Fiesta auf der Müllhalde

| Günter Pscheider |

Einfühlsame Dokumentation über die Reise eines Neunjährigen zu den Müllsammlern in Nicaragua

Filme für Kinder garantieren in Hollywood schon sehr lange klingelnde Kassen. Nicht nur zur Weihnachtszeit werfen Disney, Pixar oder DreamWorks meist animierte Variationen der immer gleichen Heldengeschichten voller popkultureller Anspielungen für die Eltern auf diesen niemals gesättigten Markt. Das engagierte europäische Kinderkino, das vor allem in Holland und Skandinavien viele Zuschauer anlockt, nimmt seine jungen Protagonisten schon ernster, aber selbst in diesem qualitativ hochwertigen Bereich gibt es kaum Dokumentarfilme, die speziell für Kinder gedreht wurden.

Claudia Wohlgenannt geht in ihrem halbstündigen Debütfilm als Regisseurin das Wagnis ein, sich ausdrücklich an ein Publikum zwischen sechs und zwölf Jahren zu wenden und die Geschichte einer Reise aus der Perspektive eines Neunjährigen zu erzählen. Es hilft natürlich, dass der neugierige und sympathische Protagonist Mika der Sohn der Regisseurin ist, der sich mit seiner Mutter und einem Kameramann auf die Reise nach Nicaragua macht, wo seine Großtante jährlich ein großes Fest für die dortigen Müllsammler organisiert. Mikas Hauptantrieb für die Reise ist anfangs, endlich einmal einen richtigen Dschungel sehen zu können, doch als er die 11-jährige Francis kennen lernt, deren Lebensumstände sich von seinen in vielerlei Hinsicht komplett unterscheiden, beginnt er über diese Ungleichheit nachzudenken. Dabei wird das Thema Armut aber nicht plakativ und anklagend behandelt, die Müllsammler werden als starke Community gezeigt, deren Lebensfreude bei der farbenfrohen Fiesta deutlich spürbar ist. Mika saugt all die neuen Eindrücke in sich auf, er findet zwar, dass es auf der Müllhalde stinkt, aber nach ein paar Tagen gewöhnt er sich daran, sein Blick ist wunderbar vorurteilsfrei, das macht auch die Stärke dieses Films aus.

Dem jungen Zielpublikum werden keine Thesen oder vorgefertigten Meinungen über den Zustand der Welt oder auch nur über den Grund der unterschiedlichen Lebensweisen vorgestellt, es lernt durch die ganz natürliche Identifikation mit Mika, die richtigen Fragen zu stellen. Es liegt auf der Hand, dass Kinder nach dem Film zumindest mehr über dieses fremde Land wissen wollen und dass ihre Aufmerksamkeit für Fragen der Verteilung und der Abfallwirtschaft geschärft ist. Zusätzlich zeigt die Regisseurin auch noch, wie so ein Film entsteht: Der Kameramann erklärt Mika, wie er die kleine Digitalkamera bedienen muss, mit der er etliche auch im Film auftauchende Aufnahmen auf seiner Reise drehen wird. Die Tonangel ist manchmal im Bild, es soll nicht so scheinen, als wenn dieser Film die Realität eins zu eins abbilden würde. Trotz einiger kleiner dramaturgischer Schwächen – die Freundschaft zwischen Mika und Francis wird eher angedeutet als dass sie wirklich spürbar ist – bietet Fiesta auf der Müllhalde vor allem für neugierige Kinder eine interessante Reise in eine fremde Kultur, die auch zur Beschäftigung mit dem eigenen Leben herausfordert.