geraten unter Verdacht, während ein externer Landbesitzer das Dorf für wirtschaftlich profitablere Zwecke beanspruchen will. Die Dorfgemeinschaft, bisher durch Tradition und Zusammenhalt geprägt, sieht sich plötzlich mit äußeren Mächten konfrontiert, die ihre Lebensweise bedrohen.

Im Zentrum steht Walter Thirsk, gespielt von Caleb Landry Jones, ein Mann, dessen Loyalität zwischen den Dorfbewohnern und dem Gutsherrn auf die Probe gestellt wird. Tsangari inszeniert die Geschichte als universelle Parabel über den Verlust von Gemeinschaft, den Einbruch äußerer Kräfte in gewohnte Strukturen und die Angst vor dem Unbekannten.

Einen besonderen Einblick in ihre Arbeitsweise gewährte Tsangari in ihrer Masterclass – einem der inspirierendsten Momente des Festivals. Der Höhepunkt: Die Präsentation eines Kurzfilms, den die Regisseurin selbst noch nicht gesichtet hatte. Das während der Pandemie entstandene persönliche Filmmaterial war von Beginn an als skizzenhafte Studie für einen langen Science-Fiction-Film gedacht. Doch anstatt allein weiterzuentwickeln, schickte Tsangari – wie auch schon bei anderen Arbeiten zuvor und exemplarischer Teil ihrer Arbeitsweise – das unbearbeitete Material an ihren Editor, der daraus eigenständig einen Zusammenschnitt mit einem Vorschlag für einen roten Faden machte.

Die Vorstellung dieses offenen Dialogs zwischen Regisseurin und Editor vor Publikum, der sich fast wie ein kreativer Blindflug anfühlte, war ebenso mutig wie faszinierend. Tsangari gewährte einen seltenen Einblick in den Entstehungsprozess ihrer Filme – ein Prozess, der auf Vertrauen, Instinkt, künstlerischer Intuition und kollaborativem Dialog beruht.

Die Diagonale 2025 bewies einmal mehr, dass sie nicht nur ein Schaufenster für das Beste des österreichischen Films ist, sondern auch ein Ort der filmischen Reflexion und des künstlerischen Wagnisses. Die beiden „Positionen“-Werkschauen machten deutlich, wie vielfältig zeitgenössisches Kino sein kann – von intimen Dokumentationen, die das Persönliche zum Exemplarischen machen, bis hin zu radikalen filmischen Experimenten, die die Grenzen des Mediums ausloten. In einer Welt, in der oft schnelle Antworten gefordert werden, erinnert uns das Kino hier daran, dass es manchmal gerade die offenen Fragen sind, die am meisten bewegen.