Jaws

Jaws

Sie werden ein größeres Boot brauchen

| Gerhard Midding |
Vor 50 Jahren kam „Jaws“ heraus und veränderte das Hollywoodgeschäft für immer. Zur Wiederaufführung eines Klassikers, dessen Bilder, Töne und Szenen unvergesslich sind.

Die See ist ruhig, als der erfahrene Haijäger Quint am Abend seine Erzählung beginnt. Gemeinsam mit dem jungen Meeresforscher Hooper und dem wasserscheuen Polizeichef des Badeortes Amity sitzt er in der Kajüte seines Bootes. Die Männer sind ausgelassen, sie lachen, trinken und spinnen Seemannsgarn. Was sie tun, entspricht dem Grundimpuls des Geschichtenerzählens: sich die Zeit und die Angst zu vertreiben. 

Wenige Stunden zuvor haben sie ihren furchterregenden Gegner zum ersten Mal zu Gesicht bekommen, einen acht Meter langen, gefräßigen Weißen Hai. Nun ändert sich die Stimmung schlagartig, als Quint berichtet, wie er 1945 den Untergang der USS Indianapolis überlebte, die die Atombombe für Hiroshima transportierte. Als sie am 29. Juni von den Torpedos eines japanischen U-Boots getroffen wird, retten sich 1100 Matrosen ins Wasser. Nach einer halben Stunden greifen die ersten Haie an. Am Ende überleben 316 Mann, aber die Bombe erreicht pünktlich ihr Ziel. Quints Zuhörer können sich mit seiner Geschichte identifizieren, auch sie fürchten den Verlust von Sicherheit in gefährlichem Gewässer.    

Wie jeder gute Horrorfilm handelt Der weiße Hai – so der deutsche Titel von Jaws – von der Wiederkehr des Verdrängten. Er streift die mythischen Wurzeln seines Themas, lässt an das biblische Seeungeheuer Leviathan ebenso denken wie an Herman Melvilles „Moby Dick“. Mit ihm kehrt das Kino zwar zu seinen Ursprüngen als Jahrmarktvergnügen zurück: Er ist so aufregend wie eine Achterbahnfahrt. Aber es geht um mehr als nur drei Männer, die einen Hai erlegen müssen. Der Verweis auf die Atombombe verleiht dem archaischen Kräftemessen von Mensch und Natur eine moderne, politische Dimension. Der Film ist ein Scharnier. Er demonstriert, wie ein Regisseur mit einer persönlichen Handschrift dem großen Publikum begegnet. Nicht nur ist er eines der ästhetisch einflussreichsten Werke der Filmgeschichte – die IMDb verzeichnet rund 1000 Titel, die auf ihn anspielen –, sondern hat Hollywood auch ein bahnbrechendes Modell für die Vermarktung seiner Produkte geliefert. Ein Klassiker, dessen Bilder, Töne und Szenen augenblicklichen Wiedererkennungswert besitzen. 

Am Anfang dieses Phänomens steht die Zeitungsmeldung über den Fang eines 500 Pfund schweren Hais vor der Küste von Long Island, auf die Peter Benchley, Journalist und Redenschreiber für Präsident Lyndon B. Johnson, stößt. Noch bevor sein Roman „Jaws“ 1974 veröffentlicht wird, erwerben David Brown und Richard Zanuck die Filmrechte für Universal. Die Produzenten bieten den Stoff dem 26-jährigen Spielberg an, der für sie zuvor das Roadmovie The Sugarland Express realisiert hatte. Der ist fasziniert von der Idee, dass ein blutrünstiger Hai ein Territorium für sich beansprucht. 

Der Drehbeginn wird auf das Frühjahr 1974 angesetzt; bis Ende Juni muss der Film im Kasten sein, da die Schauspielergewerkschaft einen Streik angekündigt hat. Das ist nach Spielbergs Ansicht mindestens zwei Monate zu früh, da weder das Drehbuch fertig, noch die Besetzung abgeschlossen ist. Die mechanisch betriebenen Hai-Attrappen befinden sich noch im Entwicklungsstadium. Einzig der Drehort für die fiktive Küstenstadt steht fest: die Insel Martha‘s Vineyard, die das nötige Neuengland-Flair besitzt und zudem den Vorzug hat, in flachen Gewässern zu liegen. Allerdings beginnt dort Mitte Juli die amerikanische Regatta-Saison.

Spielbergs Entscheidung, den Film nicht einem Wassertank auf dem Studiogelände zu drehen, trägt dem Realismus New Hollywoods Rechnung. Sie soll sich bald zu einem logistischen Albtraum auswachsen. Die mechanischen Haie entwirft der Veteran Robert Mattey. In der Werkstatt funktionieren seine Modelle, aber im Meerwasser gehen sie ständig unter. Wind und Seegang bereiten die ärgsten Probleme; an manchen Tagen entstehen kaum mehr als 10 Sekunden brauchbaren Materials. Am Ende wird der Drehplan von 55 Tagen um 104 überschritten; das Budget steigt von dreieinhalb Millionen Dollar auf neun. Erstaunlich, dass das Studio dennoch an dem relativ unerfahrenen Regisseur festhält. 

Im Nachhinein erscheint das als großes Glück, denn Spielberg hält den Film auf Kurs. Er und sein Team erfinden den Film gleichsam beim Drehen. Einige berühmte Momente gehen auf Improvisationen zurück. Der Ruf des Polizeichefs nach einem größeren Boot verdankt sich einer plötzlichen Eingebung des Darstellers Roy Scheider. Spielberg versteht auch, das größte Handicap in einen Vorteil zu verwandeln. Er münzt das kontinuierliche Versagen der mechanischen Haie in eine raffinierte Erzählstrategie um. Bevor das Monstrum in der 80. Minute erstmals in voller Größe auftaucht, ist von ihm nur der Anblick seiner Rücken- und Schwanzflosse zu erhaschen. Welch ungeheure Kraft es besitzt, suggeriert der Film bis dahin nur: Er spekuliert darauf, dass das Unwägbare einen viel größeren Schrecken hervorruft. Die Perspektive des sich heranpirschenden Tieres wird stilbildend. Der Einsatz der Musik folgt dem gleichen Prinzip. John Williams tückisch schlichtes Thema, dessen gutturale, kurze Ostinati die Unerbittlichkeit des Hais unterstreichen, wird zu einem Markenzeichen. 

Wichtige Filmstarts finden bis dahin traditionell in den Wochen vor Weihnachten statt. In den Sommermonaten läuft das Kinogeschäft flau: Warum soll man ins Kino gehen, wenn die Sonne scheint? Aber das Freizeitverhalten ändert sich. Universal steckte in die Werbekampagne damals unerhörte zweieinhalb Millionen Dollar. Sie ist innovativ, beschränkt sich nicht auf die üblichen Trailer und Plakate, sondern setzt auf Spots im Fernsehen, die auf unterschiedliche Zielgruppen abgestimmt werden. Auch das massive Merchandising sorgt dafür, dass es kein Entkommen vor dem Film gab. Als Jaws am 20. Juni 1975 mit 409 Kopien startet, hat er keine nennenswerte Konkurrenz. Der flächendeckende, den Markt sättigende Start des Films wirkt wie eine Flurbereinigung. Schon in den ersten zwei Wochen spielt er seine Produktionskosten wieder ein. Im Herbst hat er alle bisherigen Spitzenreiter an der Kinokasse überrundet. Weltweit beläuft sich das Einspielergebnis auf  470 Millionen Dollar, was heute inflationsbereinigt zwei Milliarden entspricht. 

Die Frage, welchen Nerv er trifft, hat seither unzählige Deutungen hervorgebracht. Die Erklärungsversuche reichen von politischen bis zu feministischen, ökologischen und religiösen Ansätzen. Er ist Indiz einer spirituellen Krise, die die USA nach Vietnam und Watergate durchleben, spiegelt ein diffuses Klima von Angst und  Misstrauen wider. Auf den Verfall der politischen Klasse spielt er in der Figur des verlogenen Bürgermeisters an. Nicht von ungefähr fällt dem amerikanischen Nationalfeiertag eine wichtige Rolle zu. 

Für Skeptiker läutet er das Ende der nachdenklichen Filme ein, die das New-Hollywood-Kino in den frühen siebziger Jahren prägten. Nicht wenige Kritiker sehen in ihm einen Meilenstein im Prozess der Entmündigung des Zuschauers. Molly Haskell, Kritikerin der „Village Voice“ fühlte sich wie eine Laborratte, die mit Elektroschocks behandelt wird. Dennoch hat Jaws sich seine Frische auf magische Weise bewahrt. Spielberg geht achtsam um mit den Ängsten der Charaktere und des Publikums. Sein Erzähltempo mutet besonnen an. Er nimmt sich mehr Zeit für die liebevolle Zeichnung des kleinstädtischen Ambientes und seiner Figuren, als wir heute gewohnt sind. Er verwendet keine Klischees des Genrekinos, sondern etabliert sie vielmehr. Jede Einstellung ist sorgfältig komponiert und jeder Schnitt achtsam gesetzt. Der Stilwille des Regisseurs ist noch im kleinsten Detail zu spüren. Allein wie Spielberg die Farbe Rot einsetzt, ist bemerkenswert. Er hat sie aus allen Dekors und Kostümen verbannt. Sie taucht nur als Farbe des Blutes auf.