Man sieht kaum ein nüchternes Gesicht bei der legendären Viennale-Mitternachtsschiene. Aus einem Bier werden kurz vor Filmbeginn zwei oder gar drei – es ist ja auch an jedes verflixte Kino eine verflixte Bar drangehängt. Gemütlich und entspannt setzt man sich mit Gleichgesinnten in die gemütlichen Kinosessel. Jetzt heißt es wachbleiben. Bei manchen Filmen fällt einem das ja ohnehin leicht. Bei manchen eher nicht so. Dann drohen die Augenlider zu fallen wie der Vorhang nach dem Abspann.
Kurz vor Filmbeginn, wenn die Türen geschlossen werden, macht sich eine gewisse brüderliche Atmosphäre im Saal breit. Wir alle sind hier, zu später Stunde, weil wir Film wirklich gern haben. Man wird zu Kollegen, zu Kameraden mitternachts vor der flimmernden Leinwand. Welcher Film, ist im Grunde egal – ein guter muss es sein, sonst geht ja keiner hin. Gut besucht sind sie selten, die Mitternachtsfilme. Aber die, die da sind, die finden den Film wirklich gut. Mitternachtsschiene bedeutet wahre Wertschätzung.
Und wenn man wieder aus dem Kino rausgeht, dann ist sonst keiner mehr da. Alles schläft, ist ruhig. Die Hartgesottenen unter den Viennale-Besuchern werfen einander anerkennende Blicke zu, bevor sie ihres Weges gehen. Schwarzes Schaf ist der, der in der fünften Reihe eingeschlafen ist. Doch auch ihm wird vergeben. Jeder macht mal Fehler. Jetzt am besten nach Hause, schlafen. Oder hat die Bar vielleicht doch noch offen?
