Das Verschwinden des Josef Mengele

Filmstart

Das Verschwinden des Josef Mengele

| Pamela Jahn |
Schuld ohne Sühne

Mal nannte er sich Helmut Gregor, mal Don Pedro – Josef Mengele hatte viele Decknamen. In die Geschichte eingegangen ist er als „Todesengel von Auschwitz“, der im Dienst der Nazi-Rassentheorie und Eugenik die vielleicht grauenhaftesten Menschenexperimente des 20. Jahrhunderts durchführte. Zwillinge hatten es dem karriereorientierten Lagerarzt besonders angetan. Auf die Frage seines Sohnes: „Papa, was hast Du in Auschwitz gemacht?“, antwortet Mengele im Film nüchtern: „Meine Pflicht als Soldat der deutschen Wissenschaft.“

Ob Josef Mengele in Wirklichkeit jemals auch nur einen Funken Reue für seine Gräueltaten empfunden hat, ist ungewiss. Er wurde nie verhaftet, nie zur Rede gestellt, nie verurteilt, nie bestraft. Nach dem Krieg tauchte er unter, und konnte 1949, finanziell unterstützt von seiner Familie, ins peronistische Argentinien flüchten, wo er inmitten von Gleichgesinnten und Sympathisanten ein zweites Leben im Exil begann. Nachdem der Mossad 1960 Adolf Eichmann festgenommen hatte, rettete Mengele sich zunächst nach Paraguay und tauchte später bei einer ungarischen Bauernfamilie in Brasilien unter. 1979 ertrank er dort beim Schwimmen nach einem Schlaganfall im Alter von 67 Jahren.
Es ist eine Biografie des Grauens, die der französische Schriftsteller Olivier Guez in seinem 2017 veröffentlichten Tatsachenroman „Das Verschwinden des Josef Mengele“ nachgezeichnet hat. Kirill Serebrennikov findet in seiner Adaption dafür die entsprechenden Bilder. Sein Film ist in kühlem Schwarz-Weiß gehalten, arbeitet viel mit Schatten und Dunkelheit, bis sich der Horror der Vernichtungslager plötzlich in einer wie flüchtig eingeschobenen Farbsequenz Bahn bricht. Ein Kunstgriff, der verstört, in seiner Konsequenz aber überzeugt.

Guez’ Vorlage entsprechend hängt sich auch Serebrennikovs Inszenierung von Anfang an dicht an Mengeles Fersen. Der Film beginnt wie ein nervöser Noir-Krimi. Hastig folgt ihm die Kamera, als der Flüchtige Mitte der fünfziger Jahre noch einmal zu seiner Familie ins bayerische Günzburg zurückkehrt. Und sie ist dabei, wenn sich der alte Mengele kurz vor seinem Tod zumindest den unangenehmen Nachforschungen seines Sohnes Rolf (Max Bretschneider) über die blutbefleckte Vergangenheit des Vaters stellen muss.

Die zeitlich springende Erzählstruktur wirkt manchmal etwas ungeschickt. Doch dem in jeder Szene hochkonzentriert und intensiv auftretenden August Diehl können solche kleinen Unstimmigkeiten nichts anhaben. Sein Mengele ist so paranoid, verbittert, voller Zorn und abgründigem Selbstmitleid, dass es einem allein bei seinem Anblick immer wieder eiskalt den Rücken runterläuft.