Jeanne-Dielman

Jeanne Dielman

„Things will never be the same“

| Jörg Becker |
Vor 50 Jahren wurde „Jeanne Dielman“ (1975) von Chantal Akerman in Cannes uraufgeführt, im selben Jahr der Verlag edition text+kritik gegründet. Nun ist eine maßgebliche Betrachtung zu jenem „Meilenstein der Filmgeschichte“ erschienen.

Im Dezember 2022 wurde in der alle zehn Jahre stattfindenden Umfrage der britischen Filmzeitschrift „Sight and Sound“ Chantal Akermans Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles (1975) von ca. 1.600 Fachleuten der Bereiche Regie, Drehbuch, Schauspiel, Festivals, Filmarchiv und -kritik zum „besten Film aller Zeiten“ gewählt und nahm damit den Platz vor Alfred Hitchcocks Vertigo ein. „For the first time in 70 years the ,Sight and Sound‘ poll has been topped by a film directed by a woman – and one that tales a consciously, radically feminist approach to cinema. Things will never be the same.“ (Laura Mulvey) 

Minimal-monumental, hyperreal, ist Chantal Akermans Film ein Werk wortloser, mit ritueller Strenge ausgeführter repetitiver Gesten, in denen die Figur, Jeanne Dielman, und ihre Darstellerin, Delphine Seyrig, ein Bild von sich selbst produzieren und zugleich eine Arbeit, die gemeinhin wie unter Quarantäne ins Privat-Unsichtbare verbannt ist, öffentlich machen – die unbezahlte Haus- und Sorgearbeit. Als weitgehend schweigsames, einsames Kammerspiel in einer Wohnung, aufgenommen in langen Einstellungen, Handgriffe und Aktivitäten in Echtzeit und überwiegend mit unbewegter Kamera – Handlungszeit: drei Tage – beobachtet der Apparat (Kamera: Babette Mangold) alltägliche Routinen in einer abgeschlossenen Welt. In Jeanne Dielmans stereotype Alltagshandlungen innerhalb des Tagesablaufs integriert sind die Besuche älterer Herren am Nachmittag, mit denen sie hinter der Tür ihres Schlafzimmer am Ende des Korridors verschwindet; die Gelegenheitsprostitution dient der Subsistenz, dem Gelderwerb für die Haushaltsführung, die Scheine, mit immer gleicher Geste vor der Wohnungstür in Empfang genommen, werden in einer Suppenterrine im Wohnzimmer abgelegt und zum nächsten Einkauf entnommen. Am zweiten Tag kommt es zu einer Störung der zeiträumlichen Strukturen, die am dritten Tag eskalieren. 

Den vollständigen Artikel lesen Sie in unserer Printausgabe 06/25.

Jenseits einer Dramaturgie von Menschenverhältnissen, Ereignisgeschichten, ist ein Film zu verfolgen, der sich einer anreichernden Interpretation zu Figur und Handlung enthält. Eva Kuhn stellt die „filmische Materialität“ heraus, auf die Chantal Akerman beharrt. Alles über die reine Beschreibung hinaus sei nicht verifizierbar, die Figur Jeanne Dielman, alle Alltagshandgriffe aufs Genaueste ausführend, wird einem in der Betrachtung sehr nah und bleibt zugleich, gerade deshalb, komplett unzugänglich. „Einem anderen Menschen begegnen, heißt von einem Rätsel wachgehalten werden“, zitiert die Autorin Emmanuel Lévinas („Die Spur des Anderen“, 1983 ), um das Ethos von Akermans Figurenzeichnung zu umreißen.

Der Film wendet sich Sorge und Versorgungsarbeit zu, unter kapitalistischen Bedingungen nicht verwertbar, daher naturalisiert und dem Privaten zugerechnet, dessen Sichtbarmachung und Öffentlichkeit eine feministische Forderung ist. Ein Kapitel lautet: „Unsichtbares Sichtbarmachen. Das Private ist politisch.“ Ebenso politisch ist die entschiedene Filmform, und es gibt in dieser Studie eine Vielfalt von Ansätzen, angesichts von Jeanne Dielman über ethische Fragen der Ästhetik nachzudenken, etwa über die stumme Sprache der Gesten, über die Kritik an einem System, das Wertschöpfung allein in Kategorien der Warenproduktion denkt, an einer Gesellschaft, die auf unbezahlter und systemisch unsichtbar gemachter Arbeit basiert; reflektiert wird über den Verlauf von Zeit, Zeitlichkeiten serieller oder teleologischer Art, zyklisch oder zielgerichtet, dann die Umkehrung von toter Zeit in starke Zeit, wenn die Zeit sich dehnt, ohne ausgefüllt zu sein, und die Unverkürzbarkeit der Zeit in Widerspruch zur kapitalistischen Logik der Zeiteinsparung; das Gesetz von Schuss/Gegenschuss (Harun Farocki: Schuß-Gegenschuß: Der wichtigste Ausdruck im Wertgesetz Film, Filmkritik 294, 6/1981) ist zu bedenken, dem sich Akerman konsequent verweigert, auch der Gegensatz von Arbeit (labour) und Herstellen (work), oder die Hierarchie von Bildgattungen, die Akerman  untergräbt …

Einzigartig erscheint die Kombination aus Artifizialität und Realismus: Das ewige Hauswirtschaften tritt aus der Zirkularität „unsichtbar gemachter Frauenarbeit“ heraus, indem ein weibliches Schauobjekt mit derlei Tätigkeiten in Szene gesetzt wird. Wie der Haushalt geführt wird, bestimmt über die filmische Form, die Kadrierung, die Flächigkeit, die exakt rektangulären Umschnitte und schafft den Eindruck eines begrenzten Universums. Eva Kuhn setzt die niederländische Genre-, insbesondere Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts ins Verhältnis zum Dielman-Film, der im großen Format (35mm-Breitwand) über drei Stunden lang die nach akademischem Maßstab niederen, alltäglichen Gesten der Hausarbeit, Care-Arbeit, reproduktiver Arbeit in potenziell unendlicher Struktur, seriell und spurenlos, feiert. Aus dem Zubereiten von Filterkaffee, das Akerman wie ein ethnografisches Fundstück zur Illustration für zukünftige Generationen aus dem Alltagshandeln aufgenommen hat, geduldig mit der Darstellerin ihrer Hauptfigur die Dauer abwartend, die der Vorgang benötigt, bis der Kaffee fertig ist, habe sie ein Zeit-Bild gewonnen, das einer Sanduhr assoziierbar sei. 

50 Jahre nach der Premiere, so wird berichtet, wachse die Bereitschaft zu „Slow Cinema“ und das Publikum habe den Eindruck, etwas erlebt zu haben.

Film-Lektüren

Man kann die „edition text+kritik“ aus München inzwischen wohl als einen Grundpfeiler deutscher Filmpublizistik bezeichnen. Aufgrund des Wechsels der 1963 gegründeten Zeitschrift „Text+Kritik“ – angelegt in einer Koppelung aus literarischem und essayistischem Teil – zu dem juristischen Fachverlag Richard Boorberg, entstand vor 50 Jahren als eigenständige Verlags-GmbH die et+k, die das Gebiet Film entdeckte, als andere Verlage sich zunehmend von der Filmpublizistik verabschiedeten. 1984 begann die Zusammenarbeit mit dem Cinegraph- Hamburgisches Centrum für Filmforschung e.V. mit der Grundlieferung des von Hans-Michael Bock herausgegebenen Loseblattwerks „Cinegraph-Lexikon zum deutschsprachigen Film“, ein Mammutprojekt mit ca. halbjährlichen Lieferungen, seinerzeit fortschrittlicher als die meisten Lexika, weil es die Möglichkeit beständiger Erneuerung bot, heute nur noch online verfügbar.

In das Jahr 1994 geht die Kooperation des Verlags et+k mit der Deutschen Kinemathek Berlin zurück mit Gründung einer Reihe „FILMtexte“, fortgesetzt mit der Übernahme der Zeitschrift „Filmexil“ sowie im Jahr 2005 dem Beginn der Edition „Film&Schrift“ (Hrsg. von Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen), welche sich die Erforschung der Geschichte der deutschen Filmkritik in biografischen Essays und Texteditionen zur Aufgabe gemacht hat, was viel Archiv- und Personenrecherche sowie Interviews erfordert – zuletzt mit Band 23 zur Zeitschrift „Filmkritik“ und dem bevorstehenden Band 24 zu Hans Schifferle  (ehemals u. a. Süddeutsche Zeitung, epd film, Steadycam, Münchner Filmmuseum): „Berufung: Kritiker“.

2006 folgten die von Thomas Koebner begründeten „Film-Konzepte“, die bis heute durchweg auf Filmschaffende und ihr Gesamtwerk fokussiert sind; begonnen hatte man diese Reihe mit Komödiantinnen sowie Chaplin & Keaton (Nr. 1/2), die letzten Ausgaben erschienen zu Wolfgang Kohlhaase (Nr. 75) und Jeanine Meerapfel (Nr. 76), angekündigt: Carl Theodor Dreyer (77). 

Seit 2019 erscheinen die „Film-Lektüren“ (Hrsg.: Jörn Glasenapp) nach dem Prinzip: ein Film – ein Band, Zeit und Raum für einen bedeutenden, wegweisenden Film und dessen Regisseur bzw. Regisseurin mit dem Band 1, Wim Wenders: Paris Texas, dem 1984 mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichneten„Amerika-Film mit Wenders-Handschrift“. Es folgten u. a. Christian Petzolds Yella, Terrence Malicks The New World, F. W. Murnaus City Girl, auch der Bond-Film Skyfall von Sam Mendes, und nach dem aktuell erschienen Band 9, Jeanne Dielman, ist für den Sommer 2025 ein Buch zu Menschen am Sonntag (Robert Siodmak/ Edgar G. Ulmer, 1930) angekündigt, diesem „Film ohne Schauspieler“, so der Untertitel, und für viele Beteiligte ein „erster Versuch“ zu drehen. Ein paar Jahre nach diesem Debüt mit offenem Konzept machten sie – die Brüder Siodmak, Wilder, Ulmer, Schüfftan und Zinnemann – Karriere in den USA. 

Als jüngste Reihe der et+k schließlich führt die „Filmgeschichte kompakt“ seit 2021 das Kunststück vor, den Film eines Landes oder auch eines Zeitabschnitts in seiner Vielgestaltigkeit zu fassen, im taschenformatierten Überblick darzustellen und überdies auch noch wissenschaftliche Qualität mit Lesbarkeit zu vereinbaren (die Reihe mit Büchern zum japanischen, chinesischen, französischen, britischen, dänischen Film, auch zum Film im Nationalsozialismus, wird in Kürze um Publikationen zum Musikvideo und dem Animationsfilm erweitert).