Ort ohne Erinnerung – Kaisersteinbruch, die verschwundene Geschichte

Ort ohne Erinnerung

Der blinde Fleck

| Ania Gleich |
Der Dokumentarfilm „Ort ohne Erinnerung – Kaisersteinbruch, die verschwundene Geschichte“ legt die verdrängten Schichten österreichischer Geschichte frei.

Es ist ein kaum nachvollziehbares Maß an Historie, das hier an diesem unscheinbaren Ort im Osten Österreichs in seinen Sedimenten ruht. Schichten, Umwälzungen, Brüche: Kaisersteinbruch ist ein Ort, an dem sich Geschichte wiederholt, sich in seinen Krusten abgelagert und doch keine Erinnerung daran bewahrt hat. So war es zumindest bis jetzt. Reinhard Tötschingers essayistischer Dokumentarfilm hat diesen blinden Fleck Erde zum Anlass genommen, unsere Erinnerungskultur vor den Paravent zu holen. In einer Zeit, in der immer mehr Zeitzeugen des nationalsozialistischen Terrors wegsterben und Geschichtslosigkeit in digitalen Räumen überhand nimmt, setzt Ort ohne Erinnerung einen wichtigen Impuls gegen das Vergessen. Der Film über die kleine Gemeinde im Burgenland wird zum Schauplatz einer Erkundung, die ihre Fäden bis weit in die Vergangenheit spannt.

Die Geschichte von Kaisersteinbruch beginnt in der Monarchie, als der Steinbruch für Paläste, Straßen und Prunkbauten Wiens eine zentrale Rolle spielte. Diese Epoche wurde bald überlagert von der Tatsache, dass Kaisersteinbruch zu Beginn des 20. Jahrhunderts eines der größten Anhaltelager der Austrofaschisten für Kommunisten, Sozialisten und Nationalsozialisten war. Noch viel weniger bekannt – und bis heute oft verschwiegen – ist, dass sich hier während des Nationalsozialismus eines der größten Kriegsgefangenenlager des Regimes befand. Soldaten aus achtzehn Nationen wurden gefangen gehalten, zu Zwangsarbeit genötigt oder in anonymen Massengräbern verscharrt. Aus Italien, Frankreich, ja sogar aus Kanada, kommen bis heute Nachkommen der hier Umgekommenen, um auf den Spuren ihrer Vorfahren Antworten zu finden. Denn obwohl den in Kaisersteinbruch Ansässigen von NS-Seite sogar mit Konzentrationslager gedroht wurde, gingen viele Frauen illegale Beziehungen mit gefangenen Soldaten ein und bekamen Kinder – ein Umstand, der nach Kriegsende oft bis ins Grab verschwiegen wurde. Ort ohne Erinnerung zeigt etwa eine Frau, die mit über achtzig Jahren endlich den Namen ihres Vaters herausgefunden hat und so sein Grab besuchen konnte.

Als Reinhard Tötschinger erstmals von der tragischen, in jedem Fall vielschichtigen Geschichte des Ortes hörte, war ihm Kaisersteinbruch nur als Kaserne der 1970er-Jahre bekannt. Erst bei näherem Hinsehen offenbarte sich ein Ort, dessen alte Geschichten unter neuen überdeckt weiterleben: eine halbleere Kirche, ein verwaister Tennisplatz auf dem Gelände des einstigen Schwimmbads der Wachmannschaften, ein Lagerfriedhof, der heute als Soldatenfriedhof ausgeschildert ist, eine restaurierte Büste Kaiser Karls I., ein Militärhundezentrum für Rottweiler und sonst: kein Gasthaus, keine Trafik, kaum Geschäfte. Ein Ort, der sich um sein Überleben bemüht. Fährt man an den Mauern des ehemaligen Lagers vorbei, liest man nun Sprüche wie „Starke Truppe, starke Jobs – Unser Heer“ oder Warnschilder mit „Militärisches Sperrgebiet. Lebensgefahr“. Die Gemeinde hat zu wenig Kapazitäten, um sich der großen historischen Aufarbeitungsaufgabe anzunehmen. Trotzdem gibt es einen kleinen, engagierten Kern, der die vielen Schichten dieses Ortes nicht dem Vergessen überlassen will. Namen werden an Grabsteinen angebracht, Tafeln aufgehängt und historische Führungen veranstaltet. Ein Film wie der von Tötschinger kommt daher zur rechten Zeit. Österreich – ein Land, das lange dazu neigte, Gras über Geschichte wachsen zu lassen, statt ihr ehrlich zu begegnen – wird durch Ort ohne Erinnerung der Spiegel vorgehalten. Ein Film, der nicht anklagt, sondern erinnert und das Schweigen unterbricht.