Breakfast at Tiffany’s
Breakfast at Tiffany’s

Audrey Hepburn

Die elegante Nonkonformistin

| Jörg Schiffauer |
Anlässlich der Retrospektive im Filmarchiv Austria: Ein kleiner Rückblick auf die außergewöhnliche Karriere von Audrey Hepburn.

Zu jenen Szenen, die im Verlauf der Filmgeschichte ikonischen Status erlangt haben, zählt mit Sicherheit die Eröffnungssequenz von Breakfast at Tiffany’s. Frühmorgens, als sogar die Straßen New Yorks noch weitgehend menschenleer sind, lässt sich die Protagonistin Holly Golightly von einem Taxi direkt vor dem noch geschlossenen Geschäft des renommierten Juweliers Tiffany absetzen. Im eleganten schwarzen Abendkleid steht Holly ein wenig gedankenverloren vor dem Schaufenster besagten Juweliers. Die offenbar lange Nacht lässt sie mit Kaffee aus dem Pappbecher und einem Croissant ausklingen, ehe sie sich auf den Weg in ihr kleines Apartment aufmacht. 

Regisseur Blake Edwards, der für die filmische Adaption (1961) des gleichnamigen Romans von Truman Capote verantwortlich zeichnet, bringt mittels dieser Sequenz nicht nur die Ambivalenz der Protagonistin – das mondäne Partygirl Holly Golightly erscheint trotz aller nach außen getragenen Souveränität doch auch immer ein wenig verloren – auf den Punkt. Audrey Hepburn, die Holly Golightly so kongenial zu verkörpern verstand, festigte damit endgültig ihren Status als Stilikone. Ihr Auftritt in jenem schwarzen Kleid, eine Kreation des Modedesigners Hubert de Givenchy, eroberte bald schon einen fixen Platz im popkulturellen Gedächtnis.

 

Die Anfänge

Dass man Audrey Hepburns Erfolg jedoch nicht nur auf perfekt gestyltes Erscheinen reduzieren konnte, war jedoch bereits seit ihrer ersten großen Rolle in Roman Holiday (Ein Herz und eine Krone, 1953) eine klare Sache. In William Wylers romantischer Komödie spielt sie Ann, Kronprinzessin eines fiktiven Landes, die sich auf Staatsbesuch in Rom befindet. Um sich eine Auszeit vom strikten Protokoll zu nehmen, verlässt Ann heimlich ihre luxuriösen Räumlichkeiten, um unerkannt die italienische Metropole zu erkunden. Dabei trifft sie den US-amerikanischen Journalisten Joe Bradley (Gregory Peck), der die erschöpfte junge Dame für betrunken hält und ihr vorübergehend Quartier in seiner kleinen Wohnung anbietet. Bradley weiß zunächst gar nicht, wen er vor sich hat, erst als der Reporter den Auftrag bekommt, über den Aufenthalt der Prinzessin zu berichten, erkennt er die wahre Identität seines Gasts. Doch das möchte er zunächst für sich behalten, winkt Bradley doch eine hohe Summe für ein exklusives Interview mit Ann, deren Verschwinden sich von offizieller Seite immer schwieriger verbergen lässt. Bei einer Besichtigung Roms möchte Bradley das Vertrauen der Prinzessin gewinnen, um so sein Interview vorzubereiten, doch natürlich kommt mit dem gegenseitigen Kennenlernen alles ganz anders. 

Audrey Hepburn verstand es, allen Klischeevorstellungen, die die Rolle einer Kronprinzessin zweifellos in sich trägt, auszuweichen und ihre Figur mit einer Mischung aus Natürlichkeit, Charme und Humor zu zeichnen. Dazu kommt noch jene nicht ganz präzise definierbare Leinwandpräsenz, die schauspielerische Ikonen wie Audrey Hepburn auszustrahlen wissen. Ihr Auftritt in Roman Holiday begründete einen geradezu kometenhaften Aufstieg, der Oscar als Beste Hauptdarstellerin – und das wie erwähnt für ihre erste größere Rolle – war nur das sichtbarste Zeichen für die Anerkennung, die Audrey Hepburn zuteil wurde. Ein Karriereverlauf, der sich anhand ihrer Biografie nicht unbedingt abgezeichnet hatte. 

Geboren wurde Audrey Hepburn am 4. Mai 1929 im belgischen Ixelles, einer Gemeinde im Großraum Brüssel, ihr Vater war der Brite Joseph Victor Anthony Ruston – der später den Doppelnamen Hepburn-Ruston zu tragen pflegte –, ihre Mutter die niederländische Aristokratin Ella van Heemstra. Nachdem Ruston 1935 die Familie verlassen hatte, besuchte Audrey – die wie ihr Vater die britische Staatsbürgerschaft besaß – einige Jahre eine in der englischen Grafschaft Kent gelegene Schule. Doch nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs holte sie ihre Mutter zurück in die Niederlande, die sie als einen sichereren Ort als Großbritannien empfand. In Arnheim hoffte die Familie, den Krieg überstehen zu können. Dazu war es notwendig, dass Audrey Hepburn ihren englisch klingenden Namen verbarg. Doch die Schrecken der deutschen Besatzung bekam die Familie dennoch zu spüren. Audrey Hepburns Onkel wurde als Vergeltungsmaßnahme für durch die Widerstandsbewegung durchgeführte Sabotageakte von den Nazis erschossen, 1944/45 traf die Familie der berüchtigte „Hungerwinter“ – ausgelöst durch deutsche Blockademaßnahmen – mit voller Wucht. Es sollte ein traumatisches Erlebnis für Audrey Hepburn bleiben, die monatelange Unterernährung hinterließ Spuren physischer Natur, die die angestrebte Ballettkarriere unmöglich machten. So entschloss sich Hepburn, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch in Amsterdam und London ihre Tanz-Ausbildung fortgesetzt hatte, sich auf eine Schauspielkarriere zu fokussieren. Während der Dreharbeiten zu einem dieser Filme wurde die Schriftstellerin Colette bei einem eher zufälligen Zusammentreffen auf die junge Schauspielerin aufmerksam und gab ihr die Chance für die Broadwayproduktion von „Gigi“ – das Stück basiert auf Colettes gleichnamigen Roman – vorzusprechen. Prompt erhielt Audrey Hepburn die Titelrolle in der Premiere, die im November 1951 am New Yorker Fulton Theatre stattfand. Durch die guten Kritiken, die sie für ihren Bühnenauftritt erhielt, wurde auch Hollywood auf Audrey Hepburn aufmerksam, die Folge war die erwähnte Rolle in Roman Holiday und damit der Start zu einer geradezu märchenhaften Karriere.

Rascher Aufstieg  

Hepburn agierte anschließend unter der Regie von Billy Wilder in Sabrina (1954), ebenfalls eine Liebeskomödie. Darin verkörpert sie die Tochter des Chauffeurs einer sehr wohlhabenden Familie. Die junge Frau fühlt sich emotional zwischen zwei Brüdern dieser Familie (gespielt von Humphrey Bogart und William Holden) hin- und hergerissen. Ihre nächste Rolle erscheint durchaus herausfordernder, wurde sie doch in War and Peace (Krieg und Frieden, 1956; R: King Vidor), der Verfilmung von Leo Tolstois Roman, besetzt. In dem von Dino De Laurentiis produzierten Großprojekt – zum Starensemble zählten etwa Henry Fonda, Mel Ferrer, Vittorio Gassman und Anita Ekberg – übernahm sie die Rolle der Natascha Rostowa. Audrey Hepburn gelingt es, die charakterliche Entwicklung der russischen Aristokratin vor dem Hintergrund des bekannten historischen Szenarios der Napoleonischen Kriege so überzeugend darzustellen, dass man sie als geradezu ideale Besetzung dieser Figur ansehen kann. 

In Stanley Donens Musical Funny Face (Ein süßer Fratz, 1957) konnte Hepburn an der Seite von Fred Astaire sich ihre Tanz-ausbildung zunutze machen, zudem sang sie ihre jeweiligen Nummern selbst. Dann stand Love in the Afternoon (Ariane – Liebe am Nachmittag, 1957; R: Billy Wilder) auf dem Programm. Zweifellos ist dabei alles charmant und mit dem für Wilder typischen präzisen Timing inszeniert, doch mit einigem Abstand mutet ein Szenario, in dem die von Hepburn verkörperte Musikstudentin zum Love Interest eines Charakters (gespielt von Gary Cooper) wird, der ihr Vater sein könnte, ein wenig anachronistisch an. 

Gelegenheit, die ganze Bandbreite ihres darstellerischen Könnens zu zeigen, gab ihr Fred Zinnemann in The Nun’s Story (Geschichte einer Nonne, 1959). Audrey Hepburn übernimmt dabei die Rolle der jungen Belgierin Gabrielle van der Mal, Tochter eines angesehenen Arztes, die sich ungeachtet ihrer weltoffenen Erziehung, dazu entschließt, in den 1920er-Jahren in einen katholischen Orden einzutreten. Sie erhält den Namen Schwester Lukas und darf nach einiger Zeit Dienst als Krankenschwester in Belgisch-Kongo tun – was immer schon ihr Herzenswunsch war. Zwar bewährt sie sich aufgrund ihrer exzellenten Fachkenntnisse in allen medizinischen Fragen, doch die strenge Disziplin samt sinnlosen Regeln, die das Ordensleben mit sich bringt, trägt Gabrielle nicht nur immer wiederkehrende Konflikte, sondern auch innere Zweifel ein. Die verstärken sich nach ihrer Rückkehr nach Belgien während des Zweiten Weltkriegs so sehr, dass sie nach Kriegsende den Entschluss fasst, dem Orden den Rücken zu kehren. In der Schluss-Szene verlässt Gabrielle das Kloster durch eine Hintertür und geht ohne sich umzublicken eine Straße entlang; die gesamte Sequenz bleibt still. Dem ging jedoch eine Anekdote voraus, die Fred Zinnemann anschaulich zu erzählen verstand und damit einen kleinen Einblick in den Produktionsalltag von Hollywood gab: Als der allmächtige Studiochef Jack Warner den Film erstmals gesehen hatte, zitierte er Zinnemann zu sich, lobte ihn zwar für die gelungene Arbeit, doch der Schluss müsste noch geändert werden, schließlich würden Produktionen von Warner Bros. immer mit Musik enden. Zinnemann überlegte kurz, wie er mit der brisanten Situation umgehen sollte und entschied sich dafür, Warner vor die Wahl zu stellen. Ob er für den Schluss eine triumphale Musik bevorzugen würde, denn das würde bedeuten, Warner Bros. freut sich, dass die Protagonistin die Kirche verlässt. Eine eher traurige Musik hingegen könnte darauf verweisen, dass Warner Bros. diesen Entschluss bedauert. Worauf Jack Warner nur knapp erwiderte: „Dann lassen wir den Schluss doch ohne Musik.“

Widerständigkeit

The Nun’s Story gab Audrey Hepburn aber nicht nur die Möglichkeit, ihre schauspielerisches Talents zu entfalten, in der Figur der von inneren Zweifeln geplagten Nonne manifestiert sich ein Motiv, das sich wiederholt bei von Hepburn gespielten Charakteren finden lässt. Ähnlich wie Prinzessin Ann in Roman Holiday oder noch ausgeprägter Holly Golightly in Breakfast at Tiffany’s zählt auch Gabrielle van der Mal zu jenen Charakteren, die sich Konventionen unterschiedlicher Natur wiedersetzen. Wobei das im Fall von Hepburn-Figuren keine Rebellion brachialer Natur, sondern vielmehr ein punktuelles Aufbegehren ist. Doch allein Holly Golightlys Lebensstil zwischen Partygirl, Escortdame und Bohème-Attitüde – die ebenso gut in einem Film der Nouvelle Vague Platz finden könnte – erscheint wie ein Frontalangriff auf kleinbürgerliche Wert- und Moralvorstellungen. 

Gründlich hinterfragt werden derartige Vorstellungen in William Wylers The Children’s Hour (Infam, 1961). Zwei junge Lehrerinnen (gespielt von Audrey Hepburn und Shirley MacLaine) betreiben in Neuengland eine kleine Privatschule. Als eine ihrer Zöglinge aus Boshaftigkeit das Gerücht in die Welt setzt, zwischen den beiden Erzieherinnen bestehe ein intimes Verhältnis, nimmt das Verhängnis unaufhaltsam seinen Lauf. Obwohl nichts darauf hindeutet, dass daran etwas wahr sein könnte und die beiden Lehrerinnen energisch dagegen vorgehen, wirkt die Verleumdung wie schleichendes Gift, dem sich die Bewohner der Gemeinde nicht entziehen können – oder wollen. Bald schon sind die zwei jungen Frauen sozial fast völlig isoliert, es kommt zur Katastrophe. 

Mit Cary Grant, Walter Matthau, James Coburn und George Kennedy drehte Audrey Hepburn Charade (1963), eine aberwitzige Mischung aus Krimi, Thriller, Romanze und Komödie. Die Protagonistin – Hepburns Darstellung strahlt auch inmitten aller Gefahrenmomente eine unnachahmliche Eleganz aus – gerät in Paris in ein undurchschaubares Geflecht aus Täuschungsmanövern und handfesten Bedrohungen, bei dem sich alles um einen Goldschatz, der in den Wirren des Zweiten Weltkriegs gestohlen wurde, dreht. Stanley Donen inszeniert Spannungsbögen stilsicher und mit einer solchen narrativen Souveränität, dass Charade auch als der beste Hitchcock-Film gilt, den der Meister des Suspense nicht gedreht hat. 

Kein geringes Wagnis war jedoch Audrey Hepburns nächstes Projekt. Unter der Regie von George Cukor übernahm sie in der Musicalverfilmung My Fair Lady (1964) – die bekanntermaßen auf George Bernard Shaws Bühnenstück „Pygmalion“ basiert – die Rolle des Blumenmädchens Eliza Doolittle. Als Favoritin dafür galt allerdings Julie Andrews, die diese Rolle am Broadway höchst erfolgreich gespielt hatte. Die Wahl fiel trotzdem auf Audrey Hepburn, allerdings wurde ihre Gesangstimme in der Endfassung durch die einer professionellen Sängerin ersetzt. My Fair Lady wurde ein großer Publikumserfolg und gewann acht Oscars, darunter jene in der Kategorie Bester Film und Beste Regie; Rex Harrison erhielt zudem den Preis als Bester Schauspieler. Kleines Kuriosum dabei: Audrey Hepburn war als Beste Schauspielerin nicht einmal nominiert, den Oscar gewann Julie Andrews für Mary Poppins.

Mit Wait Until Dark (Warte, bis es dunkel ist, 1967; R: Terence Young) drehte Hepburn einen abgründigen Thriller, in dem sie eine blinde Frau namens Susy spielt, die in den Fokus einer Bande gerät. Die Kriminellen vermuten nämlich, dass eine ansehnliche Menge Rauschgift versehentlich in Susys Apartment gelangt ist. Zunächst versuchen sie, Susy zu täuschen, um an die Drogen zu gelangen, doch nach und nach werden die Methoden – besonders Alan Arkin verleiht seiner Figur psychopathische, diabolische Züge – brachialer. Für die blinde Susy spitzt sich die Lage immer mehr zu. Nach Fertigstellung von Wait Until Dark entschied sich Audrey Hepburn zur allgemeinen Überraschung dazu, sich von der Schauspielerei weitgehend zurückzuziehen und sich ihrer Familie sowie humanitären Aufgaben – 1988 wurde sie zur UNICEF-Sonderbotschafterin ernannt – zu widmen. 

Ihre seltenen Auftritte auf der Kinoleinwand brachten jedoch noch so manchen feinen Film hervor. Mit Robin and Marian (Robin und Marian, 1976) drehte Richard Lester einen elegischen Epilog der Geschichte um Robin Hood und seine große Liebe Marian. Zwanzig Jahre treue Dienste für seinen König Richard Löwenherz lassen Robin ziemlich desillusioniert zurück, er sucht wieder den Kontakt zu Marian, die sich mittlerweile in ein Kloster zurückgezogen hat. Sean Connery und Audrey Hepburn erweisen sich als ideale Besetzungen der Titelrollen.

Doch auch unter einer neuen Generation von Filmemachern genoss Audrey Hepburn offensichtlich ganz großen Respekt. Peter Bogdanovich, eine der zentralen Figuren New Hollywoods, besetzte sie in seiner Komödie They All Laughed (Sie haben alle gelacht, 1981), eine Rolle, die Hepburn noch einmal Gelegenheit gab, eine Probe ihres einfühlsamen, nuancierten Spiels zu zeigen. Knapp vier Jahre vor ihrem viel zu frühen Tod am 20. Jänner 1993 folgte Audrey Hepburns letzte Filmarbeit. Kein Geringerer als Steven Spielberg vertraute ihr in Always (1989), einer Mischung aus Fantasy und Romanze, die Rolle eines Engels an. Im Himmel von Audrey Hepburn empfangen zu werden, da würde selbst der Tod seinen Schrecken verlieren.