Persönliche Erinnerungen an den Staatsstreich in der Türkei 1980
Die Kamera gleitet über den nackten Körper des Protagonisten Abidin Ertug˘rul. Sie tastet ihn ab wie der Blick von Nathalie Borgers, der nach den Narben sucht, die der Putsch auf ihrem Mann hinterlassen hat.
So beginnt Borgers Dokumentarfilm Narben eines Putsches. Im Mittelpunkt steht die Geschichte Ertug˘ruls, der nach dem Machtwechsel 1980 aus der Türkei fliehen musste, um der politischen Verfolgung zu entgehen. Am 4. Jänner 1981 kam er in Wien an.
Nach dem Militärputsch 1971 prägte politische Unsicherheit die Türkei. An einem Samstag im Jahr 1976 fuhr Abidin Ertug˘rul mit dem Bus zur Universität von Ankara, als ihn Unbekannte stoppten und die Passagiere auf die Straße trieben. Die Bewaffneten waren Faschisten und der damals 22-Jährige zählte als Studentenvertreter zu den Personen, die sie suchten. Ertug˘rul wurde von mehreren Kugeln getroffen, seine Hand konnte er monatelang nicht bewegen, doch entschied er sich im Land zu bleiben.
Am 12. September 1980 putschte das Militär in der Türkei unter der Führung von Kenan Evren erneut und vernichtete den für viele seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs anhaltenden Traum der Demokratie. Das Regime nahm in den folgenden Monaten zehntausende Menschen fest, es war der Anfang einer Repressionswelle gegen Linke und Oppositionelle.
Regisseurin Borgers spricht mit ihrem Mann sowie mit dessen Weggefährten und Familienmitgliedern. Den Prozess des Erinnerns leitet sie durch Fotos ein und diese Motive führen auch den Zuschauer durch den Film. Natalie Borgers, geboren 1964 in Brüssel, studierte an der National Academy of Television Arts and Sciences in den USA. Für ihre Arbeit erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem für ihren Dokumentarfilm Truth Under Siege, den sie während des Jugoslawien-Kriegs drehte.
Die meist hochemotionalen Szenen zeigen, wie hart die Politik damals in das private Leben der türkischen Bevölkerung eingriff. Die Mutter eines ehemals Inhaftierten erzählt, von ihrer tiefen Verbindung zu jenen Frauen, mit denen sie acht Jahre lang jede Woche vor den Toren des Mamak-Gefängnisses wartete, um ihren Sohn zu besuchen: „Wir wurden Schwestern. Wir wurden Familie. Vielleicht sogar mehr als das.“
Auf dem Campus der Universität in Ankara malten Studenten im Jahr 1971 das türkische Wort „Devrim“. Übersetzt bedeutet es „Revolution“. Wie auch die Narben auf Ertug˘ruls Körper erinnert dieses Wort daran, dass der Kampf nicht verloren ist, solange die Hoffnung lebt. Und Narben eines Putsches hilft diese zu konservieren.
