Fiore mio Film

Filmstart

Fiore Mio

| Ania Gleich |
Ein leiser Film über die Erhabenheit der Berge

Was bedeutet Erhabenheit? Paolo Cognetti geht dieser Frage in Fiore Mio mit leisen, beinahe scheuen Schritten nach. Gemeinsam mit seinem Hund Laki zieht er durch die Landschaft des Monte Rosa, dorthin, wo er als Kind aufgewachsen ist. Er erzählt keine großen Geschichten, sondern lässt die Berge selbst sprechen und jene Menschen, die inmitten dieser schroffen Umgebung anzutreffen sind. Die Kamera verweilt lange auf Flüssen, die sich ihren Weg durch Geröll bahnen, auf Gletschern, die langsam verschwinden, auf Gipfeln, die so still und unnahbar wirken, dass man unweigerlich an das „Sublime“ denkt: das Gefühl, als Mensch winzig, verletzlich und zugleich aufgehoben zu sein. Diese Erhabenheit der Natur ist der rote Faden des Films. Doch Fiore Mio ist kein reiner Landschaftsfilm. Immer wieder tritt Cognetti in den Dialog mit den Menschen, die er unterwegs trifft. Da ist eine junge Frau, die in einer Hütte arbeitet und erzählt, wie sie Yoga praktiziert, um sich in dieser Umgebung zu erden, weil die Berge einen gnadenlos auf sich selbst zurückwerfen. Da sind Bergsteigerhände, die Seile festzurren, Hände, die Holz bearbeiten, Hände, die eine Schutzhütte errichten. „Altes Holz soll bleiben, wie es ist“, heißt es an einer Stelle. Ein Satz, der fast wie ein Manifest wirkt: gegen das permanente Überformen, für das Anerkennen dessen, was schon da ist. 

Cognetti sucht Nähe, ohne zu vereinnahmen. Er lässt seine Gesprächspartner in ihrer Eigenheit stehen: den alten Bergsteiger, die junge Anthropologin, den nepalesischen Sherpa. Was sie verbindet, ist die Liebe zu den Bergen und die Erfahrung, dass hier oben eine Art Zuversicht möglich scheint, die unten im Tal kaum zu greifen ist. Der Film handelt von Arbeit, von Händen, von Geschichten, die im Holz und Stein eingeschrieben sind. Aber auch von Vergänglichkeit. Auf über 3000 Metern, in der Quintino-Sella-Hütte, wird spürbar, dass Zukunft und Vergangenheit ineinanderfließen. Man sitzt am Lagerfeuer, man hört Worte in Titsch, der alten Sprache der Walser, und gleichzeitig blickt man auf die schmelzenden Gletscher. Alles ist im Wandel, nichts bleibt und gerade darin liegt die Beständigkeit der Natur. Fiore Mio ist ein Film zum Durchatmen. Er drängt sich nicht auf und will nichts erklären. Unweigerlich ist er eher etwas für kontemplative Momente als für jene, die hungrig auf eine stringente Geschichte sind. Und doch kommt man dem sehr nah, was Paolo Cognetti in seinem Roman „Acht Berge“ – 2022 auch eindrucksvoll verfilmt – gemeint hat. Am Ende bleibt vor allem eines: die Lust, selbst wieder in die Berge aufzubrechen.