One-Battle-After-Another
One Battle After Another

HOLLYWOOD UND DIE POLITIK

Männer im Hintergrund

| Jörg Schiffauer |
Paul Thomas Andersons Menetekel „One Battle After Another“ gilt als Favorit bei der anstehenden Oscar-Verleihung. Doch in Hollywood wurden mögliche Bedrohungen der Demokratie schon vor Jahrzehnten auf die Agenda gesetzt.

Man kann Paul Thomas Anderson einen gewissen prophetisch anmutenden Weitblick nicht absprechen. Das Bild, das er in One Battle After Another von den Vereinigten Staaten zeichnet, wirkt einige Monate nach der Premiere im September des Vorjahres noch treffsicherer und deshalb auch bedrückender als möglicherweise beim Kinostart selbst. Das von immer größerer Härte geprägte Vorgehen einer Behörde wie dem U.S. Immigration and Customs Enforcement, unter ihrem Kürzel ICE zu zweifelhaftem Ruhm gelangt, hat vor allem im Bundesstaat Minnesota zu einer Zuspitzung der ohnehin schon höchst konfrontativen Situation in einem politisch gespaltenen Land geführt – erste Todesopfer inbegriffen. Obwohl in One Battle After Another der Name Donald Trump nie fällt, braucht man nur wenig Imaginationskraft, um die Zustände, die Anderson in seiner neuen Regiearbeit aufs Korn nimmt – Behörden, die beim Einsatz durch ihre Uniformen kaum noch von Armee-Einheiten zu unterscheiden sind, gnadenlos gegen Migranten und politische Gegner vorgehen, linksradikale Gruppierungen, die sich diesem Vorgehen auch mit gewaltsamen Mitteln widersetzen –, aktuell zu verorten. Auch wenn bürgerkriegsartige Szenarien im realen Amerika noch nicht vorhanden sind wie in One Battle After Another, dürfte Paul Thomas Anderson mit seiner Inszenierung eine Grundstimmung ziemlich exakt getroffen haben. Wohl nicht zufällig gilt One Battle After Another – der sehr lose auf dem 1990 erschienenen Roman „Vineland“ von Thomas Pynchon beruht – als Favorit für die diesjährige Oscar-Verleihung (die Auszeichnung der renommierten Directors Guild of America für die beste Spielfilmregie im Februar mag durchaus als valider Indikator gelten). 

Neben der Sorge um die zunehmende Polarisierung in den Vereinigten Staaten mischt sich auch ein wenig die Befürchtung, die aktuelle Regierung könnte Kontrollmechanismen – die „Checks and Balances“ gelten als ein Fundament des demokratischen Prozesses in den Vereinigten Staaten – nach und nach umgehen oder schlichtweg ignorieren, um quasi einer Form von autoritärem Regime, in dem der Präsident über fast uneingeschränkte Macht verfügt, den Weg zu ebnen. Manche Stimmen warnen davor, dass die im Herbst 2026 anstehenden midterm elections, bei denen das gesamte Repräsentantenhaus sowie ein Drittel des Senats neu gewählt werden, nicht oder nur unter eingeschränkten Bedingungen stattfinden könnten. Unruhen wie jene in Minnesota wären dabei ein Vorwand für Einschränkungen.

Es mag immer noch unglaublich erscheinen, dass man das demokratische System der Vereinigten Staaten, das noch vor kurzer Zeit als absolut gefestigt erschien, als nur irgendwie gefährdet ansieht, selbst wenn am Ende – hoffentlich – alles nur ein Gedankenspiel bleibt. Doch die Idee, dass die Demokratie von innen gefährdet werden könnte, ist zumindest im US-Kino gar nicht so neu und schon vor Jahrzehnten formuliert worden – inklusive einiger Parallelen zur Gegenwart.

So ist etwa eine tief gespaltene Bevölkerung das Ausgangsszenario für John Frankenheimers formidablen Politthriller Seven Days in May (Sieben Tage im Mai) aus dem Jahr 1964. Hauptstreitpunkt ist inmitten des Kalten Kriegs ein Abrüstungsvertrag, den der amtierende Präsident Jordan Lyman (Fredric March) mit der Sowjetunion abzuschließen bereit ist. Für die Gegner Lymans ist ein solcher Vertrag nichts als eine Schwächung der Vereinigten Staaten, mit der man das Land quasi dem Feind ausliefern würde. Doch trotz aller Widerstände hält der Präsident an seinem Vorhaben fest. Entschieden abgelehnt wird dieser Vertrag auch von General James Mattoon Scott (Burt Lancaster), dem mächtigen Chef des Generalstabs. Scott beschränkt sich allerdings nicht mehr auf seine Rolle als Militär, er nützt seine steigende Popularität auch für öffentliche Auftritte, wo er als eine Art Retter der Vereinigten Staaten erscheint. Unterstützung bekommt er dabei nicht nur von reaktionären Politikern wie Senator Prentice, sondern auch von einem einflussreichen Fernsehmoderator. Als General Scotts Adjutant Oberst Casey (Kirk Douglas) die Vorbereitung für eine großangelegte militärische Übung koordiniert, stößt er eher zufällig auf eine Reihe von Details, die ihn stutzig machen. Seine Nachforschungen lassen den Verdacht immer größer werden, dass das Militär einen Coup d‘état plant. Besagte Übung ist nur ein Vorwand, um den Präsidenten festzusetzen und sich aller wichtigen strategischen Plätze im Land zu bemächtigen. An die Spitze des Staates soll offenbar General Scott treten. Obwohl Casey seinem Chef höchsten Respekt zollt, erscheint ihm die geschworene Treue auf die Verfassung wichtiger und er entschließt sich, den Präsidenten über die Umsturzpläne zu informieren. Doch der Präsident und seine engsten Mitarbeiter müssen sich zunächst darüber versichern, wem sie innerhalb des Staatsapparats überhaupt noch vertrauen können. Seven Days in May basiert auf einem 1962 veröffentlichten, gleichnamigen Roman von Fletcher Knebel und Charles W. Bailey, das Drehbuch verfasste Rod Serling, der vor allem als Autor der TV-Serie The Twilight Zone Berühmtheit erlangte. Serlings Skript und John Frankenheimers Inszenierung verleihen Seven Days in May einen kongenial nüchternen Erzählduktus, der die Atmosphäre immer bedrohlicher erscheinen lässt. 

Ausgehend von den nicht enden wollenden Gerüchten um die  Ermordung von John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas entwirft Executive Action (Unternehmen Staatsgewalt, 1973) eine andere Art von Verschwörung auf hoher Ebene. In dem von David Miller inszenierten Thriller wird eine Gruppe schwerreicher Unternehmer für die Planung und Durchführung des Attentats verantwortlich gemacht, der als Täter geltende Lee Harvey Oswald ist hingegen nur ein Sündenbock. Die Gründe für das Attentat und damit die Hoffnung auf eine neue Ausrichtung der US-Politik sind vielfältig. Kennedys Umgang etwa in der Kuba-Frage gilt den erzkonservativen Unternehmern ganz allgemein als zu nachgiebig. Dazu kommen ganz persönliche Interessen wie etwa weniger Restriktionen für die Ölindustrie, aber auch rechtsradikale Ideen wie die eines weißen Suprematismus. Drahtzieher des sinistren Plans ist der Industrielle Robert Foster (Robert Ryan), für die Umsetzung hat er sich die Dienste des ehemaligen CIA-Agenten James Farrington (Burt Lancaster) gesichert. Dabei scheinen die Verschwörer auch über Verbindungen bis in höchste Geheimdienstkreise zu verfügen, ohne deren Unterstützung das Attentat gar nicht durchführbar wäre. Die Idee, dass ein Team von Scharfschützen den tödlichen Schuss auf Präsident Kennedy abgegeben hat, ist übrigens auch ein zentrales Motiv in Oliver Stones Politthriller JFK (1991). Das Drehbuch zu Executive Action hat mit Dalton Trumbo einer der renommiertesten Autoren Hollywoods verfasst. Trumbo hatte in der berüchtigten McCarthy-Ära selbst die Auswirkungen autoritärer Politik auf bittere Art erfahren müssen. Am Ende von Executive Action wird behauptet, dass 18 Zeugen des Anschlags auf John F. Kennedy unter oft mysteriösen Umständen ums
Leben kamen.

Man mag durchaus geteilter Meinung über solche Theorien sein, doch die Vorstellung selbsternannter Eliten, sich über demokratische Prozesse hinwegzusetzen, weil man in solchen Kreisen meint, bessere Entscheidungen im Alleingang zu treffen, – eine Haltung, die sich sowohl in Seven Days in May als auch in Executive Action finden lässt – erinnert doch deutlich an die Attitüde einiger aktuell agierender Tech-Milliardäre.