Einem Märchen wird auf den Zahn gefühlt – Resultat: Wurzelresektion ohne Betäubung.
Es war einmal … eine Jungfrau mit hübschen Grübchen, üppiger Figur, leicht huckeliger Nase und Zahnspange. Schon mal schlecht. Denn den Märchenprinzen, dessen banale Gedichte das Mädel schwärmerisch verschlingt, wird sie so nicht hinter dem Ofen hervorlocken. Dabei gilt es eben dies; in drei Monden findet der Ball statt, auf welchem der Begehrte seine Braut erwählen wird, und Elvira, so der Name unserer Heldin, will ihn unbedingt für sich gewinnen. Nein, sie muss. Sie, ihre verwitwete Mutter Rebekka und die jüngere Schwester Alma sind nämlich arm wie die Kirchenmäuse. Und da die Mutter nicht mehr die Jüngste und die Schwester noch nicht geschlechtsreif ist, ist nun eben Elvira zu jener Art der Prostitution gezwungen, die sich als Bund fürs Leben in guten wie in schlechten Tagen tarnt. Angetrieben vom Ehrgeiz der Mutter ebenso wie von der Eifersucht auf das im selben Haushalt lebende Prinzessinnen-schöne Aschenputtel beginnt Elvira ihren Abstieg in die Hölle. Von wegen rosa Wolke Sieben!
In ihrem Langfilmdebüt The Ugly Stepsister räumt Emilie Blichfeldt das Themen- und Motiv-Repertoire eines Erzählstoffes gründlich um, der auf ein italienisches Märchen aus dem frühen 17. Jahrhundert zurückgeht und dessen Protagonistin auch als Cendrillon, Aschenputtel oder Cinderella bekannt ist. Mit Elvira rückt sie eine der beiden als „hässlich“ gezeichneten Stiefschwestern ins Zentrum, die in der traditionellen Variante die Rollen der Bösewichte innehaben, und befragt sie nach ihrer Motivation. Sie muss nicht tief schürfen, um auf im Patriarchat wurzelnde Misogynie und daraus erwachsenden weiblichen Selbsthass zu stoßen.
Aufgrund der unzimperlichen Betrachtungsweise von Zurichtungsmethoden, denen sich Elvira zum Erreichen des gesellschaftlich sanktionierten Schönheitsideals zu unterziehen hat, wird The Ugly Stepsister mit Coralie Fargeats The Substance verglichen. Das bietet sich an und kann man machen. Auch Blichfeldt geht über die Grenze, wenn sie Nasen-OP, Permanent-Wimpern-Make-up und Bandwurm-Diät in den Blick nimmt. Auch Blichfeldt schert sich nicht um narrative Ökonomie, lässt ihre Geschichte hier und da ausfransen und zollt weiblicher Opferbereitschaft Respekt. Auch Blichfeldt erzählt nicht von der geglückten Rache jener im Dunklen, die man(n) nicht (mehr) sieht; vielmehr bleibt sie, dem gewählten Genre zum Trotz, realistisch: Eine Frau muss mit dem knappen Davonkommen zufrieden sein.
