Guillermo del Toros „Frankenstein“-Verfilmung ist eine tiefe Verbeugung vor dem Originaltext und ein romantisches Trauerspiel über die ewige menschliche Fehlbarkeit.
Er liebt seine Monster, schon immer. „Monster sind für mich wie heidnische Heilige der Unvollkommenheit“, sagt Guillermo del Toro mit strahlenden Augen und einem jungenhaften Lächeln. Gerade hat er in Venedig seine Neuinterpretation von Mary Shelleys Roman-Klassiker „Frankenstein“ präsentiert. Dass mythische Wesen und gruselige Kreaturen die Fähigkeit besitzen, den Menschen ihre Angst vor den tiefsten Abgründen des Menschseins zu nehmen, hat der mexikanische Regisseur bereits früh verstanden. Damals war er noch ein Kind, streng katholisch erzogen und verwirrt, bis er Boris Karloff mit vernarbtem Gesicht und Bolzen im Hals in der Verfilmung von James Whale sah – eine Offenbarung, von der del Toro bis heute bei jeder Gelegenheit gerne berichtet. Karloffs andächtige Aura, erklärt er weiter, habe sein Kino nachdrücklich geprägt. Seitdem kreiert der mittlerweile 60-Jährige in seinen Filmen mit viel Liebe zum Detail immer wieder eigene fabelhafte Geschöpfe, wie im düsteren Fantasy-Abenteuer Pan’s Labyrinth (2006) oder seinem Oscar-Gewinner The Shape of Water (2017). Wesentlich für die einzigartige Ästhetik und Authentizität seiner Monstergeschichten ist dabei nicht zuletzt auch del Toros persönliche Faszination für Wissenschaft und Technik. Imposante, anmutige und oftmals exorbitante Bilderwelten zu erschaffen, fordert Neugier, Offenheit und Freude am Entdecken. Seine Version von „Frankenstein“ vereint beide Seelen in seiner Brust: die monsterverliebte und die des nerdigen Tüftlers. Die aufwändige Produktion wurde von Netflix unterstützt, ist mit ihrer prachtvollen Inszenierung aber eindeutig fürs Kino gedacht.
Ein entscheidender Faktor in der Umsetzung sei es für del Toro gewesen, dass sein Monster im Film nicht wie ein Unfallopfer wirkt: „Wir wollten ihm die Reinheit oder Durchsichtigkeit einer unschuldigen, fast neugeborenen Kreatur schenken“, sagt er bedächtig, „frei nach Descartes: ,Ich denke, also bin ich‘.“ Gespielt wird das Geschöpf von Jacob Elordi mit viel Verve und einem ungewohnten Hang zur Sentimentalität. Natürlich besteht auch sein Körper aus den Leichenteilen verstorbener Männer, doch seine Haut wirkt zarter; ein leichter Marmorschimmer lässt sie erstrahlen. Die ganze verwundbare Schönheit und Scham spiegelt sich auf dem nackten Rücken dieses Monsters wider, als ihm Elizabeth (Mia Goth), die Verlobte von Viktor Frankensteins Bruder, erstmals gegenübersteht. Anfangs bewegt sich Elordis Kreatur noch wie eine Marionette, später hat seine gewaltige Statur eine gewisse Grazie, der Tod der anderen steht ihm gut.
Die Ehrfurcht del Toros vor dem Ausgangsmaterial ist dem imposanten Epos eingeschrieben, er legt den Roman von Mary Shelley mit großer Ernsthaftigkeit aus. Vielleicht ist seine Interpretation bislang die buchgetreuste Adaption – und nicht nur in der Hinsicht noch überzeugender als Kenneth Branaghs Adaption Mary Shelley’s Frankenstein aus dem Jahr 1994, in der Robert De Niro die Rolle des Monsters übernahm. Das Wundervolle an del Toros Erzählung ist: Sie gibt dem kunstvoll selbstgebastelten Ungeheuer nicht nur ein Herz, sondern auch die Gelegenheit, seine Erfahrungen nach der Flucht aus Frankensteins Labor aus eigener Perspektive zu erinnern. In seinem tragischen Schicksal erscheint das ganze Ausmaß der ewigen Fehlbarkeit der Menschheit konkret, zeitgemäß und real.
Zunächst trägt jedoch Oscar Isaacs wissenschaftlicher Freigeist Victor Frankenstein seine Version der Geschehnisse vor: Früher wurde der begabte Junge vom strengen Vater (Charles Dance) misshandelt, was den Sohn schließlich dazu animierte, den renommierten Arzt in seiner Forschung übertreffen zu wollen. Doch sein gottloser Glaube, dass der Tod überwunden werden kann, macht ihn in der medizinischen Fachwelt von Edinburgh zum Außenseiter – bis es ihm tatsächlich gelingt, einen leblosen Körper mithilfe einer elektrischen Ladung wiederzuerwecken. Doch auf die Begeisterung folgt Ernüchterung: All seine Energie hat der brillante Forscher aufgewendet, er hat Alchemie und moderne Naturwissenschaft kombiniert und schließlich aus totem Stoff neues Leben erzeugt – nur dann kann er seiner Erfindung nicht in die Augen sehen. Die unvermittelt spürbare tiefe Verzweiflung der Kreatur über seine ungewollte Existenz bildet im Film einen scharfen Kontrast zur überbordenden Arroganz und Ambivalenz des Schöpfers.
Zwar steht auch in del Toros romantisiertem Trauerspiel die Frage im Zentrum, wer hier am Ende das wahre Monster ist. Dabei zeigt sich der Regisseur von vornherein parteiisch, nimmt sich ungleich viel Zeit für sein geplagtes Geschöpf und vernachlässigt dafür in der Charakterzeichnung so interessante Nebenfiguren wie Christoph Waltz als korrumpierter Finanzier und Mia Goth als dessen zartfühlende Nichte. Immer wenn er von dem zentralen Konflikt seiner Parabel über mächtige Väter und enttäuschte Söhne, Gier und Größenwahn, Sehnsucht und Enttäuschung abrückt, wird die Geschichte schwammig. Dabei ist gerade die Beziehung zwischen Elizabeth und dem Monster reizvoll, weil sie auf einfühlsame Weise das Bedürfnis beider nach Zuneigung illustriert und zugleich die Leere, wenn sie verweigert wird. Vor allem in diesen Momenten ist Elordis geheimnisvolle Kreatur kein plumper Klotz, sondern ein Wesen voller Eleganz, auch von einer gewissen Erotik. So gelingt es dem Schauspieler, seiner Figur selbst hinter der Maske und trotz des ständig aufbrausenden, aufdringlichen Scores von Alexandre Desplat immer wieder menschliche Züge zu verleihen.
Guillermo del Toros virtuose visuelle Bildsprache hilft dagegen so gut es geht über die narrativen Mängel hinweg. Viel Wert legte er auf die Schöpfungsszene, die sich bewusst von den üblichen Bildern nächtlicher Gewitterstürme, diagonalen Schatten und Silhouetten absetzt. Stattdessen ähnelt dieser Victor Frankenstein einem Komponisten, einem Konstrukteur, die Zusammensetzung seines Monsters gleicht der Komposition einer neuen Partitur. Nicht umsonst hat del Toro selbst den Schaffensprozess mit einem Konzert von Leonard Bernstein verglichen. Er wollte dem Publikum das Gefühl vermitteln, als würde es dem berühmten Komponisten beim Dirigieren zusehen. Dementsprechend hat der Schöpfungsakt für ihn nichts von einem Horrorszenario: „Es ist nicht der schrecklichste Moment im Film, sondern der fröhlichste.“
Seine größte Stärke, stets das Bezaubernde im Grauenhaften zu sehen, bringt del Toro in diesem Herzensprojekt allerdings auch ein Stück weit zu Fall. Die Schwierigkeit besteht darin, dass er seine Monster immer mehr liebt als die Menschen. Das war schon immer so und tritt hier noch deutlicher als sonst in den Vordergrund. Nach und nach versteht seine Kreatur, was sie überhaupt ist, und sie begreift, dass ihr Schicksal allein in der Einsamkeit liegt. Doch diese anrührende Erkenntnis wird von den ungeniert überladenen Kulissen mit ihrer aufdringlichen Steampunk-Ästhetik im viktorianischen Stil beinahe hoffnungslos im Keim erstickt. Guillermo del Toro errichtet eindrückliche gotische Schlösser in Schottland, ein riesiges Labor mit blitzenden Apparaten; es steckt viel echtes Handwerk in den Schauplätzen, weniger CGI. Doch dadurch wirken die actionreichen Szenen oftmals plump und unoriginell. Die wahre Anmut, auch die feine Poesie dieser fast demütigen „Frankenstein“-Variation kommen in den leisen Szenen zum Vorschein, wenn das Monster sein darf, was es ist: ein unvollkommenes Wesen mit Makeln und Fehlern, wie der Mensch, der es geschaffen hat.
