Legends of the Condor Heroes: The Gallants
Legends of the Condor Heroes: The Gallants

Filmestival

Die Spinne im Netz

| Andreas Ungerböck |
Das 27. Far East Film Festival in Udine ehrt den legendären Hongkong-Produzenten und -Regisseur Tsui Hark.

Wer kann das schon von sich behaupten? Die US-Kultband Sparks widmete ihm 1994 einen  Song, auf dem er auch selber zu hören ist („I’m Tsui Hark / I’m a film director / I’ve made several films / I’m Tsui Hark / I’m a film director / I’ve won several awards for my films“). Und ja, es ist unmöglich, an die großen Erfolge des Hongkong-Kinos in Ost und West ab den späten siebziger, frühen achtziger Jahren zu denken, ohne dass der Name Tsui Hark (hochchinesisch: Xü Ke) auftaucht. 1950 in Vietnam geboren, zog er mit der Familie 1966 nach Hongkong. Er studierte in den USA und kehrte 1977 nach Hongkong zurück, wo er, zunächst beim Fernsehen, zu einem Protagonisten der so genannten Hong Kong New Wave wurde. Im Unterschied zu anderen Erneuerungsbewegungen im Weltkino wurden die jungen Wilden hier (neben Tsui unter anderem Ann Hui, Yim Ho oder Stanley Kwan) rasch in die damals prächtig florierende Industrie integriert. In einem atemberaubenden Tempo drehte Tsui seine ersten Filme, fing bald an, auch zu produzieren (legendäre Filme wie John Woos A Better Tomorrow I und II und The Killer oder Ching Siu-tungs A Chinese Ghost Story), er etablierte als erster in Hongkong sein eigenes Visual-Effects-Studio und hatte daneben noch Zeit, als Schauspieler tätig zu sein: „Tsui Hark never sleeps“, war damals ein geflügeltes Wort. Anders wäre sein Pensum auch kaum zu bewältigen gewesen. Er galt und gilt als nicht gerade einfach in der Zusammenarbeit, und die von ihm produzierten Filme tragen oft mehr seine Handschrift, als so manchem seiner Regisseure lieb gewesen dürfte. Mit John Woo etwa kam es zum offenen Bruch.

Wie auch immer: Tsui schuf unter anderem die monumentale und enorm populäre fünfteilige Once Upon a Time in China-Filmserie mit Jet Li und war kurz – weniger erfolgreich – in Hollywood tätig. Ab den 2000er Jahren drehte oder produzierte er fast nur noch sehr große Spektakel-Filme, von denen vor allem die Detective-Dee-Serie (ab 2010) in Erinnerung bleibt. Ein weiteres Riesenprojekt wird nun beim Festival in Udine zu sehen sein: Legends of the Condor Heroes: The Gallants basiert, wie schon The Swordsman (1991,und Fortsetzungen) auf einem Roman des nicht minder legendären Hongkong-Schriftstellers Jin Yong (aka Louis Cha).

Tsui Hark wird zum 27. Far East Film Festival (24. April bis 2. Mai) nach Udine kommen, einem der gößten und jedenfalls dem ältesten Asien-Filmfestival in Europa, dessen Status längst so ist, dass die asiatischen Stars, die ja üblicherweise in Sachen Auslandsreisen eher sparsam sind, sehr gerne hier auftreten. Die Liste früherer Festival-Gäste liest sich wie das Who Is Who der asiatischen Filmszene. Das wird heuer nicht anders sein, denn neben Tsui Hark wird einer der Hauptdarsteller des neuen Films, der auch sehr berühmte Tony Leung Ka-fai, anreisen, um Tsui Hark die Goldene Maulbeere, den Lifetime Achievement Award des Festivals, zu überreichen. Damit nicht genug: Ein weiterer Lebenswerk-Preis geht an die taiwanesische, vorwiegend in Hongkong tätige Schauspielerin und Regisseurin Sylvia Chang, die einen ihrer ersten großen Erfolge – welch Zufall – in Tsui Harks wunderbarer Komödie Shanghai Blues (1984) feierte, die wiederum in einer schön restaurierten neuen Kopie zu sehen sein wird.

Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs: Nicht weniger als 77 Filme, darunter sieben Weltpremieren, warten auf die bekannt enthusiastischen Asien-Filmfans in Udine. Stark vertreten sind, wie immer, Hongkong (unter anderem mit dem dortigen Publikumshit The Last Dance), China, Taiwan, Japan und Südkorea, aber auch Filme aus Malaysia, Indonesien, Vietnam, Thailand und von den Philippinen sind zu sehen. Eröffnet wird am 24. April im traditionellen Teatro Nuvo Giovanni mit der Komödie Green Wave aus der Volksrepublik China. Und neben einigen „Restored Classics“ (wie Bong Joon-hos erstem Film Barking Dogs Never Bite) gibt es noch eine interessante Retrospektive zum asiatischen Geister-Genre unter dem Titel „Yokai and Other Monsters: From Asian Folklore to Cinema“ – auch hier ist Tsui Hark mit Green Snake (1993) vertreten.