Der 93-jährige Edgar Reitz beschäftigt sich in „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“ auf geistreiche Weise mit einem der bekanntesten deutschen Philosophen. Ebenso aufschlussreich wie der Film ist ein Begleitband mit Hintergründen und Interviews.
Edgar Reitz ist ein Altmeister im Wortsinn: 93 ist der Filmemacher mittlerweile – und die kreative Kraft des gebürtigen Rheinland-Pfälzers ist ungebrochen. Obwohl sein Name nicht die Bekanntheit von etwa Herzog oder Wenders erreichte, gehört er ohne Zweifel zu den ganz Großen unter den deutschen Regisseuren. Mit seiner legendären Heimat-Trilogie, an der er von den Achtzigern bis in die Nuller Jahre arbeitete, gelang ihm ein ganz besonderes Deutschland-Bild, das kurz nach dem Ersten Weltkrieg beginnt und bis zum Jahrtausendwechsel reicht. Von der Kleinstadt bis nach München, vom Dorfschmied zum intellektuellen Künstler, zwischen Armut und Wirtschaftswunder: Reitz ist – teils in Zusammenarbeit mit den Drehbuchautoren Thomas Brussig und Peter Steinbach – ein ganz großer Bogen gelungen. Der Begriff „Heimat“ ist hier weder Kitsch noch Abstraktion. „Heimat“ ist ein integraler Bestandteil der Figuren; etwas, das einen nachhaltig prägt und auch in der „Fremde“ nie verlässt. Mitunter wurde Reitz für sein Meisterwerk international mehr Aufmerksamkeit zuteil als im deutschsprachigen Raum: Zu den leidenschaftlichen Heimat-Bewunderern der Reihe gehörte etwa Stanley Kubrick, der Vergleiche mit Shakespeare und Goethe zog; „Empire“ nahm Heimat in eine Liste mit den 100 besten Filmen des Weltkinos auf; in Italien erreichten TV-Ausstrahlungen teils bessere Quoten als in Deutschland. Heimat, das ist episches Erzählen, das nie schwerfällig und langweilig, sondern stets spannend, klug und unterhaltsam ist – und mit seinem Wechsel von Farbe und Schwarzweiß auch visuell ungemein reizvoll daherkommt. Die Schicksale dutzender Figuren beschäftigen den Betrachter noch lange nach dem Auslaufen der Credits.
Universalgenie
Episch wäre beinahe auch Reitz’ neuer Film geworden: Ursprünglich hätte es in Leibniz um einen Geldtransport durch das nach dem Dreißigjährigen Krieg noch verwüstete Deutschland gehen sollen, bei dem der Philosoph als listiger, den Schatz bewahrender Diplomat agiert. Doch fühlte Reitz sich mit den benötigten Hollywood- und Ausstattungsdimensionen nicht ganz wohl. Im Drehbuchentwurf hatte es zu Beginn allerdings eine Szene gegeben, in der Leibniz porträtiert wird. Die Idee zu dieser kurzen Sequenz wurde schließlich zur Keimzelle von Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes. Entstanden ist ein Kammerspiel, das den Blick nicht verengt, sondern erweitert.
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Wenden wir uns zunächst dem Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) zu, über den aus Platzgründen hier nur Rudimentäres geschrieben werden kann: Der in Leipzig geborene Sohn eines Moralphilosophen (der Vater starb sehr früh) war ein Wunderkind, das sich Latein und Griechisch selbst mit Hilfe von Büchern beibrachte. Mit 19 veröffentlichte er das Buch „De Arte Combinatoria“ (eine erweiterte Version seiner Dissertation); 20-jährig wurde er in Altdorf zum Dr. iur. Er ging für vier Jahre nach Paris, erfand die Infinitesimalrechnung und eine Rechenmaschine, die im Gegensatz zu anderen auch multiplizieren, dividieren und Wurzel ziehen konnte. Neben vielen weiteren Innovationen entwickelte Leibniz u. a. Geräte zur Windmessung oder zur Erzförderung, entwarf Pläne für ein Unterwasserboot und gründete eine Witwen- und Waisenkasse. 1676 wurde er von Herzog Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg nach Hannover berufen, wo er bis zu seinem Tod als Hofrat und Hofbibliothekar tätig sein sollte. Für seine philosophischen Beiträge zum Rationalismus wurde er ebenso bewundert wie kritisiert: Voltaire etwa verspottete Leibniz’ berühmt gewordene „Theodizee“-Schrift in seiner Novelle „Candide“. Nicht wenigen Zeitgenossen schien Leibniz’ Postulat, wonach der Mensch in der besten aller Welten lebe, gerade nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges als überaus zynisch. Doch Leibniz ging es in dieser Schrift nicht zuletzt darum, dass der Mensch die Entscheidungsfreiheit habe – und somit auch Verantwortung für die Schrecken des Weltgeschehens. Der Zugang zu Leibniz’ Werk wurde Zeitgenossen und der Nachwelt auch dadurch erschwert, dass es sich bei der „Theodizee“ um seine einzige abgeschlossene philosophische Schrift handelt; andere Gedanken mussten sich Interessierte aus Korrespondenzen und Gelegenheitsschriften erschließen. Die bekannte „Monadologie“ besteht nur aus Paragrafen, die in dieser Form nicht zur Veröffentlichung vorgesehen waren.Soweit nur das in diesem Zusammenhang Allernötigste – kommen wir zur Filmhandlung, in der sich reale und erfundene Figuren ein Stelldichein geben: Die preußische Königin Sophie Charlotte (Antonia Bill) gibt ein Porträt des von ihr verehrten Leibniz (Edgar Selge) in Auftrag, mit dem sie leidenschaftlich gerne tiefgängige Gespräche führt. Der (erfundene) Maler Pierre-Albert Delalandre (Lars Eidinger) reist mit vorgefertigten Bildern, in die er nur noch das Gesicht des Denkers einfügen will, an. Dass als Örtlichkeit für die Sitzungen ein Raum dient, der mittlerweile von der Gärtnerei als Lager benutzt wird, in dem sich aber auch noch allerhand Gegenstände aus Leibniz’ Leben befinden, sorgt für Naserümpfen beim eitlen Starkünstler, der sich das Malermäntelchen umlegen lässt wie ein moderner Chirurg den Kittel. Den Philosophen weist er an, beim Posieren „an nichts zu denken“. Doch für einen wachen Geist wie Leibniz ist das, obwohl er sich zunächst redlich bemüht, ein Ding der Unmöglichkeit. Als Leibniz Delalandre schließlich mit philosophischen Fragen nach der Wahrhaftigkeit von Bild und Abbild konfrontiert, ergreift der selbstgefällige Fatzke die Flucht. Diese erste Episode ist ein wunderbar komischer, dabei auch hintergründig-gewitzter Einstieg in den Film.
Bildsprache
Zu Beginn der Hauptepisode reist die als Mann verkleidete (und für den Film erfundene) Malerin Aaltje Van De Meer (Aenne Schwarz) an. Den Kerl spielt sie, weil sie zunächst befürchtet, dass Leibniz einem Mann mehr Respekt erweisen würde – doch das Gegenteil ist der Fall: Leibniz ist begeistert, teils gar verblüfft vom Ideenreichtum und der Intuition der Künstlerin. Sein (erfundener) Assistent Liebfried Cantor (Michael Kranz) macht die Malerin mit dem Werk und den zahllosen Erfindungen des Philosophen bekannt; sein Leben, sein Wesen, seine Gedanken finden allesamt Eingang in das entstehende Porträt.
Man philosophiert gemeinsam über die Macht der Bilder und erlebt u. a. zufällig die Bildkraft einer Laterna magica, als ein Lichtstrahl durch ein Loch in den abgedunkelten Raum eindringt. Eine Schlüsselszene ist dabei das Aufeinandertreffen von philosophischer und künstlerischer Wahrheit: Als die Malerin meint, dass sie im Gemälde für alle Zeit die gemeinsamen Stunden aufbewahren möchte, erwidert Leibniz, dass es in der Fläche keine Zeit gebe – Zeit sei schließlich Bewegung und Geschehnis. Ein zweidimensionales Bild, das sei stillgestellte Zeit. Daraufhin verblüfft die Künstlerin Leibniz mit ihrer Ansicht, wonach sich in einem Bild viel vergangene Zeit finde: Die Zeit, die man während dessen Entstehung gemeinsam verbringe, die Zeit, die die Erde brauchte, um Lapislazuli zu bilden, und vieles mehr. Zeit sei im Bild – und der Raum entstehe durch die Perspektive. Da steht dem Philosophen kurz einmal der Mund offen. Schließlich gibt auch Aaltjes Postulat, wonach der Grund der Kunst die Kunst selbst sei, Leibniz zu denken. Eine brillante Szene zum Thema „Bildsprache“.
Einerseits ist Leibniz das mit fiktionalen Elementen versehene Porträt eines realen Visionärs und originellen Denkers; so mancher Zuseher könnte nach Ende des Films versucht sein, sich näher mit Leben und Werk des Philosophen auseinanderzusetzen. Andererseits ist der Film eine spannende Konfrontation von Ratio und Intuition (zudem lässt sich bei aller Intellektualität der verhandelten Themen eine subtile Erotik zwischen Leibniz und den weiblichen Protagonisten des Films erahnen). Dass Reitz in seinen Reflexionen über die Wahrhaftigkeit von Bildern indirekt auch auf das Kino vorausgreift, ist dabei ein besonders cleverer Kunstgriff. Und wenn der Zuschauer etwas über die Leibniz’schen Gedanken und Erfindungen erfährt, klingt das nie nach platter Exposition, sondern ist klug in Gespräche – die mal enthusiastisch, mal kontemplativ geführt werden – eingeflochten. Sophie Charlottes schwere Erkrankung schließlich spitzt die Geschichte dramaturgisch zu.
Leibniz ist nicht zuletzt ein wunderbarer Schauspielerfilm: Charakterkopf Edgar Selge, der über viele Jahre auf markante Nebenrollen in Film und Fernsehen abonniert war und 2024 für die Hauptrolle im Roadmovie Marianengraben von der Kritik gefeiert wurde, spielt hier vielleicht die Rolle seines (bisherigen) Lebens: In seinem Leibniz verbinden sich Nachdenklichkeit, Erkenntnisfreude und subtiler Humor – man glaubt mitunter tatsächlich, bei der Entstehung spontaner Geistesblitze dabei zu sein. Doch verdient das gesamte Ensemble Lob: Schwarz und Kranz verleihen ihren Figuren stillen, aber aufrichtigen Enthusiasmus; Bill und Barbara Sukowa (Kurfürstin Sophie von Hannover) überzeugen als der Geisteswelt zugewandte Adelige. Lars Eidinger mag mitunter polarisierend wirken, doch kann sich das betroffene Zuschauersegment mit dem Umstand trösten, dass der Mime den unsympathischen Kunsthandwerker in seinem Kurzauftritt überaus authentisch gibt.
Obwohl der Film dialoglastig ist und mit Ausnahme weniger Außenaufnahmen (Schlossanlage Schleißheim bei München) im Studio entstand, wirkt er nie trocken oder eingeengt: Dazu trägt das geistreiche Drehbuch (Reitz und Gert Heidenreich) bei, das die richtige Mischung aus Dichtung und Wahrheit findet, ebenso wie das großartige Licht bzw. die hervorragende Kameraarbeit.
Das Filmbuch
Wer sich näher in diese Aspekte vertiefen möchte, kann zum schönen, im Schüren Verlag erschienenen Filmbuch greifen. Das Buch, das es u. a. auch deshalb gibt, weil Reitz nach Abschluss eines Drehs immer noch „wie mit einer Nabelschnur“ mit dem Film verbunden ist, wie er im Vorwort schreibt, enthält alle Dialoge in wörtlicher Übereinstimmung mit dem Film. Fotomaterial zeugt von Planungsaufwand, Dreharbeiten und Einflüssen. Der aus Wien stammende Kameramann Matthias Grunsky schreibt darin über die grundsätzlichen Probleme des Kostümfilmgenres und die künstlerische Annäherung an den Filmlook mittels Gemälden aus dem Hochbarock. So orientierte man sich hauptsächlich an den Niederländern, da diese sich oft mit dem bürgerlichen Alltagsleben befassten. Neben Hilfsmitteln wie der Camera obscura konzentrierte man sich stark auf die Chiaroscuro-Malerei; diese Hell-Dunkel-Technik eigne sich, so Grunsky, hervorragend als Filmlicht.
Überaus spannend auch die ausführliche E-Mail-Korrespondenz der beiden Edgars, Reitz und Selge. Selge, der auch als Schriftsteller tätig ist, habe er als „leidenschaftlichen Partner bei der Suche nach der inneren Wahrheit des Films“ erlebt, so der Regisseur. Wie die beiden sich in ihrem elektronischen Gespräch immer mehr annähern – vom „Sie“ zum „Du“ –, dabei Aspekte aus Leibniz’ Leben ebenso diskutieren wie den Kampf um die Filmfinanzierung oder politische und künstlerische Themen, ist so intim wie faszinierend. Hier erfährt man von kreativen Zugängen ebenso wie von wesentlichen Entwicklungsstufen, die dem eigentlichen Filmdreh vorangingen. In einem weiteren Gespräch mit dem Publizisten und Dokumentaristen Robert Fischer gibt Reitz nicht nur Auskunft über die jahrelange Arbeit an dem Projekt, sondern auch über seine Definition des Begriffs „Chronik“ (zu finden in den Titeln von Heimat und Leibniz): Seine Methode des Erzählens ziele auf das Empfinden für den Lauf der Zeit ab – im Gegensatz zum klassisch-dramatischen Erzählen US-amerikanischen Zuschnitts, bei dem er sich nie sonderlich wohl gefühlt habe.
Ebenso interessant ist ein Kapitel, in dem Koautor Gert Heidenreich über seinen Zugang zum Drehbuch und die intensiven Recherchen schreibt. Eine beigefügte Literaturliste gibt Aufschluss über die Quellen – überaus nützlich für Filmschaffende, die ein Projekt über eine historische Persönlichkeit drehen wollen.
Was lässt sich abschließend noch sagen? Vielleicht ganz einfach, dass Buch und Film sich sehr gut mit dem Wort „geistreich“ auf den Punkt bringen lassen. Und sich ihrer Titelfigur somit mehr als würdig erweisen.
PS: Aktuell arbeitet Edgar Reitz an einem neuen Drehbuch, über dessen Inhalt er sich allerdings noch in Schweigen hüllt. Man darf gespannt sein – und wünscht dem Filmemacher viele weitere kreative Jahre!
