Nina Hoss, Foto: ©Judith Kaufmann

Interview

Haltlos

| Pamela Jahn |
Nina Hoss muss niemandem etwas beweisen. Trotzdem stürzt sie sich in jede Rolle, als hänge ihr Leben daran. In Ina Weisses „Zikaden“ spielt sie die Tochter eines Architekten, die mit ihren pflegebedürftigen Eltern überfordert ist.

Ihr Blick verrät alles: innere Anspannung, Sorgen, Ungewissheit. Als Isabell langsam auf die Einfahrt zum Landhaus einbiegt, seufzt sie. Auch Schwermut, Angst und Überforderung machen sich breit. Im Auto vor ihr sitzen die Eltern mit dem Pfleger. Im Kofferraum liegt der Rollstuhl, den ihr Vater, einst ein erfolgreicher Architekt, seit dem Schlaganfall benötigt. Isabell weiß, dass sie es kaum mehr allein schafft, für die beiden zu sorgen. Ohne Hilfe von außen geht es nicht mehr. 

Pflichtbewusst setzt die Tochter den inneren Motor in Gang, schiebt die eigene Überbelastung beiseite und tut, was sie kann. Dass ihre Beziehung schon länger unter der schwierigen Situation leidet, merkt sie erst, als ihr Mann Philipp (Vincent Macaigne) sie am Flughafen einfach stehen lässt. Er hat genug, will sein Leben nicht mehr auf das ihrer Eltern ausrichten. Wütend läuft er davon. Und wieder lässt sich das gewaltige Gefühlschaos, das Isabell in dem Moment durchlebt, in ihrem Gesicht ablesen. Nina Hoss muss nichts sagen. Sie beherrscht das emotionale Vokabular ihrer Figur perfekt.

Noch klarer zeigt sich in der Begegnung mit Anja (Saskia Rosendahl), wie nah der Schauspielerin diese vom Lauf der Dinge erschütterte Frau in der Krise geht. Als Isabell auf die junge, alleinerziehende Mutter trifft, die im Alltag gerade so über die Runden kommt, ist sie zugleich fasziniert und verstört von Anjas Direktheit und der Unerschrockenheit, mit der sie ihr Leben meistert, dass sich in erster Linie um ihre kleine Tochter Greta dreht. Die zarte Verbindung, die zwischen den beiden entsteht, ist das Herzstück von Ina Weisses Film. Unentschlossen und verloren sind sie jeweils auf der Suche nach ein bisschen Ruhe und Geborgenheit. In der seltsamen Mischung aus unmittelbarer Vertrautheit und Skepsis gärt eine Sehnsucht nach dem Fremden, die aber immer geschützt bleiben will, in einem Gefühl von Sicherheit und von Heimat.


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Für Nina Hoss ist Isabell eine willkommene Herausforderung. Die 1975 geborene Stuttgarterin ist eine der wenigen auch international erfolgreichen Schauspielerinnen Deutschlands im Film wie am Theater, ausgezeichnet mit unzähligen Preisen, 2013 hat man ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen. Berühmt wurde Hoss, die unlängst an der Seite von Cate Blanchett in Todd Fields Tár brillierte, 1996 mit ihrem beeindruckenden Auftritt in Bernd Eichingers Das Mädchen Rosemarie. Eine atemberaubende Karriere war die Folge, in der Hoss mit Regisseuren wie Christian Petzold, Thomas Arslan, Anton Corbijn und Volker Schlöndorff zusammenarbeitete. Ihr eigener Vater Willi Hoss war einer der Mitgründer der Grünen. Auch diese Erfahrung spielt in die Darstellung ihrer Protagonistin in Weisses Film mit hinein. Man spürt in jeder Szene, dass Isabell mehr für Hoss bedeutet als lediglich ein weiteres Engagement. Im Interview erklärt sie, was für sie persönlich hinter dieser eigenwilligen Figur steckt. 

Frau Hoss, mit welchem Gefühl sind Sie an die Rolle der Isabell heran gegangen?
Nina Hoss: Für mich ist das Besondere an diesem Projekt, dass der Film wie in einer fließenden Bewegung entstanden ist. Nicht wie sonst üblich: Ich lese ein Drehbuch und wenn es mir gefällt, sage ich zu. Ina Weisse und ich sind nach unserer ersten gemeinsamen Zusammenarbeit bei Das Vorspiel sehr eng in Kontakt geblieben. Ich wusste, woran sie arbeitet, worüber sie gerade nachdenkt. Dazu gehörten oft auch Gespräche über Privates, die alternden Eltern und was der einfache Umgang mit ihnen manchmal an Überforderungen mit sich bringt. Plötzlich glaubt man, sein eigenes Leben nicht mehr im Griff zu haben. Auf einmal kommt alles zusammen. Aus diesem Gefühl heraus hat Ina die Geschichte entwickelt. Deshalb war mir Isabell schon von vornherein sehr nah.

Ein wesentlicher Aspekt im Film ist Isabells schwieriges Verhältnis zu Ihrem Vater. Wieso hat sich zwischen den beiden über die Jahre so eine Mauer aufgebaut?
Sein Einfluss auf die Tochter ist bis ins Alter enorm. Isabell sagt es selbst an einer Stelle: „Er hat immer noch so eine Macht.“ Dabei ist er eigentlich längst vollkommen hilflos. Er ist derjenige, der Pflege bedarf. Es ist schon seltsam. Aber das Schöne in Isabells Fall ist, dass sie dadurch nicht verhärtet. Sie ist nur ein bisschen haltlos. Oder anders gesagt: Sie weiß nicht mehr genau, wer sie selbst eigentlich ist. Als junge Frau wollte sie viel, wollte wie der Vater Architektin werden, aber stand sich selbst im Weg oder hat die Krankheit des Vaters auch vorgeschoben, als Grund, dass es nicht geklappt hat. Sie ist bis hierin an ihren Ansprüchen gescheitert und muss sich dem unter anderem nun auch stellen.

Warum ist es so schwer für Isabell, sich von diesen selbstzerstörerischen Gedanken zu befreien?
In dem Moment, in dem wir sie erleben, ist sie emotional überfordert mit der Situation. Man spürt es. Wenn jetzt auch noch ihrer Mutter etwas zustoßen würde, wäre das die totale Katastrophe. Dann würde das Kartenhaus komplett zusammenfallen. Und von dieser Fragilität des Lebens erzählt der Film. Auch davon, dass man eigentlich keine Kontrolle über sein Schicksal hat. Es kommt, wie es kommt. Aber sich selbst zu vertrauen, egal wie groß das Chaos um einen herum zu sein scheint, ist etwas, das man eben oft auch erst aus diesen Erfahrungen lernt und durch die Begegnungen mit neuen Menschen, wie zum Beispiel hier Anja.

Wie sehr bohrt dieses Gefühl, den Ansprüchen der Eltern nicht zu genügen, auch ihn Ihnen?
Glücklicherweise gar nicht. Das unterscheidet mich wesentlich von Isabell. Ich habe zuhause nie eine Erwartungshaltung gespürt. Ich musste mich nicht abarbeiten an meinen Eltern oder an der Beziehung zwischen uns. Gleichzeitig kann ich diesen inneren Kampf und die Unsicherheit, die damit einhergeht, absolut nachvollziehen.

Hat Ihnen die Freiheit innerhalb Ihrer Familie dabei geholfen, diese enorme Unerschrockenheit beim Spielen zu entwickeln, die Sie seit je her sowohl auf der Bühne als auch vor der Kamera ausstrahlen?
Das weiß ich nicht, aber danke dafür. Was mir das Vertrauen meiner Eltern in mich geschenkt hat, ist die Lust Risiken einzugehen.

Als wie mutig würden Sie sich bei der Rollenwahl selbst einschätzen?
Wenn man nichts riskiert, kommt man nicht weiter. Dann lernt man nichts über sich selbst, nichts über das Leben. Aber genau deshalb habe ich diesen Beruf ja überhaupt erst gewählt. Weil ich nicht will, dass es irgendwann aufhört, dass ich mir die Möglichkeit entgehen lasse, Reizvolles und Aufregendes zu entdecken und weiter zu lernen. Der Mensch ist so unwahrscheinlich vielschichtig und kompliziert, das wird eine für mich ewige Reise sein.

Was verbindet Isabell und Anja, zwei Frauen, deren Lebensentwürfe auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten?
Die Sehnsucht. Beide wünschen sich jeweils ein Stück von dem, was die andere hat. 

In einer Szene sagt Anja zu Isabell: „Du bist schön.“ Ein kleiner Satz, der viel in sich verbirgt.
Ja, und er kommt so herrlich unerwartet. Gleichzeitig trifft er einen Nerv. Denn Isabell empfindet sich nicht mehr als attraktiv. In diesem Moment schon gar nicht. Und dadurch öffnet sich etwas in ihr. Das ist das Faszinierende an Anja, wie sie unterschwellig und zart immer wieder kleine Grenzen überschreitet. Damit kann Isabell manchmal schwer umgehen; gleichzeitig lässt sie sich darauf ein. Daraus ergibt sich ein Tanz zwischen den zwei Figuren. Ein Annähern und Abtasten.

Die Geschichte oszilliert zwischen so zentralen Gefühlen wie Stolz, Schuld und Scham. Kann es den beiden Frauen gelingen, diesem Kreislauf zu entkommen, in dem sie gefangen sind?
Anja vielleicht eher, weil sie einen gewissen Biss hat, so wie sie dem Leben begegnet. Sie ist kraftvoller, konfrontativer. Das hat sie mit Anna gemein, der Geigenlehrerin in Das Vorspiel. Und Isabell spürt zwar durch die Begegnung mit Anja, dass man der Scham auch anders begegnen kann. Aber sie arbeitet sich auf ihre Weise durch die Probleme. Sie ist niemand, die frontal in den Konflikt geht.

Im Gegenteil. Sie ist ein Mensch, der Halt sucht.
Sie sucht Halt, aber sie weiß sich, wenn es darauf ankommt, ja durchaus auch durchzuschlagen. Sie ist nur gerade an einem Punkt, wo ihr ein bisschen zu viel abverlangt wird und sie nicht ganz hinterher kommt. Anja gibt ihr dahingehend Kraft.

Im Film spielen Sie an der Seite von Ina Weisses Eltern. Gab es am Anfang Berührungsängste?
Nicht wirklich, weil ich beide sehr mag. Es war ein besonderes Miteinander, das die drei durch die gemeinsame Arbeit an dem Projekt erlebt haben. Alle waren Feuer und Flamme. Darüber hinaus war es für mich als Schauspielerin spannend, weil die Szenen mit den Eltern den Ton für den Film insgesamt gesetzt haben. Man kann in dem Moment nur annehmen, was da vom Gegenüber kommt. Das erfordert beim Spielen eine andere Art von Flexibilität.

 „Das Vorspiel“ war ein sehr harter, düsterer Film. „Zikaden“ wirkt um einiges weicher, trotz der besagten Reibungsflächen. Welchen Einfluss hat die Stimmung auf Ihre schauspielerische Auseinandersetzung mit der jeweiligen Figur?
Wir haben viel darüber geredet, Ina und ich. Sie wusste, dass ich große Lust auf diese Figur hatte. Es hat zum Teil auch damit zu tun, wo ich selbst gerade stehe in meinem Beruf. Mir ist wichtig, dass man sich nichts versagt, sondern den Dingen bedingungslos nachgeht, ohne Netz oder doppelten Boden. Dass man den Mut hat, etwas auszuprobieren, obwohl man vielleicht nicht immer genau weiß, wo diese Reise hingeht. Ina hat das ähnlich empfunden. Dadurch war schon von vornherein klar: Das wird eine andere Zusammenarbeit. 

Würden Sie sagen, es ist eine Freundschaft, die zwischen Isabell und Anja entsteht? Oder ist es ein Pakt zwischen Komplizinnen?
Eine gewisse Komplizenschaft spielt sicher mit hinein. Aber ich will die Beziehung gar nicht so genau analysieren. Jeder kann für sich selbst entscheiden, was da passiert. Und jeder versteht es auch anders. Das Schöne ist, dass unglaublich viel offen bleibt und die Geschichte nach dem Abspann weitergeht. 

Man spricht im Kino heute gerne von starken Frauenfiguren. Gehören die beiden für Sie ebenfalls in diese Kategorie?
Ja, aber ohne, dass ich Ihnen diesen Stempel aufdrücken würde. Natürlich ist es toll, dass es jetzt zunehmend Drehbücher gibt, in denen Frauen mehr sind als nur Ehegattinnen, Geliebte und überzeichnete Superwomen oder Hysterikerinnen. Es lässt sich zunehmend eine Diversität in den Rollen erkennen. Auch in der Erzählweise, wie Frauen von sich selbst erzählen, in ihrer ganzen Komplexität und Ambivalenz. Ina war darin schon immer eine Meisterin.

Woran liegt das?
Man fühlt sich ernst genommen in den Figuren, die sie schreibt, weil sie unkonventionell sind, ohne mit dem Holzhammer draufzuhauen, sondern zunächst einmal überraschend einfach und unspektakulär daherkommen. Als Frau erkennt man sich total in dieser Verschrobenheit, dem Erwartungsdruck und allem, was sonst noch im Inneren der Figuren vor sich geht. Für mich hat es etwas unheimlich Befreiendes.