„Sacro GRA“ von Gianfranco Rosi
Der Grande Raccordo Anulare, oder kurz GRA hat nichts mit dem heiligen Gral zutun, ist aber trotzdem für die italienische Kultur nicht minder wichtig als das Trinkgefäß Jesu. Er ist nichts weniger als die längste in sich geschlossene Autobahn Italiens, und beschreibt einen Ring rund um den Ballungsraum Rom. Die Bezeichnung Anello di Saturno (also Ring des Saturn), die Rosi seinem Forschungsobjekt gibt, ist also mehr als nur zutreffend. Durch die infrastrukturelle Wichtigkeit bildete sich an den Rändern des GRA eine Art Subkultur, ein zweites Rom (das paradoxerweise mehr Einwohner hat als das innere Rom), dessen Merkwürdigkeiten Rosi seinen Film widmet.
Er schuf damit ein Meisterwerk, das nicht zuletzt in Venedig den Hauptpreis gewann. Rosis Film ist eine unkommentierte Bestandsaufnahme der Szenerie und einer Handvoll Individuen, die rund um den Sacro GRA ihr Leben fristen. Darunter ein Fischer, ein Sanitäter, ein Palmenforscher, ein Ritter vom Orden des Heiligen Grabes von Jerusalem, ein schrulliger alter Mann und seine Enkelin in einem Plattenbau, und zwei in die Jahre gekommene Prostituierte. Rosi verzichtet auf Kommentare, er filmt einfach. Zwei Jahre dauerte der Dreh, den er ganz alleine abwickelte, und das Ergebnis beeindruckt. Sein besonderes Augenmerk darauf, mit seinen „Charakteren“ eine persönliche Beziehung aufzubauen, ermöglicht dem Zuschauer einen tatsächlichen Einblick in deren wahres Leben – fern von Schauspielerei und Kamerascheu. Und die Tatsache dass jedes dieser Leben nur angeschnitten wird, ohne Hintergrundinformationen preiszugeben, macht den Film nur noch interessanter.
Rosi schafft es, dem GRA eine unerwartet schöne, ansprechende Seite zu entlocken; eine unerwartete Seite, wenn man bedenkt, dass es sich um eine Autobahn handelt. Gekonnt spielt der Filmemacher mit Licht, Dunkelheit, Farben und Schärfe und verleiht seinem Film eine beinah mystische Wirkung. Mit Sacro GRA taucht der Zuschauer ein in eine Seite Roms, die sich abseits von Trevi-Brunnen und Petersdom bewegt und die einem sonst verborgen bleibt. Er ist eine bildgewaltige Reise zu einer wohl versteckten Facette der italienischen Hauptstadt.
