One Battle After Another

One Battle After Another

Im Rausch der Macht

| Jörg Schiffauer |
Mit „One Battle After Another“ wirft Paul Thomas Anderson einen dystopischen Blick auf eine Zeit des Aufruhrs.

Ein Land befindet sich im Unruhezustand. Schwer bewaffnete Polizisten, die sich, was Uniformierung und Bewaffnung angeht, kaum noch von militärischen Einheiten unterscheiden, gehören schon längst zum Alltagsbild. Das Vorgehen der Ordnungshüter kann man in einem Wort zusammenfassen: brachial. Ob sich der Einsatz gegen Menschen richtet, die sich vermeintlich oder tatsächlich illegal im Land aufhalten, deren Unterstützer oder wirkliche Kriminelle scheint keinen Unterschied zu machen. Doch dabei regt sich naturgemäß auch Widerstand. Insbesondere eine Gruppe von Aktivisten und Aktivistinnen, die sich „French 75“ nennt, belässt es nicht mehr bei Protestaktionen friedlicher Natur. Neben Bombenanschlägen – bei denen man sich allerdings versichert, dass die ausgewählten Gebäude verlassen sind und niemand zu Schaden kommt – und Banküberfällen plant die Gruppe eine konzertierte Aktion, bei der eines jener Lager gestürmt wird, in dem illegal über die Grenze gekommenen Menschen inhaftiert sind. Die Befreiung der Häftlinge wird ein spektakulärer Erfolg, doch damit macht man sich den völlig überrumpelte Kommandanten des Lagers, Oberst Steven Lockjaw (Sean Penn), ein geradezu prototypischer Kommisskopf, zum Erzfeind. Dessen Chance, Rache zu üben, kommt schneller als gedacht. Denn nach einem missglückten Bankraub wird eine der festgenommenen Aktivistinnen aus den Reihen der „French 75“ zur Verräterin. Worauf die Staatsmacht mit aller Härte zuschlägt. Zu den wenigen Mitgliedern, denen es zu entkommen gelingt, gehört der Sprengstoffspezialist Bob Ferguson (Leonardo DiCaprio), der mit seiner kleinen Tochter untertaucht. 

Sechzehn Jahre später lebt Ferguson in größtmöglicher Anonymität, die Zeit in seinem etwas abgelegenen Haus vertreibt er sich durch den Konsum von Marihuana. Obwohl sich das Land immer noch – oder schon wieder – im selben konfrontativen Erregungszustand befindet wie zum Zeitpunkt, als Ferguson untertauchte, hat er seine revolutionären Tätigkeiten eingestellt. Seine Tochter Willa, mittlerweile im Teenager-Alter, arrangiert sich weitgehend mit den ein wenig paranoiden Verhaltensmaßregeln ihres Vaters. Doch dann holt Ferguson seine Vergangenheit mit einem Schlag wieder ein – und die Rückkehr zum bewaffneten Kampf scheint das einzige Mittel zu sein, um sich und vor allem seine Tochter zu schützen. 

Eines muss man Paul Thomas Anderson zweifelsfrei konzedieren: Obwohl die Dreharbeiten zu One Battle After Another bereits 2024 stattgefunden haben, hat er in seiner neuen Regiearbeit die aufgeheizte Stimmung, die sich in den Vereinigten Staaten seit dem Amtsantritt von Donald Trump im Jänner diesen Jahres quasi im Wochentakt zu steigern scheint, mit geradezu prophetisch anmutender Präzision diagnostiziert. Dinge, die man im „Land of the Free“ noch vor kurzer Zeit für nicht möglich gehalten hätte – wie eine überbordende Präsenz von Militär und Polizei im Herzen von Großstädten, die vor allem als Machtdemonstration dient – zählen zu den konstituierenden Elementen von One Battle After Another.

Wobei Anderson es in seiner Inszenierung  mit Zuordnungen nicht ganz so einfach macht. Zwar finden sich recht eindeutige Verweise, wie die von Trump so gerne apostrophierte Mauer – die eigentlich ein etwas überdimensionierter Zaun ist – an der Grenze zu Mexiko, doch ansonsten bleiben Etikettierungen eher vage. Schon die zeitliche Eingrenzung lässt Spielraum offen. Das von Paul Thomas Anderson verfasste Drehbuch beruht, allerdings sehr lose, auf dem Roman „Vineland“ von Thomas Pynchon, der seine Geschichte im Jahr 1984, also inmitten der Präsidentschaft von Ronald Reagan angesiedelt hat. Die im Mittelpunkt von One Battle After Another stehende Gruppe „French 75“ erinnert von ihrem Auftreten vielmehr an militante Organisationen wie die Weathermen, die ihre Wurzeln in der Gegenkultur der sechziger Jahre hatten. Obwohl das Umfeld, in dem die Gruppe agiert – ebenso wie das nach dem erzählerischen Zeitsprung von 16 Jahren – auf das gegenwärtige Amerika hindeutet, lässt Anderson genügend Raum, um One Battle After Another auch als universell gültige Dystopie in Sachen politischer Tyrannei auszulegen. 

Wobei Anderson kein politisches Pamphlet in Szene setzt: Plakative Frontalangriffe sind nicht der Stil eines der prononciertesten Auteurs, die man im gegenwärtigen Kino finden kann. Anderson entscheidet sich für eine narrative Strategie, die zunächst ein wenig überrascht. Denn von Anfang an dominiert ein rasantes, stetig hochgehaltenes Erzähltempo den Duktus von One Battle After Another. Für den Zuschauer bleibt ähnlich wie für Protagonist Bob Ferguson kaum ein Moment, um durchzuatmen. Der Ex-Revolutionär, der gezwungenermaßen wieder in den bewaffneten Kampf ziehen muss, scheint sich dabei permanent im Flucht- oder Angriffsmodus zu befinden. Die Hektik, die in One Battle After Another zum Dauerzustand gerät, spiegelt ein wenig jene gesellschaftliche Atmosphäre wider, die durch das Einwirken disruptiver Politik generiert wird. 

Entlang des Handlungsstrangs von Bob Fergusons Auseinandersetzung mit den Behörden entwirft Anderson eine Vielzahl an Charakteren und Episoden, die mosaikartig das Stimmungsbild eines Landes zeichnet, in dem Unruhe und Konfrontation beinahe zum Normalzustand geworden sind. Obwohl die Auseinandersetzungen mit zunehmender Härte geführt werden – die Inszenierung findet da recht drastische Bilder – begegnet Anderson dem Ganzen zunehmend mit bissiger Ironie. Ob weiße Suprematisten, die hinter den Kulissen die Fäden ziehen oder Revolutionäre mit einem Überhang zur pedantischen Bürokratie – vor dem treffsicheren Spott eines Paul Thomas Anderson bleibt niemand verschont.

Ganz so treffsicher wie etwa in Boogie Nights, in dem Anderson mit besagter Mosaikstruktur auf kongeniale Weise anhand des Mikrokosmos des „Porn Chic“ den gesellschaftlichen Wandel mit dem Übergang von den siebziger zu den achtziger Jahren wiederspiegelt, ist ihm die Sache nicht gelungen.

Das mag ein wenig erstaunlich erscheinen für einen Regisseur, der wie kaum ein anderer höchst unterschiedliche Tonalitäten beherrscht, um ungemein dichte filmischen Erzählungen in Szene zu setzen. Dabei findet man etwa die Geschichte des Aufstiegs eines Ölbarons zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Tradition des Naturalismus (There Will Be Blood), eine im wahrsten Sinn des Wortes toxische Beziehung als melodramatisches Period Piece (Phantom Thread) oder eine Krimikomödie, die im Kalifornien der Flower-Power-Ära angesiedelt ist (Inherent Vice, ebenfalls nach einem Roman von Thomas Pynchon).

Nuancierte Milieu-Zeichnungen, wie sie in den erwähnten Filmen vorherrschen, fallen in One Battle After Another allein dem hohen Erzähltempo zum Opfer. Doch vielleicht ist eine Periode heftigen Aufruhrs nicht der richtige Zeitpunkt für die ganz feine Klinge. Grimmiger Humor – und davon hält Paul Thomas Anderson in seiner neuen Regiearbeit jede Menge bereit –, scheint die Waffe der Wahl zu sein, angesichts einer Politik, die einen Songtitel wieder einmal aktuell erscheinen lässt: „The Lunatics Have Taken Over the Asylum“.