DER PHÖNIZISCHE MEISTERSTREICH / THE PHOENICIAN SCHEME

Der phönizische Meisterstreich

Für alle Fälle Liesl

| Pamela Jahn |
Mia Threapleton ist die große Entdeckung in Wes Andersons angenehm zurückgenommenen neuen Werk „The Phoenician Scheme“.

Liesl (Mia Threapleton) soll es richten. Ausgerechnet Liesl, die eigentlich Nonne werden will. Mit Finanzen und Geschäften aller Art hat sie herzlich wenig am Hut. Doch nun sitzt sie gemeinsam mit ihrem entfremdeten Vater Zsa-Zsa Korda (Benicio del Toro) am Tisch, der ihr entschlossen seinen letzten Willen unterbreitet: Nach seinem Tod soll sie das Familienerbe antreten. Konkret handelt es sich dabei um die Verwirklichung eines langjährigen Plans des Moguls, die Wirtschaft in einem fiktiven Land im Nahen Osten mit einer Reihe von Bergbau-, Transport- und Fischereiunternehmen zu dominieren. Dazu braucht es jedoch nicht nur genügend Kapital, sondern auch eine gewisse Skrupellosigkeit, wenn es um so delikate Details geht, wie den Einsatz von Sklaven als billige Arbeitskräfte oder die Manipulation des Agrarmarkts, so dass eine Hungersnot entsteht. Teil des Geschäfts sind zudem Investitionsverträge mit verschiedenen verwandten und befreundeten Geschäftspartnern, darunter Marty (Jeffrey Wright), Cousine Hilda (Scarlett Johansson), Marseille Bob (Mathieu Amalric) und Kordas Bruder Nubar (Benedict Cumberbatch), der angeblich Liesls ermordete Mutter auf dem Gewissen hat. Das macht ihn für Kordas Tochter – bei aller Nächstenliebe – zum Erzfeind Nummer Eins.

Doch die Grundpfeiler des Projekts werden erschüttert, als sich die US-Regierung in Gestalt des windigen Excaliber (Rupert Friend) einmischt, indem sie die Kosten künstlich in die Höhe treibt, auf denen das gesamte Vorhaben basiert. Um die Gewinnlücke zu schließen, düst Korda mit Liesl in seinem Privatjet von einem Investor zum nächsten. Es gilt die Vertragsbedingungen neu auszuhandeln. Begleitet werden sie von dem norwegischen Hauslehrer Bjorn Lund (Michael Cera), der von Beginn an ein Auge auf die hinter ihrer geistlichen Tracht vermummte junge Frau geworfen hat. Was jedoch weder Vater noch Tochter ahnen, ist, dass der Botaniker ein geheimes Doppelleben führt. 

Den vollständigen Artikel lesen Sie in unserer Printausgabe 06/25.

Persönliche Elemente

The Phoenician Scheme ist, wenn man so will, ein klassischer Wes-Anderson-Streich. Ein Fest für die Augen, ziemlich verrückt und mit einem großartigen Hollywood-Star-Ensemble besetzt. Die Idee zu der Geschichte kam dem US-amerikanischen Indie-Regisseur, als er bei seinem vorletzten Projekt The French Dispatch zum ersten Mal mit Benicio del Toro zusammenarbeitete: „Kaum habe ich einen Film fertiggestellt“, sagte Anderson nach der Premiere seines neuen Werks bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes, „wartet meist schon ein neuer Einfall darauf, Gestalt anzunehmen. Diesmal war es lediglich die Vorstellung von Benicio in der Rolle. Ich hatte noch keine Handlung. Ich sah nur diesen Charakter vor mir, der sich unerbittlich durch die Geschichte bewegt.“ 

Unverwüstlich ist hier vielleicht ein passenderes Wort. Denn Zsa-Zsa Korda ist ein Mann, der eigentlich längst unter der Erde liegen müsste. Sein Einfluss hat ihn zur beliebten Zielscheibe seiner Konkurrenten und der Regierung gemacht. Mehrere Anschläge auf sein Leben hat er zwar nicht immer unversehrt, aber immerhin einigermaßen passabel überlebt. Nur mit dem Alter kommen auch die Bedenken, wie lange er sich noch gegenüber den anderen Machthabern durchsetzen kann. Und hier kommt Liesl ins Spiel.

Hinter ihrer Figur verbirgt sich die persönliche Komponente, die bei Anderson stets Teil der Überlegungen zu jeder neuen Versuchsanordnung ist. „Ich habe eine Tochter. Mein Ko-Autor Roman Coppola und Benicio haben beide Töchter. Aber im Grunde war der Auslöser, dass meine Frau, die Libanesin ist, mir vor einiger Zeit von einem Treffen mit ihrem Vater erzählte, einem erfolgreichen Ingenieur und Bauunternehmer. Er bat sie in dem Gespräch darum, sich darauf vorzubereiten, einmal das Familienunternehmen zu übernehmen, wenn er selbst nicht mehr dazu in der Lage ist. Aus einem Schrank entnahm er mehrere Schuhkartons, die Informationen über diverse Ingenieursprojekte in verschiedenen Teilen der Welt enthielten, an denen er arbeitete. Der Film ist ihm gewidmet, weil er ein unvergesslicher, besonderer Mensch war.“

Vielleicht liegt darin das eigentliche Geheimnis von Andersons Kunst: Die zutiefst eigene, individuell-menschliche Erzählweise, mit der er seinen Fans und Kritikern immer wieder begegnet, ist seinen Filmen ebenso eingeschrieben wie jener unnachahmliche Stil, der seine Arbeiten charakterisiert und sich nicht imitieren lässt. Zahlreiche Regisseure haben es versucht und sind kläglich daran gescheitert, weil es eben nur einen wie Wes Anderson geben kann. Und weil seine Filme so viel mehr sind als oberflächliche Unterhaltungsware. Die zarte Magie, die er den Bildern einzuhauchen versteht, ist so seltsam wirklichkeitsnah und abwegig zugleich, dass man sich ihrer lebensbejahenden Wirkung nur schwer entziehen kann.

Aber keine Frage, es gibt ihn, den klassischen Wes-Anderson-Look, der sich mit jedem neuen Abenteuer ein bisschen mehr abzunutzen droht. Selbst jene, die sein Werk erst entdecken, glauben bereits eine Vorstellung zu haben, was sich dahinter verbirgt: Die strahlenden Farben, gerne Pastell oder knallig. Die kontrastreichen Formen, Muster, Texturen, von klassisch bis kurios. Dazu eine orthogonale Kameraführung mit keinerlei Spielraum für Improvisation. Kurz: Ein raffiniert konzipiertes Bühnenbild im Puppenhausstil. Und über allem schwebt ein wohliges Gefühl von Retro-Nostalgie und Melancholie.

Kontinuität

The Phoenician Scheme fügt sich in der Hinsicht nahtlos in Andersons Œuvre. Auch diesmal ist die Leinwand bunt und jedes Bild exakt durchkomponiert. Allerdings wirkt der Film insgesamt auch etwas weniger inspiriert als einige seiner früheren Arbeiten; zum einen fehlt dem Ganzen ein Stück der romantischen Extravaganz in der Inszenierung, die man von Anderson gewohnt ist, sowie die liebevoll-schrullige Sympathie für jede noch so kleine Nebenfigur. Andererseits wird der Film dadurch leichter zugänglich: Die Handlung ist weniger verschachtelt und überladen als etwa in The French Dispatch oder Asteroid City. Das macht die thrillerartige Komödie greifbarer, auch wenn das Ergebnis nicht weniger schräg ausfällt. Denn auf seiner Reise wird Korda immer wieder von alptraumhaften Visionen verfolgt, in denen er vor einem himmlischen Gericht steht und sich vor einem Gott rechtfertigen muss, der hinter einem langen, grauen Bart von Bill Murray verkörpert wird. Ein gewagter Cameo-Auftritt für den Schauspieler: Immerhin waren vor drei Jahren schwere Vorwürfe wegen unangemessenen Fehlverhaltens am Set gegen Murray erhoben worden. Dennoch freut man sich über seine Rückkehr in Andersons reguläres Ensemble.

Daneben fallen diesmal vor allem die relativen Neulinge in der Besetzung auf. Jeffrey Wright, der wie del Toro zum zweiten Mal dabei ist, gelingt es, seiner Figur in wenigen Minuten eine enorme Charakterstärke zu verleihen. Die Zusammenarbeit mit Anderson beschreibt er trotz der festgelegten formalen Regeln als freien Prozess: „Der Schlüssel liegt im Drehbuch, in der präzisen Sprache. In einem Wes-Anderson-Film gibt es mehr Worte als in wahrscheinlich zehn anderen Filmen, die zur gleichen Zeit gedreht werden. Und natürlich gibt es diesen ganz bestimmten Rahmen, den Wes vorgibt. Es gibt die Parameter, innerhalb derer man arbeitet. Aber als Schauspieler kann man darin dennoch seine kreative Freiheit finden. Ich habe generell den Eindruck, dass er mir innerhalb dieses Konstrukts erlaubt, mich so ausgelassen und absurd zu zeigen, wie ich nur kann.“  

Dagegen fällt Scarlett Johanssons Darstellung als Kordas Cousine unübersehbar flach und steif aus, besonders nach ihrer glamourösen Erscheinung als klassische Filmdiva im vorherigen Film Asteroid City. Aber viel Zeit, darüber nachzudenken, lässt Anderson seinem Publikum nicht. Denn Mia Threapleton weiß jeden Star in der Besetzung mit ihrem rauen Charme und einer spitzfindigen Schlagfertigkeit an die Wand zu spielen. Kate Winslets Tochter hat offensichtlich in ihrer DNA, was es braucht, um vor der Kamera einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Ihre Liesl ist ein Glücksfall – für Zsa-Zsa Korda und den Film.

Gleichzeitig kommt noch ein Aspekt zum Vorschein: Über die Jahrzehnte hat sich die Tonalität und Thematik von Andersons Werken konsequent verdunkelt. Zunehmend finden sich Schattierungen und Graustufen in der filmischen Textur. Als etwa in dem großartig animierten Isle of Dogs eine Hundegrippe ausbricht, nutzt ein korrupter Bürgermeister die rasch um sich greifende Epidemie, um von den eigenen politischen Problemen abzulenken. Umweltverschmutzung, Klimakrise, Rechtsruck, all das ist mit lakonischer Ironie in dieser klugen Fabel angelegt. Ähnlich komplexe und bedrohliche Gedankenwelten tun sich auf, wenn man einen Blick hinter die Kulissen einer exzentrischen Utopie in Pastell wie Asteroid City wirft. Dann wird deutlich: Die schleichende Gefahr durch den Autoritarismus ist dem Regisseur besonders unheimlich. Auch diesmal streift das Drehbuch politisch aufgeladene Themen und Tendenzen: „Es gab diese Düsternis einer bestimmten Art von Kapitalismus, auf der wir das Szenario aufgebaut haben“, erklärt Anderson, nicht zuletzt ist del Toros Figur auch von Persönlichkeiten wie J. Paul Getty und J.P. Morgan inspiriert. Noch einmal auf den Schwiegervater angesprochen, erinnert der Regisseur sich: „Er war sehr dominant. Auf den ersten Blick wirkte er vielleicht etwas einschüchternd. Im Restaurant musste er den Kellner nur kurz scharf anschauen und sagen, er wolle jetzt diesen Tisch haben. Wir hätten schon zu lange gewartet. Und das Personal folgte seiner Aufforderung. Das hat mir immer gefallen – für mich tun sie das nicht.“