Peacemaker
Peacemaker

Filmfestival

DOK Leipzig: Von Familiengeschichten und Helden des Alltags

| Kay Hoffmann |
DOK Leipzig bleibt seinem Ruf treu, ein sehr politisches Festival zu sein und jungen Filmemacherinnen und Filmmachern eine Chance zu geben.

In diesem Jahr besuchten über 2.000 Akkreditierte die 68. Ausgabe des Festivals. Das oft junge Publikum sorgte für viele ausverkaufte Vorstellungen, auch weil das Programm etwas eingedampft wurde. Die Mischung aus Dokumentar- und Animationsfilmen sorgte erneut für einen spannenden Austausch. Festivalleiter Christoph Terhechte verlässt nach sechs produktiven Jahren Leipzig. Seine Nachfolgerin ist Ola Staszel, die bisherige Leiterin des Neiße Filmfestivals an der deutsch-polnisch-tschechischen Grenze und wird sicher den Blick auf das Filmschaffen in Osteuropa stärken – traditionell schon lange ein Schwerpunkt des Festivals.

Natur und Umwelt
Im Internationalen Wettbewerb Dokumentarfilm liefen neun lange Produktionen, die sehr unterschiedlich in ihrem Stil, ihrer Ästhetik und ihren Themen waren. Die opulentesten Bilder lieferte einmal mehr Nikolaus Geyrhalter mit Melt (Österreich 2025). Im Mittelpunkt steht der Schnee. Mit seinem Team hat er außergewöhnliche Locations überall auf der Welt gefunden. Menschen, die mit den Naturgewalten leben, sprechen ihre Statements zum Klimawandel direkt in die Kamera mit Schwarzbild bei jedem Schnitt. In den fünf Jahren der Produktion wollte Geyrhalter Aufnahmen von winterlichen Landschaften drehen, so lange es sie noch gibt. Der Gletscher in Island beginnt schon jetzt zu schmelzen, die Sessellifte am Dachstein werden abgebaut, weil die Saison immer kürzer wird und der Betrieb sich nicht mehr rentiert. In Frankreich wird versucht, mit Schneekanonen einen Ski-Zirkus zu ermöglichen. Die Auswirkungen des Klimawandels sind auch auf der deutschen Forschungsstation Neumayer III in der Antarktis zu spüren. Ohne Kommentar und viele Fakten lässt uns Geyrhalter diese Veränderungen in seinen Bildern spüren.

Ebenfalls mit der Natur beschäftigt sich Serge-Olivier Rondeau in The Inheritors (Kanada 2025). Er filmt eine Kolonie Ringschnabelmöwen, die sich auf einer Insel in der Nähe von Montreal wieder angesiedelt haben. Es ist kein formatierter Tierfilm, wie wir sie aus dem Fernsehen kennen. Auf einen Kommentar und Musik verzichtet er und konzentriert sich ganz auf die Bilder der Möwen und ihre Geräusche. Die Kolonie wird wissenschaftlich begleitet und dies führt immer wieder zu Störungen. In der Nähe der Insel liegt eine Mülldeponie, wo sich die Vögel ständig bedienen. Dort wird versucht, sie mit Schüssen und einem Jagdfalken zu vertreiben. Das sorgt für spektakuläre Flugaufnahmen, doch man zweifelt an der Effizienz, die Möwen damit effektiv zu kontrollieren.

Green Desert (Chile 2025) von Meliza Luna Venegas verknüpft ihre Familiengeschichte mit dem Wandel der Wälder in Chile zu Monokulturen von Kiefern, die für das Land ein wichtiges Exportgut geworden sind. Es ist ein Kampf der kleinen Bauern gegen die Regierung und internationale Konzerne, die ihre Interessen brutal durchsetzen. Die Aufnahmen der intakten Wälder sind aus den letzten Jahrzehnten, also historisch. Es gibt sie so schon lange nicht mehr. Die Regisseurin versucht durch Kunstaktionen mit ihrem Körper dagegen zu protestieren. Ihr Onkel zieht ein Holzkreuz durch die verödete Landschaft, die zu einer grünen Wüste geworden ist.

Familiengeschichten
Einen sehr persönlichen und poetischen Film liefert Caroline Guimbal mit The Red Moon Eclipse (Belgien 2025). Im Mittelpunkt steht ihre Mutter Natalie, die eine tödliche Krebsdiagnose erhält. Das intensiviert die Beziehung der beiden und der Film wird zur Bestandsaufnahme ihres Lebens. Das war geprägt von Erniedrigungen in einer patriarchalischen Gesellschaft, durch ihren Mann, dem seine Hobbys wichtiger waren, schlagende Freunde oder ausbeutende Arbeitgeber. Ein paar Jahre nimmt sie eine Auszeit und reist in den Nahen und Fernen Osten. Das war ihre glücklichste Zeit. Trotz der Enttäuschungen ist sie nicht verbittert, sondern zeigt sich als starke Frau mit einem guten Humor – eine Heldin des Alltags. Der Regisseurin gelingt ein ruhiges Porträt mit sehr gelungenen Bildern und einem beeindruckenden Rhythmus. Der Film wurde mit dem Preis der Filmkritikerjury FIPRESCI ausgezeichnet.

Familienfilme waren diesmal ein Schwerpunkt im internationalen Wettbewerb. In Clan of the Painted Lady (Kanada 2025) spürt Jennifer Chiu der Geschichte ihrer Familie aus der Volksgruppe der Hakka aus Asien nach, die inzwischen auf der ganzen Welt verteilt sind. So überzeugend die Geschichten ihrer eigenen Familie sind, öffnet sie den Film mehr und mehr weiteren Aspekten. Dadurch verliert er etwas von seiner Kraft, das typische Essen der Hakka wird zum verbindenden Element. Ein verlassenes Hotel in Lissabon bietet die Kulisse für A Scary Movie (Spanien, Portugal 2025) von Sergio Oksman. Anders als der Titel vermuten lässt, ist es kein Horrorfilm, sondern die Beziehung von Vater und Sohn steht im Zentrum. Doch eigentlich kommen sie sich nicht näher, vieles bleibt in der Schwebe. Spannend sind frühe Filmaufnahmen über einen Serienmörder in Lissabon, der seine Opfer von einem Aquädukt herabwarf. Darüber wollte der Vater einen Dokumentarfilm drehen, der nie fertig wurde. Im Deutschen Wettbewerb lief Sedimente (Schweiz, Deutschland 2025), in dem Laura Coppens ihren Großvater am Ende seines Lebens porträtiert. An seiner Geschichte zeigt sich die wechselvolle deutsche Geschichte mit ihren Systemwechseln. Die Regisseurin ist sehr gnädig mit ihm, selbst als klar wird, dass er für die Staatssicherheit der DDR gearbeitet hat. Konfrontiert mit Belegen dafür, kann oder will er sich nicht erinnern. Aus diesem Thema hätte man mehr machen können.

Politische Statements
Zurück zum Internationalen Wettbewerb. Ein sehr politischer Film war The Thing to Be Done (Kroatien, Serbien, Slowenien 2025) von Srdan Kovačević über ein winzig kleines Büro für Arbeitnehmerrechte im slowenischen Ljubljana. Das Team kämpft täglich um gerechte Löhne, Einhaltung der nötigsten Regeln und die Unterstützung derjenigen, die im heutigen Wirtschaftssystem nicht zu den Privilegierten gehören – im Gegenteil. Zum Teil müssen sie zahlen, um Arbeit zu bekommen. Ein Hafen arbeitet seit über zwanzig Jahren mit freien Mitarbeitern. Am Ende gewinnen sie einen Prozess, bei dem sie von dem Büro für Arbeitnehmerrechte unterstützt werden, und müssen angestellt werden. Ein sehr dichter und zum Teil aufgeregter Film, der wichtig ist – das Büro und sein Team sind Helden der Arbeit.

Die Debatte um die Restitution ethnografischer Objekte befeuert Elephants & Squirrels (Schweiz 2025) von Gregor Brändli, der die sri-lankische Künstlerin Deneth Piumakshi Veda Arachchige auf ihrer mehrjährigen Recherche begleitet. In einem Depot des Historischen Museums in Basel findet sie zahlreiche Objekte der Adivasi in Sri Lanka. Sie begibt sich auf die Spuren der Naturforscher Fritz und Paul Sarasin, die zwischen 1883 und 1913 Ceylon bereisten und ihre Fundstücke in die Schweiz brachten. In Ceylon trifft sie auf Nachkommen und unterstützt sie bei ihrer Forderung der Rückgabe einiger Stücke. Nach der Überwindung bürokratischer Hindernisse sind sie erfolgreich und erhalten ausgewählte Stücke zurück. Der Film zeigt diesen Prozess aus verschiedenen Perspektiven und Arachchige erweist sich als wahre Heldin des Austauschs. In Leipzig wurde der Film mit einer Silbernen Taube ausgezeichnet.

Einem radikalen Konzept folgt der kroatische Regisseur Ivan Ramljak für seinen Film Peacemaker (Kroatien 2025) über die Ermordung von Josip Reihl-Kir, dem Polizeichef der Stadt Osijek im Osten Kroatiens. Am 1. Juli 1991 wurde er von einem Polizisten bei einer Autokontrolle erschossen. Dieses Ereignis zeigt er mit unscharfen Videoaufnahmen und unterlegt es mit Zeitzeugeninterviews, die man erst am Ende selbst sieht. Man muss schon ein Experte für Kroatien sein, um die Brisanz ihrer Aussagen und die Vorkommnisse einordnen zu können. Die internationale Jury würdigte das Experiment mit einer Goldenen Taube als bestem Film des Wettbewerbs. Alle weiteren Preise des Festivals unter: www.dok-leipzig.de