Energiegeladenes Spielfilmdebüt
Platz da, hier kommt Liane (Malou Khebizi). Laut, schrill und ohne Rücksicht auf Verluste stapft die junge Frau im ultraknappen Mini auf ihren geliebten Glitzer-Stilettos durch die Welt. In der französischen Provinz, wo die Neunzehnjährige mit ihrer Mutter und der kleinen Schwester in spärlichen Verhältnissen lebt, ist sie nicht viel. Aber sie ist ein Hingucker. Wild. Sexy. Verführerisch. Ihr Ehrgeiz und Einfallsreichtum haben es möglich gemacht.
Mehrmals täglich dreht sich Liane vor dem Spiegel, buhlt mit ihren aufgespritzten Lippen, den falschen Wimpern, angeklebten Fingernägeln und prallen Silikonbrüsten um Anerkennung auf TikTok und Instagram. Doch die Teen-Influencer-Queen will mehr. Schon lange träumt sie von einer Karriere als echter Superstar. Ein Vorsprechen für die Reality-TV-Show „Magical Island“ soll ihr Schicksal ein für alle Mal wenden. Als sie im knappen Bikini vor den Produzenten posiert, scheint ihr Traum endlich in Erfüllung zu gehen. Aber dann bleibt der alles entscheidende Rückruf aus – und Liane wird nervös.
„Nur schöne Menschen haben Erfolg“, platzt es einmal förmlich aus der jungen Frau heraus. In dem Moment ahnt sie bereits, dass ihr selbst der langersehnte Ruhm vielleicht versagt bleibt. Trotzdem will sie die Hoffnung nicht aufgeben. Sie will raus aus ihrem Alltag voller Aggression, falscher Freunde und schlecht bezahlter Jobs. Auch weg von der Mutter mit der sie einzig ihre geballte Wut aufs Leben am Existenzminimum teilt.
Ähnlich wie ihre Protagonistin setzt Agathe Reidinger in ihrem hochemotionalen, beeindruckenden Spielfilmdebüt alles auf eine Karte. Die Kamera kreist um Liane wie ein Raubtier um seine Beute, Nebenfiguren und -handlungen treten bewusst in den Hintergrund. Gleichzeitig wirken die Bilder trotz des schmalen Plots oftmals überladen, geradezu penetrant, immer ein bisschen zu bunt, immer ein bisschen zu intensiv. Reidinger teilt Lianes bekennende Liebe zum Extremen. Ihr Film ist ein visuelles Feuerwerk im flackernden Insta-Design mit neonbeleuchteten Nachtclubs und dem schäbigen Charme abgewrackter Einkaufszentren.
Das Befremdliche, nicht Greifbare an Liane ist jedoch, was den Reiz an Diamant brut ausmacht. Mit bedingungsloser Hingabe spielt Malou Khebizi eine zerbrechliche Teenagerin, die sich in der Pubertät ein selbstbewusstes, hyperfeminines Ich zugelegt hat, emotional aber so unschuldig und unreif agiert wie ein Kind. Anhand der schmerzlichen Zerrissenheit ihrer Hauptfigur erzählt Riedinger derweil nicht wertend und sensibel von dem Druck, unter dem Mädchen wie Liane im Zeitalter der sozialen Medien stehen, wo sie von allen Seiten hypersexualisiert werden und darüber leicht den Bezug zur Realität verlieren.
