Her Story
Her Story

Filmfestival

Nostalgie und Gegenwart

| Andreas Ungerböck |
Das 27. Far East Film Festival in Udine bot einige sehr starke und unterhaltsame Filme und brachte die Erkenntnis, dass das Hongkong-Kino noch oder wieder am Leben ist.

In den letzten Jahren stand es nicht besonders gut um das Kino in Hongkong. In den 1980er und 1990er Jahren hatte die neben Indien größte Filmindustrie Asiens die heimischen Kinos dominiert. Acht von zehn Blockbustern unter den alljährlichen Top Ten stammten damals aus eigener Produktion. Die globale Dominanz Hollywoods stieß in Hongkong an ihre Grenzen. Diese Tage sind längst vorbei, und es kam so weit, dass etwa 2017 bisweilen kein einziger (!) Film aus Hongkong in den lokalen Kinos lief. Die übermächtige Konkurrenz aus Kalifornien, aber auch aus der Volksrepublik China, setzte der Industrie zu. Dazu kam, dass viele der großen Stars der Goldenen Ära in die Jahre gekommen waren und Nachwuchs nur spärlich vorhanden war bzw. sich nicht dauerhaft durchsetzen konnte. Heute ist das kommerzielle Filmschaffen in Hongkong ohne finanzielles Backup aus der Volksrepublik nicht möglich, das künstlerisch ambitioniertere Autorinnen/Autoren-Kino kommt – früher absolut undenkbar – ohne Unterstützung durch die öffentliche Hand nicht mehr aus.

Das 27. Far East Film Festival in Udine bot dieser Tage zum einen einen nostalgischen Rückblick. Mit der Würdigung für das Lebenswerk der Produzenten-/Regie-Legende Tsui Hark, der seit mehr als 40 Jahren das Kino Hongkongs prägt, und der ursprünglich aus Taiwan stammenden Schauspielerin und Regisseurin Sylvia Chang ließ man ausgiebig die große Zeit aufleben, zumal mit dem gemeinsamen, sorgfältig restaurierten Film Shanghai Blues (1984) ein echter Klassiker auf dem Programm stand. Die Anwesenheit der beiden, sowie eines weiteren verdienten Veteranen, des Schauspielers Tony Leung Ka-fai, wurde vom Publikum enthusiastisch gefeiert. Tsuis neuester Film Legends of the Condor Heroes: The Gallants allerdings ist eine Festland-Produktion, ein Mega-Spektakel im historischen Gewand mit viel Martial Arts und vielen Visual Effects. Mag der Film auch nicht so charismatisch und pfiffig sein wie Tsuis frühere Erfolge, allen voran die Once Upon a Time in China-Filmserie (ab 1990) oder die prächtige Komödie Peking Opera Blues (1986), unterhaltsam sind die Condor Heroes allemal, auch über die üppige Laufzeit von 147 Minuten.

Ein wenig überraschend kamen die vier einsamen Höhepunkte des Festivals dennoch alle aus Hongkong: vier völlig unterschiedliche Filme, von denen drei je einen legendären Schauspieler aus der Goldenen Ära aufzuweisen hatten. Michael Hui, heute 82 und ein Titan der Hongkong-Komödie, brilliert in The Last Dance von Anselm Chan in einer ernsten Rolle als scheinbar verbitterter Tao-Priester, der noch die alten buddhistischen Begräbnis-Riten praktiziert und damit zunehmend „aus der Zeit gefallen“ scheint. Konflikte in der Familie und ein neuer Geschäftspartner machen ihm außerdem zu schaffen. In Papa von Philip Yung spielt Lau Ching-wan einen Vater, der mit dem Horror konfrontiert ist, dass sein 15-jähriger Sohn Mutter und kleine Schwester tötet. Ein ungemein starker, intensiver und beklemmender Film, für den Lau zu Recht sowohl mit dem Asian Film Award als auch mit dem Hong Kong Film Award als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde. Und mit Cesium Fallout von Anthony Pun war ein ganz und gar unglaublicher Actionfilm erster Güte zu sehen, in dem der „ewige“ Andy Lau Hongkong vor einer katastrophalen radioaktiven Verstrahlung retten muss, diesmal allerdings – er ist immerhin auch schon 64 – nicht als Action-Held, sondern als besonnener und kompromissloser Experte, der sich gegen die korrupte und feige Politik und skrupellose Unternehmer durchsetzen muss. Das wohl beste der vier Hongkong-Highlights aber war ein buchstäblich viel leiseres Werk: The Way We Talk von Adam Wong ist ein zutiefst aufwühlender Film über drei eng befreundete taubstumme Jugendliche. Wong eröffnet einen emotionalen Einblick in eine Welt, die uns normalerweise verborgen bleibt und zeigt Probleme auf, von denen wir Hörende gar nichts ahnen. Während die einen die Gebärdensprache radikal ablehnen, weil sie Gehörlose stigmatisiere und sich für Cochlea-Implantante bzw. für einen antrainierten, „möglichst normalen“ verbalen Ausdruck stark machen, sind andere dafür, Kinder unbedingt die Gebärdensprache zu lehren und sich nicht dafür zu schämen.

Auch die Volksrepublik China hatte einige starke und unterhaltsame Filme zu bieten, etwa Chen Sichengs sehr patriotischen Spionage-Thriller Decoded, in dem ein mathematisches Genie in den 1960er Jahren in einem geheimen Militärcamp versucht, superkomplizierte amerikanische Chiffres zu knacken. Ebenfalls sehr gelungen war Successor, eine absurd-turbulente Komödie von Peng Damo und Yan Dafei, indem ein sehr reiches Ehepaar vorgibt, sehr arm zu sein, um den eigenen Sohn zu Sparsamkeit und wirtschaftlich-strategischem Denken zu erziehen.

Die Goldene Maulbeere ist der Hauptpreis in Udine. Wie sich das für ein dezidiertes Publikumsfestival gehört, ist das jener Preis, den die (heuer nicht weniger als 65.000) Zuschauenden vergeben. Auch da hatte China die Nase vorne: Die Gender-Equality-Komödie Her Story von Shao Yihui belegte hier den ersten Platz vor dem schon erwähnten The Last Dance und vor Like a Rolling Stone von Yin Lichuan, einer weiteren Komödie aus der Volksrepublik.

www.fareastfilm.com