Das 59. Karlovy Vary Filmfestival zeigte mehrere Produktionen, die sich mit Missbrauch, Gewalterfahrungen und Repressionen auseinandersetzen.
Leila wird gejagt wie ein Wild. Die Taliban dulden nicht, dass eine Frau ohne männliche Begleitung das Haus verlässt, noch nicht einmal, wenn sie ihren Körper unter einer Burka verhüllt. Aber die mutige junge Mutter kann nichts in der Welt abhalten, ihren siebenjährigen Sohn Omid zu suchen, den sie nach einem Massaker aus den Augen verloren hat. Da in Afghanistan Lebensgefahr droht, wer sich nicht an die Gesetze der Fundamentalisten hält, schneidet die Überlebende ihre Haare ab und macht sich daraus einen Bart, um als Mann durch das verwüstete Land zu ziehen.
In seinem Beitrag Cinema Jazireh, einem der besten, den das 59. Filmfestival im tschechischen Karlovy Vary im Internationalen Wettbewerb um den Kristallglobus zeigte, koproduziert mit dem Iran, Bulgarien und Rumänien, erzählt der türkische Regisseur Gözde Kural von Unterdrückung und unfreiwilligen Identitätswechseln. Geschickt verzahnt er dabei die Geschichte der verzweifelten Nomadin mit der eines kleinen Jungen namens Azad, der als Waise bei einer Männergruppe aufwächst, die im Verborgenen verbotene Unterhaltungsshows für homosexuelle Männer arrangiert. Die älteren unter ihnen werden von den Zuhältern für sexuelle Dienste ausgebeutet und müssen sich jeden Tag mit einer Pipette die kostbaren Barthaare, ohne die ein Mann in Afghanistan nicht als richtiger Mann gilt, einzeln ausreißen, um der gewünschten femininen Erscheinung der Freier zu entsprechen.
Zwar dürfen die Jungen in dem titelgebenden Cinema heimlich Musik hören oder Filme schauen, aber letztlich herrscht auch in dieser Gruppe ein Regime der Angst. Sehr hautnah und bedrückend mit subtilen Andeutungen schildert Kural auf allen Ebenen das Klima der Angst, die permanenten Gefahren, denen sich die Figuren ausgesetzt sehen, unter dem vor allem die entwurzelten Kinder leiden. Dass er bei der Preisverleihung leer ausging, lässt sich von daher schwer fassen.
Überhaupt widmete sich dieser 59. Festivaljahrgang, ein Jahr vor dem runden Jubiläum, verstärkt den Nöten und Traumata von Kindern und Jugendlichen.
Ein herausragender Beitrag, den die Jury leider lediglich mit einer besonderen Erwähnung für die 13-jährige Hauptdarstellerin Kateřina Falbrová honorierte, kam dazu aus Tschechien: Broken Voices begibt sich nach einer wahren Geschichte mitten hinein in den Mikrokosmos eines renommierten Prager Mädchenchors. Mit sublimem psychologischen Gespür porträtiert Ondrej Provazník seine jugendliche Heldin Karolína in ihrer Zerrissenheit zwischen großem Respekt für den charismatischen Chorleiter, der ihren Stolz weckt, indem er ihr schmeichelt und anderen Mitsängerinnen vorzieht, mit Zuckerbrot und Peitsche aber auch Angst einflößt und ihre Scham weckt angesichts seiner zunehmenden Annäherungsversuche.
Es ist also keine gewöhnliche Erzählung um sexuelle Übergriffe und deren Aufarbeitung, sondern ein unbequemer Film, der in seiner Komplexität spannende Ansätze liefert, warum in dem realen Fall der „Bambini di Praga“ Mädchen bis zuletzt zu ihrem Chorleiter Bohumil Kulinsky hielten, der 2008 wegen sexuellen Missbrauchs von 49 Teenagern zu einer fünfeinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Bei alledem verpflichtet sich das Drama einem künstlerisch hohen Anspruch in der Weise, wie der Regisseur der Musik viel Raum gibt und mit Kateřina Falbrová sowie dem Prager Kühn-Kinderchor hochbegabte Talente mit außergewöhnlich schönen Stimmen vor der Kamera versammelt.
In dem iranischen Film Bidad (Großer Preis der Jury) von Soheil Beiraghi steht ebenfalls eine junge Frau mit einer besonders schönen Singstimme im Zentrum. Zu ihrem Leidwesen dürfen jedoch Frauen im Iran nicht im öffentlichen Raum singen. Aber von diesem Gebot lässt sich Seti nicht abhalten, die zunächst im Verborgenen in Häusereingängen singt, zunehmend dann auch auf offener Straße vor einem größeren Publikum, das sie bewundert und solidarisch zu ihr hält, aber nicht verhindern kann, dass Seti schließlich ins Gefängnis kommt. Am Ende wird auch ihre Stimme zerbrochen sein.
Und noch ein weiteres Drama erzählt mit einer starken jungen Frau im Zentrum von den langen Nachwirkungen eines veritablen Alptraums: Gaia, eine Archäologie-Studentin fällt nach der Vergewaltigung durch ihren Freund in eine tiefe lähmende Depression, die sie erst nach langer Zeit, unterstützt von einer mitfühlenden Dozentin und ihrem Vater (Darstellerpreis für Àlex Brendemühl), halbwegs überwindet. Ohne Anflüge von Voyeurismus, inspiriert von zahlreichen realen ähnlichen Fällen und ganz allein in intensiven Gesprächen à la Ingmar Bergman widmet sich der spanische Beitrag When a River Becomes a Sea seinem Thema über eine lange Laufzeit von drei Stunden.
Schicksalsschläge ganz anderer Art erleiden zwei kleine Kinder in Frankreich: Der siebenjährige Gaspard und seine jüngere Schwester Margaud wachen eines morgens ohne ihre Mutter auf, in einer fremden Wohnung bei ihrer Tante, die sie kaum kennen, und die ihrerseits erst einmal mit dem Schock fertig werden muss, über Nacht in eine elterliche Verantwortung zu schliddern. Denn die Mutter, das ahnt man bald, wird nicht wiederkommen. Von ihr findet sich keine Spur, und dies nicht im Zuge eines Verbrechens, sondern weil sie entschlossen hat, ohne die Kinder weiterzuleben. Welche Motive sie gehabt haben mag, drei Menschen in eine derart brutale Situation zu katapultieren, deutet Out of Love (geteilter Regiepreis mit dem spröden, ereignislosen tschechischen Beitrag The Visitor) zwischen den Zeilen nur an. Sie ändern wenig an dem schmerzreichen, gravierenden Einschnitt in zwei noch jungen Leben, Regisseur Nathan Ambrosioni fängt ihn mit großer Zärtlichkeit für seine Figuren realitätsnah ein.
Alle diese Beiträge hatte man jedenfalls auf dem Schirm, als es um die Verleihung der Preise ging. Aber wie schon so manches Mal kam es dann doch ganz anders. Dass allerdings ausgerechnet der schwächste unter den drei tschechischen Beiträgen den Kristallglobus für den besten Film gewann, erstaunt doch sehr: Better go Mad in the Wild ist eine ereignislose, pseudo-philosophisch angehauchte Studie um zwei alte Zausel, die sich als Aussteiger aufs Land zurückziehen, und bedient sich künstlich aufgesetzter skurriler Elemente wie zum Beispiel sprechenden Tieren. Die beiden Protagonisten sollen wohl mit ihren urwüchsigen Gestalten und langen, zu Zöpfen geflochtenen Bärten besonders originell erscheinen. Nicht, dass sich mit zwei kauzigen Typen kein anspruchsvolles Szenario entwickeln lassen würde, denkt man nur an Wladimir und Estragon in dem Schauspiel „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett. Mit solchen literarischen Qualitäten kann der Film jedoch nicht mithalten, erscheint das Geplauder der beiden Brüder doch zu belanglos.
Alles in allem aber hat sich Karlovy Vary einmal mehr neben den größeren Festivals in Cannes, Venedig und Berlin achtbar behauptet.
Nur dass in dem beliebten Kurort keine preisgekrönten Regiegrößen ihre Werke im Wettbewerb präsentieren, dafür aber solche, die das Potenzial besitzen, in diese Liga aufzusteigen. Gözde Kural, Ondrej Provazník, Soheil Beiraghi und Nathan Ambrosioni, die jeder für sich schon eine eigene ansprechende Handschrift ausgeprägt haben, zählen dazu.
