American Dreams / Landscape Suicide

Die Gesamtheit aller Bilder und Töne

| Michael Pekler |

American Dreams / Landscape Suicide: Zwei Filme von James Benning, einem Monolithen des unabhängigen US-Kinos, in der Edition Filmmuseum.

Dass diese beiden Filme auf DVD erscheinen, ist nicht nur Glücksfall, sondern Notwendigkeit. Denn vor allem American Dreams (Lost and Found), entstanden 1984, ist ein Film, dessen Komplexität mit einmaligem Sehen wohl kaum zu erfassen ist. Das liegt zunächst einmal in der einzigartigen formalen Umsetzung, mittels derer James Benning mehr als zwei Jahrzehnte US-amerikanische Nachkriegsgeschichte erzählt: Aufgeteilt in 23 Kapitel von 1954 bis 1976 zeigt Benning Aufnahmen von diversen Baseballkarten und Erinnerungsstücken von Henry Louis Aaron, einem 1934 in Mobile, Alabama in ärmlichen Verhältnissen geborenen Baseballspieler, der den „amerikanischen Traum“ wahr werden ließ und zum gefeierten Star des amerikanischen Nationalsports wurde.

Benning unterlegt diese Bilder mit Ausschnitten aus Radiosendungen und Popsongs, die den einzelnen Jahren eine Stimme verleihen und hier als politischer, popkultureller oder sozialkritischer Kommentar (Reden von Malcolm X, Richard Nixon, Patricia Hearst, etc.) funktionieren. Ergänzt werden diese beiden historischen Ebenen durch eine weiße Handschrift, die durch den unteren Bildrand läuft: Es sind die von Benning selbst (nach)geschriebenen Aufzeichnungen des 1950 geborenen Arthur Bremer, der im Mai 1972 den demokratischen Präsidentschaftskandidaten George Wallace zu ermorden versuchte und der die Vorbereitungen auf das Attentat als Tagebucheintrag festhielt („Drove night out. Demonstrators again! SHIT!“, kann man lesen, während die Bee Gees ihr „How Deep Is Your Love“ trällern).

Der Kontrast zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, der durch die gedruckten, vervielfältigten Erinnerungsstücke des Stars und die mit Hand geschriebenen Tagebuchaufzeichnungen des Attentäters zum Ausdruck kommt, wird dabei zunehmend aufgehoben. Das Private und das Politische kämpfen im selben Bildrahmen gegeneinander an und beginnen sich doch vermischen, während sie von den Stimmen und Klängen aus dem Radio unterspült und konterkariert werden. Was hier von James Benning verloren und (wieder) gefunden wird, ist nicht nur der amerikanische Traum zweier Männer. Es ist der einer Nation, die im ständigen Widerspruch mit sich selbst liegt.

In Landscape Suicide, entstanden 1986, setzt Benning seine Bohrungen in die nicht allzu fernen Tiefen der US-Geschichte fort und stößt auch hier auf Gewalt: auf die Ermordung der 15-jährigen Kirsten Costas durch ihre Mitschülerin Bernadette Protti in Orinda, Kalifornien, und auf die Ergreifung des mehrfachen Mörders Ed Gein nach seinem letzten Mord an Bernice Worden in Plainfield, Wisconsin. Benning stellt die beiden Fälle mittels Doppelungseffekt in Beziehung, indem er den Film in zwei Teile gliedert, die formal und ästhetisch präzise aufeinander abgestimmt sind. Auf eine Autofahrt hin zum Tatort folgt jeweils eine nachgestellte Inszenierung der Verhöre, für die  Benning die vor einer kahlen Wand sitzenden Schauspieler Rhonda Bell und Elion Sacker die Aussagen von Costas beziehungsweise Gein nachspielen lässt; kommentiert werden die Morde durch eine nüchtern vortragende Frauenstimme aus dem Off.

Nach einer Spielfilmszene (Kirsten Costas hört auf ihrem weißen Bett telefonierend das Lied „Memories“ aus dem Musical „Cats“; Bernice Worden tanzt in grünen Pantoffeln zu den Klängen des „Tennessee Waltz“) bilden jeweils Bilder jener Landschaften das Ende, in denen es zu den Morden gekommen ist: die dunkelgrünen Wälder und Wiesen von Orinda, wo sich das gute Einkommen der Bewohner in ansehnliche Einfamilienhäuser niederschlägt; und die schneebedeckte Winterlandschaft von Wisconsin, in deren Kälte alles und jeder zu erstarren droht. Den Schlusspunkt setzt jeweils ein Erinnerungsbild der Opfer.

Was in beiden Fällen sichtbar wird, ist weniger ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Orten und Menschen als eine geistige Landschaft: Während und gerade weil an den Orten die Zeit unberührt verstreicht, schreiben sich die an ihnen verübten Gewalttaten in die Landschaft ein, so wie sich später in Bennings Four Corners (1997) – an dem am Reißbrett entworfenen geografischen Schnittpunkt zwischen New Mexico, Arizona, Colorado und Utah – die sich bis in den Bildhintergrund erstreckenden Gräber zugleich von der gewalttätigen Geschichte des Landes berichten werden. „Von all diesen Geschichten“, bemerkte der Filmkritiker Jonathan Rosenbaum einmal dazu, „ist die interessanteste aber jene, in der jeder einzelne Zuschauer die anderen miteinander verbindet.“ Das könnte tatsächlich das Credo von James Benning sein, das auch in American Dreams und Landscape Suicide so großartig zum Ausdruck kommt: Das letzte Bild ist die Gesamtheit aller Bilder und Töne im Kopf des Betrachters.