Von 10. Juli bis 10. August 2025 verwandelt ImPulsTanz Wien erneut in eine Bühne für internationale zeitgenössische Tanzkunst. Ein Streifzug durch das diesjährige Programm, das zwischen Erinnerung und Utopie, Widerstand und Intimität changiert.
Wer tanzt, erzählt nicht nur vom Jetzt. Tanz ist Erinnerung und Widerstand, aber auch Intimität und Entwurf. Er trägt Körperwissen durch Geschichte, stellt Nähe her, wo Sprache nicht reicht – und erschafft Welten, die es noch nicht gibt. Das ImPulsTanz-Festival 2025, das von 10. Juli bis zum 10. August 2025 in Wien stattfindet, zeigt, wie politisch und poetisch Bewegung sein kann. In ikonischen Reenactments wird der Körper zum Archiv – und zur Stimme einer kollektiven Erinnerung. Andere Arbeiten rücken intime Beziehungen in den Fokus, erzählen von Zwischenräumen, in denen sich Nähe, Alter und Begehren neu sortieren. Immer wieder erscheinen Körper auch als Austragungsort gesellschaftlicher Kämpfe: gegen Ausbeutung, gegen Zuschreibungen, gegen die Zerstörung des Planeten. Und schließlich öffnen viele Stücke einen spekulativen Raum, in dem Science-Fiction, Zukunftsvisionen und queer-feministische Fantasien sich gegenseitig befruchten. Das alles passiert auf ganz unterschiedlichen Bühnen – im Burgtheater genauso wie im Nest, im Odeon oder im mumok. Aber es passiert mit Körpern, die sich aus Gewissheiten lösen. Die nicht behaupten, sondern fragen. Und mit jeder Geste neu beginnen.
Erinnerung in Bewegung
Wenn Körper erinnern, tun sie das nicht linear. Sie zittern, schleifen, wiederholen. Sie holen Vergangenes als Geste in die Gegenwart. Zwei Produktionen am diesjährigen ImPulsTanz-Festival greifen diese Idee auf, ohne sie zu romantisieren. „Thikra“, die neue Arbeit des britisch-bengalischen Choreografen Akram Khan, verwebt die uralten Mythen der saudischen Oase Al-˛Ula mit der Kraft weiblicher Chöre, Ritualen und der Formstrenge des Bharatanatyam. Es entsteht eine „Nacht der Erinnerung„, getragen von 14 Tänzerinnen, die aus der Wüste heraus kollektive Geschichte beschwören. Die Zukunft, sagt Khan, kann nur aus der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit entstehen – sein Ritual auf der Bühne ist zugleich politisch und poetisch. Auch „Nelken“, Pina Bauschs ikonisches Stück, das 2024 in neuer Einstudierung zurück auf die Bühne kam, lässt den Körper sprechen: Inmitten eines riesigen Blumenmeers tänzeln neunzehn Tänzerinnen und Tänzer auf der Kippe zwischen Absurdität, Traurigkeit und zärtlicher Gewalt. Es ist ein Spiel mit Erinnerungen an Glück und Schmerz, orchestriert von Schubert, Lehár, Gershwin – und von einer Choreografin, die wie kaum eine andere wusste, was der Körper weiß, wenn der Verstand verstummt.
Zwischen uns
Dabei ist nicht jede Nähe Berührung. Und nicht jede Berührung Nähe. Zwei Duette nehmen sich genau dieser Zwischentöne an: In „Come Back Again“ bittet Doris Uhlich eine Ikone zum Tanz: die 82-jährige Susanne Kirnbauer-Bundy, ehemalige Primaballerina der Wiener Staatsoper. Was sich entfaltet, ist keine Huldigung an vergangene Glanzzeiten, sondern eine gemeinsame Gegenwart. Kirnbauer-Bundy tanzt im Tutu und in Sneakers, changiert zwischen Pathos und Gelassenheit. Uhlich schafft einen Raum, in dem Alter kein Rückblick ist, sondern Präsenz. Noch länger währt die Beziehung zwischen Meg Stuart und Francisco Camacho, die in „steal you for a moment“ ihre jahrzehntelange Freundschaft tänzerisch befragen. Der Boden ist nicht stabil, vieles liegt im Unklaren. Doch aus Rissen und Brüchen entsteht eine Form der Verbundenheit, die ohne Sentimentalität auskommt.
Körper als Widerspruch
Und auch Widerstand beginnt im Körper – manchmal leise, manchmal laut. Wie sich politische Kämpfe, Umweltkatastrophen oder Männlichkeitsbilder nicht nur thematisieren, sondern verkörpern lassen, zeigen in Earth Works etwa fünf Performerinnen und Performer, die gegen das Vergessen ökologischer Zerstörung antanzen. Sie verleihen jenen Stimmen Gehör, die berichten, wie Wälder verschwinden, Küsten kippen, Böden vergiften. Sergiu Matis inszeniert das nicht als moralischen Aufruf, sondern als schwebendes Geflecht aus Körper, Klang und Text. Es ist ein poetisches Mahnmal, das die Dringlichkeit unserer Gegenwart nicht herausschreit, sondern fühlbar macht. Ganz anders, aber ebenso klar ist der Ton in Michael Turinskys Work Body. Der Performer stellt sich auf ein Podest, öffnet ein Bier und legt los. Doch was wie eine Pose wirkt, ist politische Reibung: Gegen das Bild vom „behinderten Körper“, gegen rechte Männlichkeitsfantasien in Arbeiterkulturen, gegen die Idee, dass nur Leistung zählt. Turinsky zitiert Pasolini und Gramsci, spielt mit Camp und Kraft, unterwandert Zuschreibungen – und stellt die Frage, wie Körper aussehen könnten, wenn man sie aus den Normen der Verwertbarkeit befreit.
Fantasie als Widerstand
Wenn die Realität eng wird, muss man andere Welten erfinden. Zwei Arbeiten bei ImPulsTanz 2025 wagen den Sprung – in fantastische Zukünfte, spekulative Körper und vergessene Mythen. Allerdings nicht als Eskapismus, sondern als Strategie. In „Transient Shifts“ lädt Akemi Takeya zu einem Flug zum Planeten Ayviss – gemeinsam mit acht Performerinnen und Performern und dem Erbe ihres eigens erfundenen „Lemonismus“, einer Kunstphilosophie zwischen Ironie, Disziplin und Exzess. Was wie Science-Fiction klingt, ist eine Reflexion über den Wunsch, sich zu verwandeln, sich Grenzen zu entziehen, sich in Bewegung zu imaginieren. Der Traum vom Fliegen wird zum Bild für das Menschlichste überhaupt: das Begehren nach Veränderung. Eine andere Art der spekulativen Bewegung unternimmt François Chaignaud mit „Último Helecho“. Gemeinsam mit Regisseurin Nina Laisné, Sängerin Nadia Larcher und einem Musikensemble entfaltet er ein choreografisch-musikalisches Ritual zwischen Barock und argentinischer Folklore. Sybillen und Zambas, Mythen und Migrationsgeschichten verdichten sich zu einer neuen, queeren, widerspenstigen Erzählung. Hier wird Erinnerung nicht rekonstruiert, sondern neu zusammengesetzt. Eine Utopie, die tanzt.
Am Ende bleibt Bewegung. Nicht als Parole, sondern als Praxis: tastend, suchend und manchmal vielleicht etwas unbeholfen. Denn Tanz denkt nicht voraus, er riskiert. Er hält Vergangenes nicht fest, sondern setzt es in Relation zur Gegenwart. Vielleicht beginnt die Zukunft genau dort – wo ein Körper zögert, bevor er losgeht. Wo etwas in Bewegung gerät, ohne zu wissen, wohin. Und trotzdem nicht stehen bleibt.
