Trauer ist, wenn man trotzdem lacht: Valerie Pachner spielt in „Vier minus drei“ eine Frau, der das Schicksal mit einem Schlag den Boden unter den Füßen wegreißt.
Sie müsse ihr jetzt vertrauen, mehr sagt Sabine (Sabine Reinsperger) erstmal nicht. Sätze wie dieser verheißen nie Gutes. Für Barbara (Valerie Pachner) bedeuten die Worte ihrer ernsten Freundin das Ende eines Lebens, ihres Lebens, so wie sie es bisher kannte, gemeinsam mit ihrem Partner Heli (Robert Stadlober) und den beiden Kindern Fini und Thimo, behütet auf einem umgebauten Hof in der Provinz. Sie waren eine Familie, nicht perfekt, aber glücklich. Ein bisschen chaotisch, aber nie langweilig. Mit viel Liebe und Humor, wie man es von einem Künstlerhaushalt, geführt von zwei professionellen Clowns erwarten würde. Lachen als Alltagsdroge, als Erziehungsmethode, als Beziehungskitt.
Dann der Schock: Ein Unfall. Heli war gleich tot. Sohn und Tochter haben schwere Verletzungen erlitten, viel Hoffnung gibt es auch für sie nicht, wie der Arzt (Ronald Zehrfeld) im Spital der bestürzten Mutter erklärt. Sie hört die Worte, ohne sie begreifen zu können, spürt den Schmerz durch ihren Körper ziehen. Aber noch gelingt es ihr, nach außen die Fassung zu wahren. Bisher war sie es, die anderen Menschen in ihrer Not mit leichtem Humor, frohen Liedern und viel sensiblem Mitgefühl Hoffnung schenkte. Aber was tun, wenn einem plötzlich selbst der Boden unter den Füßen weggerissen wird?
Barbaras Überlebensstrategie sind ihre Erinnerungen. Regisseur Adrian Goiginger arbeitet in Vier minus drei viel mit Rückblenden; sie sind Teil der DNA des Films ebenso wie der Vorlage, dem gleichnamigen Roman von Barbara Pachl-Eberhart. Doch für Valerie Pachner verbirgt sich hinter der Geschichte mehr als eine bewegende Literaturverfilmung. Ihr diente der Austausch mit der Autorin als bereichernde Inspiration, ihr Spiel dagegen ist frei von jeder Angst, einer Wahrheit zu entsprechen, die man sowieso nur im eigenen Erleben erfahren kann.
Vielleicht liegt darin auch das Geheimnis der enormen Ausdruckskraft, mit der die 1987 in Wels geborene Österreicherin jede ihrer Rollen ausfüllt, wie etwa ihre Lola in Marie Kreutzers Drama Der Boden unter den Füßen (2019) über eine junge Business-Frau, deren aufgeräumtes Leben von ihrer psychisch kranken Schwester auf den Kopf gestellt wird. Extremerfahrungen jeder Art scheinen Pachner überhaupt besonders zu liegen, ihre ganz persönlichen eingeschlossen: Kaum hatte sie 2016 mit Egon Schiele: Tod und Mädchen ihren Durchbruch als Nachwuchsdarstellerin gefeiert, vertraute ihr Terrence Malick die weibliche Hauptrolle der Franziska Jägerstätter in seinem Drama über den Kriegsdienstverweigerer im Zweiten Weltkrieg, Franz Jägerstätter, in A Hidden Life (Ein verborgenes Leben) an; 2023 lotete sie bei den Salzburger Festspielen im „Jedermann“ das Verhältnis von Buhlschaft und Tod erstmals in einer spektakulären Doppelrolle aus. Dennoch wirkt in ihren Figuren nie eine laute, fordernde Wucht, sondern eher eine sanfte, intensive Energie, die auch Barbara in all ihrer Trauer und Erschütterung zum Weitermachen bewegt.
Frau Pachner, um ein abgewandeltes Loriot-Zitat zu bemühen: Ist ein Leben ohne Humor möglich, aber sinnlos?
Ich glaube, soweit würde ich nicht gehen. Aber Humor kann helfen, mit dem Leben vor allem in schwierigen Momenten umzugehen. Ich finde die Kraft der Umwertung extrem spannend, dass man, wenn man sich darauf einlässt, die gleiche Situation komplett anders sehen kann. Die Arbeit von Clowns im Spital und auf Palliativstationen, wie wir sie im Film zeigen, ist nur ein Beispiel dafür. In ihrer Art und Weise, mit den Patienten umzugehen, verdrängen sie die Krankheit nicht, aber sie wird anders bewertet.
Wären Sie im wahren Leben ein guter Clown?
Ich hatte wahnsinnige Angst vor den Szenen, in denen ich als Clown in Erscheinung trete, weil ich mich selbst überhaupt nicht lustig finde. Aber am Ende war ich umso mehr überrascht, wie sehr es mir auch Spaß gemacht hat. Das hätte ich nicht gedacht.
Warum?
Wie viele Menschen hatte ich lange ein eher reserviertes, ablehnendes Verhältnis zu der klassischen Idee vom Clownsein, weil ich damit oft Zirkus, Slapstick und eine Art körperlichen Humor verbunden habe, der mir gar nicht liegt. Erst in der Recherche und meinem Studium habe ich für mich entdeckt, dass Clownsein auch ganz viel mit Ehrlichkeit zu tun hat, mit Wahrheit und mit Poesie. Und es geht darum, Scham zu überwinden und Scheitern als Kunst zu verstehen. Das hat etwas extrem Befreiendes.
Auch etwas sehr Anarchisches …
Total. Diese Widerständigkeit gegen Regeln und den Status quo imponiert mir sehr. Dass Clowns jegliche Normen oder Gesetze ignorieren oder tollpatschig damit umgehen, darin liegt eine große Kraft. Worauf es am Ende hinausläuft, ist, sich selbst einfach nicht immer so ernst zu nehmen. Das würde uns allen gut tun.
Welche Art von Humor ist Ihnen persönlich am liebsten?
Bei mir braucht es nicht viel. Ich kann ziemlich schnell wegen wirklich der blödesten Sachen lachen. Es muss gar nicht wahnsinnig intellektuell sein. Manchmal genügt ein falsches Wort, ein ulkiger Versprecher oder ein unbewusster Stolperer.
Ihrer Figur im Film widerfährt ein großes Unglück, Barbara verliert von einem Moment auf den anderen ihre Familie. Aber sie begegnet diesem Schicksalsschlag zunächst mit einem großen Pragmatismus. Würden Sie selbst ähnlich handeln?
Nein, das war auch ein weiterer Aspekt, der mich an der Figur gereizt hat. Ich wäre in so einer Situation wahnsinnig wütend aufs Leben, aufs Schicksal, auf die Welt, und hätte wahrscheinlich vielmehr solche Warum-ich-Gedanken und -Gefühle. Da bin ich ganz anders als Barbara.
Hat sich die Figur für Sie verändert, nachdem Sie die Autorin der Buchvorlage kennengelernt haben?
Nicht sehr stark. Es ging mir in der Erarbeitung der Rolle auch nicht darum, die wahre Frau dahinter zu imitieren oder in sie hineinzukriechen, sondern vielmehr etwas Eigenes zu schaffen. Der Film sollte keine Eins-zu-Eins-Übersetzung ihres Lebens oder des Buches sein. Die echte Barbara zu treffen, war dann wahnsinnig toll. Ich konnte ihr einfach als Frau begegnen, auf Augenhöhe, und nicht als Quelle für meine Recherche.
Der Film arbeitet verstärkt mit Rückblenden. Für Barbara ist diese intensive Erinnerung ein wichtiger Teil des Heilungsprozesses. Wie beeinflusst das Ihre Herangehensweise an den Umgang mit Trauer in Bezug auf Ihre Figur?
Barbara selbst hat einmal gesagt, so unterschiedlich wie die Menschen sind, so viele verschiedene Wege gibt es, mit Trauer umzugehen. Ich hatte das Gefühl, für sie war es wie ein emotionaler Prozess, der in Wellen kommt und geht, immer wieder vor und zurück. So empfinde ich auch die Stimmung im Film insgesamt, wie ein Schwingen, eine Art Schwebezustand, in dem sich die Figur zwischen dem Alten und dem Neuen irgendwie zu orientieren versucht, bis sie bereit ist, loszulassen und im Hier und Jetzt anzukommen.
Barbara erinnert sich zudem an ihre Anfänge als Clown. Haben Sie diese Szenen auch über Ihre eigene Laufbahn als Schauspielerin reflektieren lassen?
Ja, es gab sogar eine Parallele zwischen mir und der echten Barbara: Sie hat ihre ersten Schauspielschritte wie ich in der Sommerschule in Graz gemacht, nur zu einer anderen Zeit. Ich habe mit sechzehn dort an einem Workshop teilgenommen.
Die Auflösung der Geschichte, wie sie Adrian Goiginger inszeniert, ist überraschend, weil sie sich plötzlich ein Stück weit von der Realität wegbewegt. Wie wichtig sind Ihnen als Schauspielerin eigentlich Filmenden?
Sehr wichtig, wobei man in unserem Beruf immer auch loslassen können muss, weil meistens erst im Schnitt entschieden wird, wie das Ende tatsächlich ausschaut. Aber so passiert es auch manchmal, dass sich mir erst im Nachhinein bei der Sichtung des fertigen Films noch Aspekte erschließen, die mir vorher vielleicht gar nicht so bewusst waren. Hier empfand ich das für mich ganz stark in dieser letzten Szene so, weil sich für Barbara in dem Moment alles von diesem sehr tragischen Schicksal löst und man auch als Zuschauer begreift, dass es darum geht, loszulassen und zu akzeptieren, wo man gerade im Leben steht.
Leichter gesagt als getan …
Sicher. Aber gerade in unserer Leistungsgesellschaft kann man die Menschen nicht oft genug daran erinnern. Uns wird immer eingebläut: Du musst Wünsche haben, Visionen verfolgen und dann wird schon alles gut werden, was ein großer Trugschluss ist. Es stimmt nicht für jeden, es stimmt nicht immer. Dem einen gibt so eine Haltung Kraft, für den anderen kann sie aber auch etwas sehr Toxisches haben.
Apropos Visionen: 2019 haben Sie mit Terrence Malick „A Hidden Life“ gedreht. Hat Sie die Erfahrung mutiger für andere Rollen und Projekte gemacht?
Nein, die Angst vor dem sich Exponieren ist geblieben. Vielleicht hat mich der Dreh ein bisschen sicherer gemacht vor der Kamera. Und dass ich meinem Weg trauen darf. Aber die Zweifel und die Aufregung, die der Beruf mit sich bringt, spüre ich nach wie vor.
Barbara schreibt im Film an ihre Freunde, dass sie das Leben wieder spüren will. Liegt darin vielleicht auch der Grund, warum Sie Schauspielerin geworden sind?
Nein, fühlen will ich das Leben in echt, in meiner Realität. Aber die Figuren, die ich spiele, helfen mir, es zu erforschen und zu ergründen mit all seinen Höhen, Tiefen und Abwegen.
